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Wilhelm Raabe, geboren 1831, gestorben 1910, in seinem letzten Lebensjahrzehnt.
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Wilhelm Raabe, geboren 1831, gestorben 1910, in seinem letzten Lebensjahrzehnt.

Reichsgründung 1871

Mitten im wirbelndsten Leben

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Die Reichsgründung ist im Werk von Wilhelm Raabe ein Kapitel, dass unbedingt wiederentdeckt werden darf.

Nicht dass er hätte mitreden dürfen, groß sowieso nicht. Auch wenn er das Großspurige zu Wort kommen ließ. Etwa indem er eine Figur, einen Delegierten, einen Deutschlandbewunderer, auf einem Kongress ausrufen ließ: „,Ich ritt, stritt und litt für Deutschland, und ich stimme – nein – ich enthalte mich der Abstimmung!‘“ Wie nun, ja, nein? Dafür oder dagegen? Deutschland, ein Dazwischen, damals.

Wilhelm Raabes Roman „Gutmanns Reisen“ gab und gibt tiefe Einblicke in ein Kongressgeschehen, wie es sich 1860 in Coburg zeigte, auf der ersten Generalversammlung des Deutschen Nationalvereins bitterernst, pathetisch, urkomisch. Raabe war mit Ende 20 selbst dabei gewesen, hatte mitgemischt – und hatte 1890, als er in seinem 60. Lebensjahr den Roman abschloss, seine Fiktion mit Fakten aufgefüttert, bis hin zu dokumentarischen Passagen aus den Redeprotokollen. Coburg 1860, das war eine der Vorgeschichten zum Kaiserreich, 1871. Coburg, das bedeutete für die liberalen Nationalen eine Aufbruchstimmung, deren kuriosen Verbalradikalismus kein Mensch so klar durchschaute wie eine weibliche Nebenfigur, „die Mutter des Hauses“, Line Gutmann, wenn sie gegen die „allgemeindeutsche patriotische Wut“ ihrer beiden Männer, Vater und Sohn, stichelte: „Auf der einen Seite wollt ihr das Deutsche Reich gründen, auf der anderen möchtet ihr gern alles beibehalten, was das alte in tausend Fetzen zerrissen hat.“

Wilhelm Raabe selbst wurde nie Delegierter oder Abgeordneter, so dass man ihm das Wort übergeben hätte. Er stand 1871 nicht am Straßenrand lautstark auf den Zehen, für Kaiser und Kanzler. Und wenn er erwiesenermaßen kein Fürst war, um sich das Wort selber zu erteilen, so war Wilhelm Raabe ein Schriftsteller der Gründerzeit, unter ihnen wahrhaftig eine Großmacht, der an einer Stelle seiner 68 Werke von einem Unglück erzählte - für die Epoche bezeichnend, einem Unglück neuer Art: „Allgemeines Herausklettern – Durcheinander von Frage und Antwort – hie und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach dem Charakter oder der Eile der persönlichen Reisenot heftiges Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen!“

Ein Eisenbahnunglück! „Wer es schon mitgemacht hat, weiß es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt“, meinte der Autor so lakonisch wie ironisch, wusste doch Wilhelm Raabe (wahrscheinlich), dass sein Eisenbahnunglück das (sozusagen) erste in der deutschen Literatur war, zu finden in seiner Erzählung „Meister Autor“, die 1874 entstand, drei Jahre nach der Reichsgründung. Thema, Raabes Thema: der Wandel aller Lebensverhältnisse. Die Eisenbahn wurde zum Sinnbild bedrohlicher Beschleunigung, der Crash zur Allegorie des Zusammenstoßes von Stadt und Land.

Modernisierung und Reichsgründung – Gründerzeitfieber. Fiebrig die Menschen in der Erzählung „Horacker“, die 1876 entstand, umtriebig in „Fabian und Sebastian“ (1881), in „Prinzessin Fisch“ (1883) oder „Villa Schönow“ (1884). Und wie aufgewühlt erst in „Pfisters Mühle“, dem ersten deutschen Umweltroman, 1885 veröffentlicht. Die Umstände der Reichsgründung ließen Raabe nicht los, 1892 erschien „Gutmanns Reisen“, die besonders exquisit erzählte Geschichte der Vorgeschichte der neuen Zeit. Bei allem spekulierte auch der freie Schriftsteller Raabe auf schroff veränderte Voraussetzungen. „Wir sind hier“, schrieb er einem Briefpartner, „der festen Meinung, dass nach abgeschlossenem Frieden eine sehr günstige Zeit für die ‚Romanschreiber‘ kommt.“

Im Grunde bedurfte es keiner besonderen Umstände, um in das Thema zu finden. Befand man sich doch mittendrin in Turbulenzen, in einer großen Zeit, da war sich eine auf Schlachtfeldern zusammengeschweißte und durch Nationalismus gedopte Nation einig. Und damit nicht genug, es hieß sogar von ihr, es sei unter den Epochen der deutschen Geschichte die größte, ever. So tönte 1871 die Politik, so tönte die Publizistik, so hob der Volksschullehrer an, so lärmte es, der Kaiserproklamation huldigend, von den Kathedern der Historiker. Euphorie, Hysterie, es flogen nach dem 18. Januar 1871 auf der Straße die Hüte hoch. Ein einziges Einvernehmen als Nation, Einigkeit und regelrechter Furor.

In der Sache machte ausgerechnet ein Autor nicht mit, der die Reichsgründung als Bürger energisch befürwortet hatte. Das Verhalten der Menschheit ihren Weltgeschichten gegenüber, und Raabe wählt den Plural, sei vergleichbar dem Verhalten einer „guten Hausfrau ihren häuslichen Vorkommnissen“ gegenüber, nämlich: „unpathetisch“, und das macht die Analogie, vorfindbar in der Erzählung „Horacker“, eben nicht frauenfeindlich, aber fundamental unheroisch.

Raabe war von dem, was sich politisch etablierte, dem Ereignis, das der Kaiserproklamation vorausging, dem Triumph über Frankreich, überzeugt. In einem Brief feierte er ihn als „welthistorischen Ausgangspunkt unseres Volksglücks“. Im Anschluss an die Annexion Hannovers, 1866, hatte der Autor eine Photographie von Bismarck erworben, 1871 kam eine Bismarck-Büste ins Haus, ins Arbeitszimmer.

Im Roman „Villa Schönow“ las sich „der Nachklang eines weltgeschichtlichen Faktums“, und wie es sich nach zehn Jahren „auszittert“, anders. Raabes Enthusiasmus war im realen Lärm des politischen Lebens verflogen, zu schal das nationale Dasein, zu banal das rücksichtslose Wirtschaften. Was in der Raabe-Literatur als skeptische Wende bezeichnet worden ist, lässt sich mit Enttäuschung erklären – im „Meister Autor“ diese zwei Sätze: „Auf die lange, heiße Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der unvermutete Stillestand und der jähe Schrecken! Mitten im wirbelndsten Leben die aufdringlichste Kunde von den Trümmern und dem Tode da vorn auf der anscheinend so glatten Bahn.“

Da vorn, das war der Fortschritt, der Trümmer und Tod hinterließ, auf glatter Bahn. Nein, ganz und gar nicht so behaglich, wie immer wieder kolportiert, geht es in den Erzählungen und Novellen und Romanen wahrhaftig nicht zu, auch wenn das Wort behaglich in ihnen immer wieder auftaucht, wie ein Signalwort. Es leuchtet, manchmal mehrfach auf nur einer Seite, so dass sich Leser und Kritikerinnen sagen: aha! Wie zur Bestätigung, sagen sie es sich, sie könnten auch sagen: Haben wir’s doch, er sagt es ja selbst, Raabe.

Aber wer sagt es eigentlich? Der Autor Raabe oder dessen Erzähler oder eine Figur? Oder der erzählte Erzähler, ein Autor-Erzähler? Die gute alte Zeit, von verschiedenen Stimmen so genannt, war alles andere als eine der Harmonie und des Friedens, dennoch ist die gute alte Zeit das Kontrastbild zur „neuen Zeit“, einer „neuen Gegenwart“ um 1870/71. Die Gegenwart der Spekulation ist von schillernder Präsenz, beruflich und privat, vor dem Traualtar soll beides sich vermählen. Ein „Moloch des Strebertums“, Vertreter eines neuen Beamtentypus, ein „schlauer Süßling“, spekuliert in „Kloster Lugau“ auf eine lukrative Partie.

1871 - Eine FR-Serie

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Nach 1945 galten die Umstände als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragte die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles im Gedächtnis geblieben sind. Zum Auftakt erschien am 31.12. 2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs. Es folgten ein Gespräch mit dem Historiker Christoph Nonn sowie Texte über den kriegerischen Weg zur Reichsgründung, über Bismarck, die Reaktionen im Ausland, den Antisemitismus, die Arbeiter- und Frauenbewegung sowie den Föderalismus. Alle Texte unter fr.de/1871

Eine Rarität, gemessen an seinem Gesamtwerk, ist Wilhelm Raabe auf dem heutigen Buchmarkt. Die letzte Gesamtausgabe in 24 Bänden geht auf die Jahre 1968 ff. zurück. Die neunbändige Ausgabe aus dem Jahr 1981 ist so gut wie verschollen, auch in den Internet-Antiquariaten. Die zehnbändige Insel-Taschenbuchausgabe aus den 80er Jahren ist sehr eigenwillig ediert. Die hier erwähnten zeitkritischen Erzählungen und Romane klauben sich Interessierte am besten und preiswertesten in gut 100 Jahre alten Einzelbänden zusammen.

„Pfisters Mühle“ gibt es in Reclams Universalbibliothek (275 S., 8 Euro).

Auf Konkurrenz basiert das liberale Verständnis bürgerlicher Freiheitsrechte – von Raabe nicht ätzend, aber mit dem für ihn typischen Humor erzählt, wenn die Liberalen in Coburg eintreffen und sich auf Quartiersuche begeben als eine Ellenbogengesellschaft. Humor also, und es mag sein, dass er (ästhetisch) etwas Verbindliches und (politisch) etwas Versöhnliches hat, zumal dann, wenn Raabe Motive und Handlungsstränge verschränkte. Etwa schwankende politische Verhältnisse und schwankende Gestalten, die den Weg aus dem erhitzten Gasthaus ins angewärmte Bett nicht mehr auf direktem Wege finden, sondern nur zwischen Hauswand und Rinnstein. Sinnbild des deutschen Sonderwegs, na, ja, man sollte nicht übertreiben, aber man kann gar nicht genug unterstreichen, dass Raabe mit seiner perspektivischen Erzählweise grandios jonglierte.

Der Bürger Raabe bezeichnete sich selbst als „Realpolitiker“, die Selbstzuschreibung findet sich in seinen Briefen, er ging mit ihr jedoch nicht an die Öffentlichkeit, auch wenn er während seiner Stuttgarter Zeit, von 1862 bis 1870, politisch engagiert war, in Gaststätten und auf Versammlungen mitmischte, unter gelegentlich tumultartigen Umständen. Wollte man auch die Romane und Erzählungen der Stuttgarter Zeit als Gesellschaftskritik verstehen, so ließe sich ohne weiteres das eine oder andere Zitat auftreiben – ein besonders weit ausgreifender Gedanke findet sich in „Abu Telfan“, in dem für den Erzähler „ohne Zweifel einmal eine Zeit gekommen sein (wird), in welcher keine ‚Residenzen‘, weder große noch kleine, mehr in unserem Weltteil existieren“ – sondern die „Vereinigten Staaten von Europa“! Eine kühne Vision, angeregt nicht durch eines der von Raabe immer wieder erzählten Auswandererschicksale in die Neue Welt, sondern einer Heimkehrergeschichte, eines Rückkehrers aus Afrika unter abenteuerlichen Umständen.

Dem Bürger Raabe sollte, wie erwähnt, der nationale Enthusiasmus für die Reichsgründung im Laufe der Jahre zunehmend abhanden kommen. Unter dem Eindruck seiner Romane und Erzählungen? Ein Rädchen greift in einer Konfektfabrik wie geschmiert ins andere und tut dies quasi auch in Raabes Romanräderwerk satirisch, wenn in der Erzählung „Fabian und Sebastian“ fleißige Arbeiterinnenhände „wohlschmeckendste Gestalt(en)“ schaffen: „den Fürsten Bismarck zum Fressen lebenswürdig und den Kaiser Napoleon zum Ablecken verlockend“.

Satire oder gar Sarkasmus? Auf jeden Fall werden die süßen Doubles der Widersacher exportiert in alle Welt, so dass die Geschäfte florieren – buchstäblich bedrückend jedoch die „schwere Luft“ aus „schwarze(m) Braunkohlenqualm“ über der Fabrik und Firma, einer Konfitüren- Kompanie, keiner militärischen.

Die gründerzeitliche „Erwerbsbetriebsamkeit“ produziert in einer „Zeit der Verwilderung“, wie es in „Pfisters Mühle“ heißt, einen „Raubbau in jeglicher Hinsicht“. Wo Ackerflächen waren, stehen Gartenhäuschen, die Fabriken weichen müssen. Urbanisierung, um es mit einem Begriff zu sagen, zum Schaden der Peripherie, um ein weiteres Stichwort zu nennen. In „Stopfkuchen“ taucht jäh das Fremdwort Melioration auf, Landschaftsverbesserung, was die Sache, weil die Verschandelung durch eine „hungrige Gegenwart“ offensichtlich ist, nicht besser macht. So rückständig die Agrarkultur Deutschlands, mit ihr wird rabiat umgegangen.

Mag sein, dass Raabes poetischer Realismus auch zum sentimentalen Realismus tendiert, der das, was er allerdings anklagt, Raubbau und Verwilderung nennt. In „Pfisters Mühle“ ist es der Gestank, sind es die bäuchlings an der Oberfläche treibenden Fische, die Anzeichen eines Skandals sind. Unübersehbar ein „träge schleichendes, schleimiges, weißbläuliches Etwas“ – Raabe orientierte sich bei seiner Katastrophenerzählung an einem tatsächlichen Desaster. Es fehlt den Figuren nicht an drastischen Worten, mit der sie die Verseuchung benennen, die „Schandbrühe“ wird chemisch analysiert, eine Probe des „Unflats“ an einem Ersten Weihnachtstag unters Mikroskop gelegt.

Alles ist berechnet auf „Zuwachs“: der Besitz auf Zunahme, die Behaglichkeit ebenso, denn die gehört auch zum Besitz, wie Raabe sein Lesepublikum wissen ließ. Philiströses Plädoyer eines Autors? Eher wohl ein Affront für den Spießbürger. Die neue Zeit bringt einen neuen Bürgertypus hervor, der neue Bürgertypus eine neue Zeit. Schon Mitte der 1860er Jahre kam es zum großen Börsencrash, das ist nicht vergessen. Unvergessen, dass die „bestgegründeten Hoffnungen“ auf den „schlechtesten Börsenpapieren“ gründeten. Umwälzungen im Kleinen wie im Großen, im Winkel eines öden Gasthofs griffbereit die Planrollen eines Architekten, mit dem Stadtbauplan werden aus den vormaligen Stadträndern Vorstädte, die das Land annektieren. Architekten wirken auf ihre Mitmenschen als „Phantasiemenschen mit dem richtigen Griff fürs Praktische“.

Systemrelevante Berufe und unprofitable. Der freie Autor Raabe weiß, wovon er spricht. Ständige Sorgen, der Gründerzeitkapitalismus klassifiziert die freien Berufe nicht mehr nach Herkunft und Prestige, „alles Ständische und Stehende verdampft“ – sagte Karl Marx. Der Müller, dem sie die Mühle verseucht haben, ist so aufgebracht wie ohnmächtig, was sich bedingt, so dass er „im Wirbel des Übergangs der deutschen Nation aus einem Bauernvolk in einen Industriestaat seine Mülleraxt von der Wand herunterlangte“. Allein, die Axt bleibt stumpf, der Aufruhr aus. Der Müller reagiert ziemlich zivil und sucht einen Advokaten auf, während der Fortschritt, „gigantisch beschornsteint“, wahrhaftig zu riechen ist – nicht zuletzt ein ganz besonderes Gemisch, eine „stupifizierende Neuerung“. Es ist der Treibstoff der Gründerzeit schlechthin: Benzin.

Für die Abonnentenleserschaft dürfte auch der Abdruck der Erzählung „Prinzessin Fisch“, in Fortsetzungen einmal mehr in „Westermanns Monatsheften“, eine Irritation gewesen sein, allein schon wegen eines polyperspektiven Erzählens, wodurch der Blick über die kleinteiligen deutschen Verhältnisse hinausweist, so dass ein Horizont aufgerissen wird. Wegen der Investitionen ausgerechnet in einen Kurort wird in eine „Unschuldswelt hinter den sieben Bergen“ eingegriffen. Einer klugen Figur, erneut einer Frau geht auf, dass sie, zumal konfrontiert mit zwei Menschen aus der Neuen Welt, einem skrupellosen Rückkehrer und einer verstörenden Schönheit, in ihrer Bräsigkeit und „wärmflaschenhaften Gemütlichkeit“ ein „alte(s) angebrauchte(s) Europa“ vertritt.

So ist denn die eine oder andere Figur nicht so borniert, dass sie nicht wüsste, dass die Geschäfte auch irgendwo in Thüringen allmählich mit denen in New Orleans zusammenhängen. Die „Welteinsamkeit der Berge“ mag noch so behaglich und erbaulich sein, sie ist drauf und dran, als Baugrund zu dienen. Angebrochen ist eine neue Ära, bei der sich die Alteingesessenen „aufgebraucht“ fühlen: „Es geht nicht mehr von Nachbar zu Nachbar – es geht mächtig, sozusagen von Erdteil zu Erdteil“, liest Anfang 1882 die Raabe-Leserschaft im achten Kapitel der Erzählung – mit dem Einzug globaler Entwicklungen in lokale Traditionen zeigen sich die Menschen verstört von der „Veränderung alles Irdischen“.

Die Basis für die große Veränderung wurde gelegt durch die drei Kriege Bismarcks, die Zehntausende Opfer forderten, in „Villa Schönow“ Langzeitopfer noch nach zehn Jahren. Zur Hypothek des Krieges gehört, dass für einen Invaliden aus alter Wäsche „Scharpie“ hergestellt werden muss – Verbandsstoff gezupft wird. Die Erzählung kontrastierte satirisch Deutschlands Hinterwelten mit der „gegenwärtigen neuen Weltstadt“, mit dem „ekligen Nest und ewigen Berlin“ während der Wochen der zweiten „Ausschreibung für das neue Reichs-Reichstagsgebäude“. Die Spekulation mit Grundstücken hat, wie es am Biertisch von „Daemels Ecke“ heißt, eindeutig „mit dem Kriege von Siebzig zu schaffen“. In jovialer „Jemütlichkeit“ schwadroniert der Spießbürger über die „großen Resultate von Siebzig“ und wie „viel Gewinn“ von den Milliarden an Reparationen aus Frankreich auch für ihn abfiel.

Mag bürgerliches Behagen auch beschworen werden in Raabes Romanwelt - doch noch einmal: wer spricht? Eine Figur, ein Erzähler, der Autor? Immer wieder zeigt sich Raabes vielperspektivische Romanwelt von einer äußerst ungemütlichen und beunruhigenden Seite. Dem plappernden Optimismus und dem törichten Triumph einer Figur gegenüber verhält sich in „Kloster Lugau“ eine zweite Stimme, einmal mehr eine Frau, „grimmig“. Die Reaktion gilt dem Kriegsausgang, vor allem dem Wort „traumsicherer Siegesgewissheit“. Unüberhörbar die Reserviertheit gegenüber den Umständen der Reichsgründung unter Raabes klugen Figuren, unübersehbar der Groll des Autors selbst. Raabes Welt war in einem Reich, in dem der Kaiser das erste und sein Kanzler das letzte Wort hatten, der vorgelebte Widerspruch.

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