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Kupferstich von Magellans Schiff „Victoria“ (16. Jh., koloriert).
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Kupferstich von Magellans Schiff „Victoria“ (16. Jh., koloriert).

Weltumsegler Magellan

Mythos Magellan: Wie die Geschichte des Weltumseglers vor 500 Jahren endete

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vor 500 Jahren wurde Ferdinand Magellan, laut Überlieferung „Weltumsegler“, auf den Philippinen zu Tode gebracht.

Fernão de Magalhães, geboren wohl vor 1485 vermutlich in Vila Nova de Gaia, der Stadt, die gegenüber von Porto am anderen Ufer des Douro liegt, starb am 28. April 1521 auf der philippinischen Insel Mactan. Im Deutschen nennen wir ihn Ferdinand Magellan und kennen ihn als ersten Weltumsegler. Aber das stimmt ja offensichtlich nicht. Denn er kam nur bis Mactan.

Am Montag, dem 10. August 1519, dem Tag des heiligen Laurentius, der auf einem Rost gebraten worden war, brachen fünf Schiffe mit 237 Männern in Sevilla auf, fuhren den Guadalquivir hinab, bis sie San Lúcar erreichten. Hier wurden die Schiffe erst noch voll beladen. Am 20. September stachen sie endlich in See. Zwei Jahre, elf Monate und zwei Wochen später erreichten ein einziges Schiff, die Victoria, und nur 18 Mann der ursprünglichen Besatzung am 6. September 1522 wieder San Lucar. Die erste Weltumseglung war ein menschliches und ein finanzielles Desaster.

Magellan: Weltumseglung war nie geplant

Aber auch kein Triumph der Phantasie. Es war nicht so, dass die Menschheit den Traum von einer Sache hatte und dann daran scheiterte. Die Weltumseglung war nicht geplant gewesen. Magellan bot sich dem spanischen König, dem späteren Kaiser Karl V., an als der Mann, dem es gelingen würde, vom Atlantik zum Pazifik zu kommen und so die Gewürzinseln zu erreichen, ohne portugiesisches Seegebiet durchqueren zu müssen. Niemand wollte Scherereien, niemand wollte eine Weltumsegelung. Der Portugiese Magalhães werde darauf achten, dass nicht gegen portugiesische Seerechte verstoßen würde, war womöglich eine der Überlegungen der Spanier, die dazu führte, ausgerechnet ihm den Auftrag zu geben.

Magellan hatte sich ausbedungen, dass Länder und Inseln, die er im Pazifik entdecken werde, seinem Gouvernement und dem seiner Familie unterstellt werden würden. Darum fuhr er nicht, nachdem er Ende November die heute nach ihm benannte Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik passiert hatte, auf dem kürzesten Weg zu den Molukken, die heute zu Indonesien gehören, um dort Gewürznelken und Muskat zu laden. Das Ziel der spanischen Krone war ein Zugang zu den teuersten Gewürzen der Welt vorbei an portugiesischen, muslimischen, venezianischen Zwischenhändlern, direkt in die spanische Staatskasse. Magellan musste das schaffen, sonst blieb ihm nichts, aber er lenkte seine Armada weit nach Süden auf der Suche nach für ihn persönlich profitablen Territorien.

Das führte zu Konflikten mit den ihm unterstehenden Kapitänen der einzelnen Schiffe. Es gab immer wieder geharnischte Proteste, Meuterei, Schiffsverluste.

Magellan stirbt auf Mactan, eine Insel der Philippinen

Zu Tode kam Magellan aber, wie gesagt. auf Mactan, einer kleinen Insel der Philippinen. Dort kämpfte er mit 49 Männern gegen 1500. Die sehr detaillierte Schilderung macht einem klar, dass die überlegene europäische Feuerkraft, von der wir in den Schulbüchern lasen, so überlegen nicht war. „Die Büchsen und Armbrustschützen schossen fast eine halbe Stunde lang vergeblich von Weitem. Als unsere Gegner sahen, dass die Büchsen vergeblich schossen, schrien sie, dass sie entschlossen seien, standhaft zu bleiben ... Sie schossen sehr viele Pfeile, Lanzen aus Rohr, einige aus Eisen auf den Generalkapitän, des Weiteren gespitzte, geröstete Stöcke, Steine und den Schlick. Wir konnten uns kaum verteidigen…” Die Angreifer fielen über Magellan her und töteten „unseren Spiegel, unser Licht, unseren Trost und wahren Führer“.

Der Erzähler, Antonio Pigafetta – 1492 in Vicenza geboren und irgendwann nach 1525 gestorben –, schließt an diese Schilderung ein langes Loblied auf Magellan an, in dem es unter anderem heißt: „Neben anderen Tugenden besaß er jene, unerschütterlicher im allergrößten Unwetter zu bleiben, als jemals ein anderer gewesen ist. Den Hunger ertrug er standhafter als alle anderen, und er wusste genauer als jeder andere Mann auf der Welt, die Seekarten zu lesen und zu navigieren. Und dass dies die Wahrheit ist, sieht man deutlich daran“ – und jetzt kommt die Wendung, die Weltgeschichte machte –, „dass niemand anderer so viel Einfallsreichtum und Wagemut besaß, eine Umrundung der Welt zu ersinnen ... .”

Zum Weiterlesen:

Antonio Pigafettas Reisebericht wurde ins Deutsche übersetzt und kommentiert von Christian Jostmann. Erschienen ist er unter dem Titel: „Die erste Reise um die Welt – An Bord mit Magellan“ 2020 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (29 Euro).

Von Christian Jostmann, der Historiker und Hispanist ist, erschien schon 2019 das Buch „Magellan oder die erste Umsegelung der Erde“ (bei C.H. Beck für 24,95 Euro).

Stefan Zweigs 1937 im Exil veröffentlichter biografischer Roman „Magellan. Der Mann und seine Tat“ war vor sechzig Jahren meine Einstiegsdroge ins Thema (als Taschenbuch bei Fischer für 12 Euro).

Raoul Schrott ist wie immer ein Augenöffner. 2019 veröffentlichte er bei Hanser den Roman „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“, der einen der 18 Überlebenden seine Version der Dinge erzählen lässt (inzwischen auch als Taschenbuch bei dtv für 15,90 Euro).

Darauf stürzte sich das 19. Jahrhundert, um aus Magellan den Visionär zu machen, der als erster die Welt als Ganzes gesehen hatte. Dabei ist die Geschichte der ersten Weltumseglung der Beleg für: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Zur Weltumseglung kam es gezwungenermaßen. „Als die beiden letzten Schiffe der Armada, die nach langer Irrfahrt im November 1521 doch noch die Molukken erreicht hatten, ihre Segel für die Heimfahrt hissten, wehte der Monsunwind aus Nordosten ... . Vor das Dilemma gestellt, auf den Südwest-Monsum zu warten, um durch die kastilische Erdhälfte zurückzusegeln, oder sofort in See zu stechen und eine Fahrt durch portugiesische Hoheitsgewässer zu riskieren, entschieden sich die Schiffsführer für Letzteres.“

Die „Victoria“ fuhr also mit Hilfe des Nordost-Monsuns weiter nach Europa. Die „Trinidad“ aber hatte ein Leck und blieb vor Ort. Als das im Frühjahr 1522 repariert war, machte auch sie sich auf die Heimreise. Aber es war eine Rückfahrt. In kastilischen Gewässern.

Kupferstich mit Porträt des Seefahrers Magellan (um 1480-1521).

Antonio Pigafettas Reisebericht, im vergangenen Jahr erstmals vollständig auf Deutsch erschienen, ist eine lohnende Lektüre. Er ist es, weil er informativ und unterhaltend ist. Aber natürlich wissen wir nicht genau, wo er mehr vom einen und wo mehr vom anderen bringt. So berichtet er von den Bewohnern der Bucht des heutigen Rio de Janeiro, sie verspeisten die Leiber ihrer Feinde „nicht mit einem Mal, sondern jeder schneidet ein Stück ab, trägt es nach Hause und hängt es in den Rauch. Sodann schneidet er alle acht Tage ein Stückchen ab und isst es gebraten ... .” Er hat das nie gesehen. Es wurde ihm berichtet. Den Mythos, mit dem die „Indios“ – so heißen sie, obwohl die Seefahrer längst wissen, dass noch ein riesiger Ozean sie trennt von Indien – sich ihren Brauch erzählen, gibt Pigafetta wieder, als wäre es ein Augenzeugenbericht.

Mythos Magellan: Zu schön, um wahr zu sein

Besonders gut gefällt mir diese Stelle: „Für einen Karo-König gaben sie mir sechs Hühner und glaubten noch, sie hätten mich übers Ohr gehauen.“ Hier sieht man, wie Handel funktioniert. Pigafetta hatte ein Supergeschäft gemacht: sechs Hühner für eine Spielkarte. Der Indio aber wusste, er hatte viel verdient, denn für dieses bunte Bild würde er einen Kilometer weiter landeinwärts zwanzig Hühner bekommen. Sobald die Pigafettas dieser Welt das begreifen, beginnt der Kolonialismus.

Pigafetta schreibt auch: „Anfangs dachten sie, die Beiboote seien die Kinder der Schiffe und dass diese sie gebaren, wenn sie vom Schiff ins Meer gelassen wurden, Und wenn die Boote so wie üblich an der Bordwand lagen, glaubten sie, dass die Schiffe sie säugten.“ Das ist doch viel zu schön, um wahr zu sein, denke ich. Pigafetta, der ja gerne aus Romanen zitiert, hat sich diese Geschichte einfallen lassen. Aber er erzählt sie, um die Leichtgläubigkeit der Indios herauszustellen und um zu sagen, dass man sie gerade darum leicht wird missionieren können. Immer wieder gibt es bezaubernde Stellen in Pigafettas Reisebericht, und auf jeder Seite kommt man ins Grübeln übers Menschengeschlecht.

Magellan: Die Geschichte seines Schiffes „Victoria“

1529 kam es zum Vertrag von Saragossa, in dem Spanien die Molukken für 350 000 Golddukaten an Portugal verkaufte. Das war für Spanien kein schlechtes Geschäft, denn das einzige spanische Schiff, das bis dahin von den Molukken zurückkam, war Magellans „Victoria“. So immens einträglich der Gewürzhandel war, so riskant war er auch. Der „Pazifik“ bedeckt ja nicht nur ein Drittel der Erdoberfläche und enthält mehr als doppelt so viel Wasser wie der Atlantik, er war auch alles andere als friedlich.

Magellans Todesort wurde wie die ganzen Philippinen spanisch. Aber schon früh kamen Menschen aus allen Teilen der Welt dorthin: Araber, Inder, Chinesen. Eine Vielvölkerwelt mit vielen Göttern, die mal einander befehdeten, mal miteinander verschmolzen.

Magellans Weltumsegelung folgte keinem ausgeklügelten Plan. Sie war ein Naturprodukt: ein Kind des Monsun. Der Plan wurde nachträglich erfunden. Von einem Geschichtenerzählen, dem postumen PR-Mann des Ferdinand Magellan. Nur zu oft ist die Geschichte die Erfindung der Geschichtsschreibung, ein Mythos nicht so schön wie der von den Schiffen und ihren Beibooten, aber immer wieder beängstigend wirkungsmächtig.

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