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Der Blick auf die Gebirgslandschaft nahe Zanjan im Nordwesten des Iran, in der auch das alte Salzbergwerk liegt. Foto:

Archäologie

Museumschef David zum Iran: „Wir Wissenschaftler müssen im Gespräch bleiben“

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Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt, über den Kontakt zum Iran, die abgesagte Ausstellung „Tod im Salz“ und den Plan, sie doch noch zustande zu bringen.

Wolfgang David , geboren 1961 in Kassel, ist seit 1. Januar 2018 Leitender Direktor des Archäologischen Museums in Frankfurt am Main. Zuvor war er von 2005 bis 2017 Leiter des neu eröffneten Kelten Römer Museums in Manching. Er hat sich unter anderem als Spezialist für die Bronzezeit und die Kultur der Kelten einen Namen gemacht. Weltweit bekannt wurde er durch Ausgrabungen im Konzentrationslager Dachau.

Herr David, wie lange haben Sie an der Vorbereitung der großen Ausstellung „Tod im Salz“ gearbeitet, die Sie jetzt absagen mussten?

Wir sind vom Archäologischen Museum in Frankfurt am Main aus zwei Jahre mit der Ausstellung beschäftigt. Es handelt sich um das erste neu angegangene Ausstellungsprojekt als neuer Direktor seit Anfang 2018. Die Ausstellung basiert auf einem langjährigen Forschungsprojekt des Deutschen Bergbau-Museums Bochum und wurde von der Gerda Henkel Stiftung gefördert. Im Iran begannen 2010 Ausgrabungen in einem alten Salzbergwerk ...

... wo liegt das genau?

Wolfgang David leitet das Archäologische Museum in Frankfurt.

In Douzlakh nahe der Großstadt Zanjan im Nordwesten des Iran. Sechs Autostunden von Teheran entfernt breitet sich dort eine grandiose Berglandschaft aus, sehr abgelegen und einsam. Meine erste Dienstreise als neuer Direktor in Frankfurt ging damals in den Iran. Wir unterzeichneten im März 2018 mit den iranischen Kollegen eine Absichtserklärung, dass wir eine Ausstellung in Frankfurt und Bochum machen wollten. Es gab einen Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Irna und wir waren mit großem Foto der Aufmacher auf der Website von Irna. „Iran signs contract with European museum“, das ist ein wichtiges Kultur- und Forschungsprojekt ...

... das erregte Aufsehen ...

... Ja. Es gab sogar einen Bericht im iranischen Fernsehen. Denn es geht ja um einen kulturellen und wissenschaftlichen Austausch zwischen dem Iran und Deutschland. Wir wollen Funde aus dem Iran in Deutschland zeigen und umgekehrt Stücke aus Deutschland und Österreich im Iran.

Was ist das Einmalige an den Funden im Iran?

Es gibt nur drei prähistorische Salzbergwerke auf der Welt, die bekannt sind: Hallstatt und Dürrnberg in Österreich. Und dann eben Zanjan. 1993 wurde in dem Salzbergwerk dort, das damals noch in Betrieb war, ein Toter gefunden. Es stellte sich heraus, dass die Leichenteile aus der Antike stammten.

Von wann etwa?

Es sind mittlerweile acht verunglückte Bergleute dort gefunden worden. Die ältesten sind aus der Zeit der Achaimeniden-Herrscher, also 400 Jahre vor Christus. Sie sind also 2400 Jahre alt. Zu den Achaimeniden gehörten auch Xerxes und Dareios, der gegen Alexander den Großen kämpfte. Dieses Weltreich hat Europa und insbesondere Griechenland viele Impulse gegeben. Einige der Toten stammten aus einer jüngeren Periode, aus der Zeit des Sassaniden-Reiches, also 224-651 nach Christus. In der Ausstellung wollen wir den letzten Tag im Leben eines der Bergleute rekonstruieren. Es sind sogar die Farben ihrer Kleidung noch zu erkennen. Farbige Textilien, Lederhandschuhe, antike Feuerzeuge: All das ist da. Das Salz hat das alles konserviert.

Das heißt, mehrere hundert Jahre vor Christus wurde in Persien bereits Salz abgebaut?

Uralte Kleidungsstücke, die im Salz konserviert wurden.

Ja. Und dabei gab es Unglücke. Man sieht das an der Lage der Toten, mit dem Kopf nach unten, die Arme über dem Kopf, um sich noch zu schützen. Sogar der Mageninhalt ist noch erhalten, das ist absolut faszinierend. Es gibt einen einzigartigen Einblick in die Lebensweise damals, den man sonst in der Archäologie mangels Erhaltung nicht hat. Wir haben uns sehr gefreut, dass uns auch der Kulturfonds Rhein-Main unterstützt. Wir wollen im Rahmenprogramm thematisieren, wie mit menschlichen Überresten umzugehen ist. Was kann man ausstellen, wie kann man es ausstellen? Wir wollen keinen Voyeurismus, keine Sensationshascherei. Wir wollten den Raum mit den Leichenteilen der Salzmumie 1 klar abgrenzen von der übrigen Ausstellung.

Es wäre auch um die Würde der Menschen gegangen.

Ja, ganz stark um die Würde im Tod. Wir wollen den Tag des Unglücks als Graphic Novel zeigen. Was bedeutete das, dass die Söhne, Ehemänner, Väter nicht mehr in ihr Dorf zurückkehrten? Man wird ein dumpfes Grollen von dem Unglück vernommen haben, die verschütteten Männer wurden erst nach 2000 Jahren geborgen.

Warum mussten Sie diese Ausstellung jetzt absagen?

Schon die Vorbereitung war schwierig gewesen. Wir haben hier im Museum in Frankfurt einen großen Vorteil, bei uns arbeitet nämlich eine iranisch-stämmige Kuratorin, Natascha Bagherpour Kashani. Bei ihr, die schon seit Jahren in das Grabungsprojekt involviert ist, lag die Hauptlast der Vorbereitung. Ihr Vater ist Iraner, die Mutter Deutsche, sie spricht Persisch und besitzt zwei Pässe. Die Verhandlungen für den Vertrag mit den iranischen Kollegen haben lange gedauert. Unser großes Problem sind die US-Sanktionen gegen den Iran. Der Iran wollte natürlich auch Rückgabe-Garantien für die einmaligen Funde. Es gab die Befürchtung, dass diese einfach beschlagnahmt werden könnten, dass die Funde als Geisel genommen werden könnten, so wie die USA das Vermögen bestimmter iranischer Persönlichkeiten eingefroren haben, die an den Iran gehen sollten. Es geht hier schließlich um das Kulturerbe Irans.

Es ging darum, Versicherungen abzuschließen.

Schon im Sommer 2019 hat die erste Versicherung den Vertrag gekündigt unter Hinweis auf die US-Sanktionen.

Das heißt, die Versicherung hat dem Druck der US-Regierung nachgegeben?

Man kann schon sagen: Es war vorauseilender Gehorsam. Denn es gibt ja keine Sanktionen vonseiten der EU. Der Mutterkonzern der Versicherung ist im Amerika-Geschäft.

Und der Mutterkonzern hatte Angst, sein Amerika-Geschäft zu verlieren?

Die Ausstellung

 „Tod im Salz – Eine archäologische Ermittlung in Persien“ sollte im März beginnen, musste aber „auf unbestimmte Zeit“ verschoben werden. Grund ist die seit Jahresbeginn noch einmal verschärfte politische Lage im Mittleren Osten.

Und dass die Mitarbeiter der Vertretungen in Deutschland Probleme mit der Mutter bekommen. Auch bei den Kunst-Speditionen gab es nur Absagen. Die wollten kein Angebot abgeben mit Blick auf ihre US-Geschäfte. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber das sind durchaus große Speditionen, die man kennt. Die stiegen dann aus. Zuletzt gab es nur noch eine Versicherung, die es machen wollte. Die Zeit wurde knapp. Am 24. März sollte die Eröffnung der Ausstellung sein. Alles war festgelegt. Dann wurde am 8. Januar die ukrainische Passagiermaschine vom iranischen Militär über dem Iran abgeschossen. Und kurz danach kam die Absage von der letzten Firma.

Der wissenschaftliche Austausch leidet also unter den Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran?

Ja, der Austausch leidet massiv. Die iranischen Kollegen waren genauso wie wir sehr enttäuscht und traurig. Es ist nicht gescheitert am Verhältnis zwischen Deutschland und dem Iran. Unser Kontakt zu den Kollegen im Iran ist sehr gut.

Wie ist die Situation der Wissenschaftler im Iran?

Die Wissenschaftler dort arbeiten sehr professionell und sehr gut. Zu unserem Austausch gehören ja auch Besuche aus dem Iran. Iranische Restauratorinnen waren jetzt in Deutschland. Umgekehrt beraten wir das iranische Museum in Zanjan. Es gibt dort große Begeisterung und große Fachkenntnis. Der Iran besitzt fantastisch ausgebildete Wissenschaftler. Es gibt dort ein sehr hohes Bildungsniveau. Die archäologischen Restaurierungswerkstätten in Teheran besitzen allererste Qualität.

Die iranische Archäologie kann absolut bestehen im weltweiten Vergleich?

Ja, die kann absolut bestehen. Wenn man das große Iranische Nationalmuseum sieht in Teheran, das von einem französischen Architekten in den 30er Jahren errichtet wurde, dann ist es natürlich nicht so luxuriös und modern ausgestattet wie das Museum für Islamische Kunst. Das ist in Teheran natürlich das Top-Museum.

Leiden die Wissenschaftler unter dem Druck des Regimes?

Es gibt Reisebeschränkungen. Aber die Menschen sind sehr offen. Deutschland und Iran haben immer enge Kontakte gehabt. Ich plädiere dafür, diese Kontakte unbedingt zu halten. Wir sind nicht blauäugig, was die politische Unterdrückung und außenpolitischen Umtriebe angeht. Aber wir Wissenschaftler müssen im Gespräch bleiben. Ich habe meine Doktorarbeit geschrieben über Bronzezeitfunde in Ungarn. Die war fast fertig, als 1989 der Eiserne Vorhang fiel. Ich habe es in den Jahren davor noch erlebt, dass ich mich in Ungarn jeden Abend bei der Polizei melden musste. Aber in der Archäologie gab es immer Kontakte über den Eisernen Vorhang hinweg.

Das galt für Sie auch später zur Zeit des Krieges zwischen der Nato und Serbien.

Ja. Während der Nato-Angriffe auf Belgrad stand ich in E-Mail-Kontakt mit meinen serbischen Kollegen. Ich habe mir diesen E-Mail-Verkehr damals komplett ausgedruckt, nicht, dass mir die alten Dateien kaputtgehen. Meine Kollegen in Belgrad mailten mir gewissermaßen „live“: Jetzt fliegt die Nato wieder Angriffe, das Kraftwerk brennt ...

Wie war es jetzt bei Ihren Besuchen im Iran?

Die Leute kamen ständig auf mich zu, haben Selfies gemacht. Ich kann nur davor warnen, den Kontakt zu Iran abzubrechen und die Leute allesamt zu Teufeln aufzubauen. Das führt nicht weiter.

Hoffen Sie, dass die Menschen im Iran einen Wechsel herbeiführen?

Ich fürchte, das wird kaum möglich sein. Es geht nur evolutionär. Das Regime ist noch stark. Die wirtschaftliche und politische Macht der Revolutionsgarden ist groß.

Wie kann der politische Wechsel gelingen?

Vielleicht durch einen Wechsel an der Spitze der Geistlichkeit, durch einen neuen Revolutionsführer, der die entscheidenden Schritte geht. Ich muss immer daran denken, wie es in der Sowjetunion war, als Gorbatschow an die Macht kam und Reformen begannen.

Sie halten den Kontakt in den Iran?

Ja. Wir wollen zukünftig in unserer Dauerausstellung die Bedeutung des Perserreiches für die europäische Antike darstellen. Europa hat von der Wissenschaft und der Kultur der antiken Perser sehr profitiert.

Haben Sie die Hoffnung, die Ausstellung „Tod im Salz“ noch in Frankfurt zeigen zu können?

Nicht nur die Hoffnung. Wir bereiten weiter vor, planen weiterhin. Sie sind jetzt der Erste, der das erfährt. Planmäßig wäre das Bergbaumuseum ab Herbst die zweite Station der Ausstellung gewesen. Bochum versucht nun, die Funde noch im Sommer nach Deutschland zu holen, um sie ab Herbst zu zeigen. Und wir würden uns dann 2021 anschließen. Wir machen einen neuen Anlauf. Die Funde waren jetzt 2400 Jahre im Boden. Da kommt es auf ein Jahr nicht an.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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