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Monika Grütters, hier 2019 in Schloss Meseberg, das als Gästehaus der Bundesregierung genutzt wird.
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Monika Grütters, hier 2019 in Schloss Meseberg, das als Gästehaus der Bundesregierung genutzt wird.

Kulturpolitik

Monika Grütters’ Gespür für Vorwärts- und Seitwärtsbewegungen

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Seit acht Jahren bestimmt die Kulturstaatsministerin die Geschicke des deutschen Kulturlebens. Noch ist offen, ob sie auch nach der Wahl weitermacht. Eine Bilanz.

Wo immer Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesen Tagen empfangen wird, umweht sie der Hauch des letzten Mals. Eine Weltpolitikerin auf Abschiedstournee, deren Bilanz nach 16 Jahren selbst unter ihren politischen Gegnern freundlich ausfällt. Eine kühle Pragmatikerin, deren wirksamster Trumpf es war, fast bis zuletzt unterschätzt zu werden.

Letzteres dürfte ihre Parteikollegin Monika Grütters, die über die Hälfte der Merkel-Regentschaft hinweg die kulturpolitischen Belange des Landes angeleitet hat, weder für sich in Anspruch nehmen, noch kann man es für sie gelten lassen. Als Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestags hatte sie intime Einblicke in nahezu alle vom Bund geförderten Kulturbereiche, ehe sie in ihr Büro ins Kanzleramt einzog. Als umtriebige Zeitgenossin war sie gegenüber randständigen Milieus und Subkulturen durchaus aufgeschlossen, und für ihre Hintergrundtermine liebte sie es, ihre Gäste an originelle, weitgehend unbekannte Orte zu locken.

Und als sie schließlich auf die Terrasse des Ungers-Baus hinaustreten durfte, den sie deshalb als schönsten Arbeitsplatz der Welt bezeichnet, wurde sie in ihrer neuen Rolle wegen ihrer Sachkompetenz und politischen Eigenständigkeit weithin begrüßt.

Wenn nun zum Ende der Ära Merkel eine kulturpolitische Bilanz zu ziehen ist, zu der es für Grütters durchaus noch einen Nachschlag geben kann, dann ist bei Anerkennung ihrer ordnungspolitischen Geradlinigkeit nicht zu übersehen, dass in Deutschland seit nunmehr 16 Jahren eine Kulturpolitik mit liberal-konservativer Handschrift betrieben worden ist, die gelegentlich ideologische Züge annahm.

Am prägnantesten drückte diese im Zusammenhang mit der zähen Entwicklungsgeschichte des Humboldt-Forums aufs Papier, das zugleich Grütters’ nachhaltigste Hinterlassenschaft ist – wie auch immer die neue Ausgestaltung fortgesetzt werden wird. Das Symbol, unter dem es im Verständnis einer befriedeten Weltkultur daherzukommen scheint, trägt die Züge eines religiös-paternalistischen Führungsanspruchs, der alle wohlmeinende kulturelle Offenheit konterkariert.

Das Gebot der Unterwerfung jedenfalls, das vom Romantiker auf dem preußischen Thron, Friedrich Wilhelm IV., stammt, kulminiert unübersehbar in dem Satz: „Es ist kein anderer Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

Monika Grütters hat die wenig dialogbereite Botschaft als historische Referenz an die wechselnden Schlossherren stets verteidigt und sich wohl auch zu eigen gemacht als Geste gegenüber einer parteipolitischen Klientel, dem jene kulturelle Offenheit, die Grütters und Merkel verkörpern, stets zuwider war. Wer als nächstes die Belange der Kultur im Bundeskanzleramt vertritt, wird sich fragen müssen, wie er oder sie sich zu kulturkämpferischen Strömungen verhält. Mehr denn je, so ist zu befürchten, wird auch die staatliche Kulturförderung unter den Druck politischer Kampflinien geraten.

Staatliche Macht und deren Repräsentation hat sich seit jeher in Baupolitik manifestiert, auch wenn diese sich in demokratischen Gesellschaften etwas weniger demonstrativ darzustellen vermag als in ihren feudalistischen Vorläufern. Die Planungen für das Humboldt-Forum waren weitgehend abgeschlossen, als Grütters die Aufsicht über die Baufortschritte und -verzögerungen übernahm. Dabei lässt es sich durchaus als allgemeines Problem beschreiben, dass selbst die entschlussfreudigsten Menschen einen Großteil ihrer Amtszeit damit verbringen, die To-do-Listen anderer abzuarbeiten.

Nicht selten gegen die eigenen Überzeugungen. In Bezug auf das Freiheits- und Einheitsdenkmal hat Grütters stets die Auffassung vertreten, das wahre Erinnerungsdenkmal deutscher Geschichte sei das Brandenburger Tor. Eine etwas reaktive Haltung, steht das Tor doch nicht nur für den Aufstiegs- und Machtwillen Preußens, sondern auch für politische Bewegungen, die das Bauwerk für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten.

Trotz ihre langen Amtszeit muss Monika Grütters nach Bernd Neumann, der ebenfalls acht Jahre im Amt verbracht hat, die ernüchternde Erfahrung machen, gerade hinsichtlich der gebauten Kultur bestenfalls Anstöße geben zu können. Das Bedürfnis nach architektonischer Repräsentation mündet paradoxerweise darin, den Ertrag den nachfolgenden Generationen hinterlassen zu müssen.

Das gilt auf besondere Weise für das Museum der Moderne auf dem Kulturforum am Potsdamer Platz, das am ehesten den Beinamen eines Grütters-Museums verdient, so entschlossen hat sie sich gegen alle inhaltlichen und architektonischen Einwände für die Errichtung eines Hauses durchgesetzt, das sich der in Berlin bislang vernachlässigten Moderne widmen soll. Das Dilemma zeitgenössischer Kunst, langsam in die Geschichte überzugehen, gilt erst recht für die Gebäude, in denen sie aufbewahrt wird. Dass das entstehende Gebäude gerade in klimapolitischer Hinsicht ein Desaster zu werden droht, hat Grütters weitgehend ignoriert.

Zur Charakterisierung des Gestaltungswillens der Monika Grütters gehört indes ihre Begabung, ihre Vorstellungen über eine ausgeprägte Personalauswahl zu festigen. Ihr mit Machtbewusstsein gepaarter Charme hat eine Reihe von Besetzungen hervorgebracht, von denen die Hauptstadt Berlin noch einige Jahre profitieren könnte. Frauen zuerst war dabei oft eine Devise, mit der sie jedoch nie dogmatisch verfuhr. Bei der Entwicklung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung etwa ist es deren Direktorin Gundula Bavendamm gelungen, eine überaus turbulente und von Grabenkämpfen durchfurchte Vorgeschichte der Institution zu beruhigen und diese zu einem wichtigen Ort der geschichtspolitischen Reflexion zu machen.

Den Berliner Filmfestspielen hat Grütters nach fast zwei Jahrzehnten einer von Dieter Kosslick praktizierten jovialen Kauzigkeit mit Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek einen Hauch von Weltläufigkeit einziehen lassen, der durch die Pandemie allerdings jäh gebremst worden ist. Wie viele andere Kulturbereiche wird insbesondere der Film für seine künftige Verbreitung seine Schlüsse aus der Pandemie ziehen müssen. Die Berlinale sollte sich dafür als diskursive Plattform anbieten können.

Man wird den Personalentscheidungen von Grütters nicht vorhalten können, einem eindimensionalen Besetzungsmuster zu folgen. Durch Raphael Gross hat das Deutsche Historische Museum (DHM) die nötige Intellektualität erhalten, um konkrete historische Erfahrungen für die Begegnung mit einem großen Publikum aufbereiten zu können. Komplexe gesellschaftliche Konstellationen wie etwa die Verstrickung der Kunstausstellung Documenta mit dem Nationalsozialismus wurden hier in anschaulicher Weise nachvollziehbar gemacht, ohne in den Verdacht zu geraten, eine mutwillige Umkehr politischer Vorzeichen zu betreiben.

Mit der Berufung der Niederländerin Hetty Berg ans Jüdische Museum und dem aus Kamerun stammenden Bonaventure Ndikung an das Haus der Kulturen der Welt sind für die Zukunft wichtige Akzente einer geschichtsbewussten Kulturpolitik gesetzt worden, die ihre Wirkung erst noch entfalten wird.

Nicht alle personellen Entscheidungen sind geglückt. Dass Udo Kittelmann als leidenschaftlicher und gewiefter Kulturmanager vorzeitig als Direktor der Nationalgalerie ausgeschieden ist, mag private Gründe haben. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, dass Kontroversen über die inhaltliche Ausrichtung großer Institutionen zuletzt vor allem hinter verschlossenen Türen geführt wurden und kein Gegenstand ästhetischer und politischer Auseinandersetzungen waren. In diesem Sinne ist auch der verblüffende Rückzug von Thomas Oberender bei den Berliner Festspielen zu bewerten, dessen Versuche, neue Wege bei der Dramatisierung künstlerischer Präsentationsformen zu beschreiten, keinen Rückhalt fanden. Die Corona-Pandemie hat keineswegs nur die individuelle Gesundheit angegriffen, sondern auch den sozialen Körper vor die Aufgabe gestellt, neue Darstellungs- und Kommunikationsformen auszuprobieren.

Kulturpolitik ist stets auch gesellschaftliches Probehandeln und bedarf eines guten Gespürs für Vorwärts- und Seitwärtsbewegungen. Monika Grütters war ihrer Zeit nicht unbedingt voraus, aber wiederholt hat sie gegenüber tektonischen Verschiebungen in der gesellschaftspolitischen Landschaft den richtigen Instinkt bewiesen. Das finanziell überaus aufwändige Programm „Neustart Kultur“ war auf die Notsituation in der Corona-Pandemie ausgerichtet, in der schnelle und praktische Hilfe den Vorrang haben mussten. Aber es konnte sich des Vorwurfs nicht erwehren, zu erratisch und bürokratisch gehandhabt zu werden.

Ihre problemorientierte Reaktionsschnelligkeit hatte Grütters bereits früh in ihrer Amtszeit bewiesen. Als der alternde Kunstsammler Cornelius Gurlitt mit Koffern voller Kunst fragwürdiger Herkunft durch die Lande zog, hat sie darin eine nationale Angelegenheit erkannt und entsprechend die Weichen für eine Provenienzforschung gestellt. Zweifellos stand dabei das Gespür für den aktuellen politischen Handlungsbedarf im Vordergrund. Zugleich hat Grütters aber auch den Stellenwert des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste in Magdeburg erkannt und die 1994 zunächst als Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern gegründete Institution zu einer wichtigen Archiv- und Forschungsstätte der Erinnerungspolitik gemacht.

Als Bernd Neumann die Geschäfte führte, war das Stichwort Dekolonisierung ein Kampfbegriff von am linken gesellschaftlichen Rand agierender Aktivisten. Stichworte wie „Washingtoner Erklärung“ und der Blick auf Kunst, deren Herkunft infolge von NS-Raubzügen ungeklärt und umstritten war, bestimmten die Diskussionen über Rückgabe. Lange sprach man lieber von Wiedergutmachung, nicht zuletzt, um Restitutionen in klar geregelten Verfahren aus dem Weg zu gehen. Zweifellos hat auch Grütters eine eher defensive Politik der Besitzstandswahrung zu verantworten, aber auf politischer Ebene hat sie als eine der ersten erkannt, dass die Frage nach der Kunst aus kolonialen Kontexten in deutschen Museen entscheidenden Einfluss auf die Bedeutung und Akzeptanz eines künftigen kulturellen Selbstverständnisses haben wird.

Sollte die Amtszeit von Monika Grütters im Herbst enden, hinterlässt die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ihrem Nachfolger oder ihrer Nachfolgerin gleich mehrere schwer zu handhabende Baustellen. Die undurchsichtigste Aufgabe wird die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) sein, die Grütters durch Bestellung eines Gutachtens des Deutschen Wissenschaftsrats ausgelöst hat.

Neben der Frage, wie das künftige Organigramm dieses gigantischen deutschen Museums- und Forschungsverbunds aussehen wird, fordert die SPK-Reform vor allem auch den deutschen Kulturföderalismus in seiner bisherigen Existenz heraus. Grütters hat sich an der Trägheit der Einrichtungen gerieben, angestoßen aber hat sie einen langwierigen Prozess aus Gesetzesänderung und die bislang noch kaum erfasste Tatsache, dass Berlin die Hauptstadt einer Kulturnation ist, deren Grundverständnis nicht von der Tätergeschichte ihrer Vorgängerstaaten abzulösen ist.

Das allerdings gehört im Kanzleramt nicht auf den Schreibtisch der Kulturstaatsministerin, die Ausstellungen eröffnet und Museen baut, sondern ganz oben auf die Agenda nationaler Verantwortung. Und natürlich stellt sich gerade nach der Pandemie die Frage dringlicher denn je, ob es eines Kulturministeriums bedarf, das den Namen verdient.

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