Museumsinsel-Anschläge

Mit der Freizügigkeit ist es vorbei

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Die Beschädigungen auf der Museumsinsel forcieren die Fragen nach versäumten Sicherheitsstandards.

Die schärfste Kritik kam von der obersten Dienstherrin. Die Staatlichen Museen zu Berlin, ließ Kulturstaatsministerin Monika Grütters in einer Pressemitteilung zum Vandalismus auf der Museumsinsel ungehalten mitteilen, müssten sich erneut Fragen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen stellen lassen. Sie habe Präsident Hermann Parzinger umgehend gebeten, dem Stiftungsrat dazu einen umfassenden Bericht vorzulegen. Zu klären sei, „wie diese vielen Beschädigungen unbemerkt vonstattengehen konnten und wie solche Angriffe in Zukunft verhindert werden sollen“.

Das ist die Frage der Stunde, und die Kulturstaatsministerin hätte passend dazu noch Auskunft darüber geben können, warum sie sich so lange an jenem Schweigekartell beteiligte, das die entstanden Schäden 17 Tage lang im Stillen betrachtete und die Öffentlichkeit außen vor ließ. Grütters kühle Distanzierung ist ein weiteres Indiz dafür, wie beschädigt das Verhältnis der Staatsministerin zu den Museumsdirektorinnen und -direktoren ist, denen zuletzt in Gestalt eines von Grütters beauftragten Gutachtens gehörig die Leviten gelesen worden sind. Alles muss anders werden in den Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), lautet seither grob die von Grütters auch politisch angestrebte Devise.

Illusion des offenen Raums

Hinsichtlich der Sicherheit für Besucher und Kunstwerke dürfte das auf Zustimmung stoßen. Die Zeit des gelassenen Schlenderns durch die großartigen Einrichtungen der Berliner Museen – nicht nur die der SPK – ist vorbei. Die wachsenden gesellschaftlichen Fliehkräfte lassen es kaum noch zu, die Museen nicht nur als Bildungseinrichtungen, sondern auch als freizügige Schauräume zu präsentieren. Was immer das Motiv hinter dieser kruden Kunstattacke vom 3. Oktober gewesen sein mag: Sie wird zur Folge haben, dass die Häuser verstärkt in Zugangsschleusen und Vereinzelungsanlagen investieren müssen. Die offene Gesellschaft verabschiedet sich schrittweise von sich selbst.

Wer jetzt klug daherredet und genau weiß, was seit langem schiefläuft, hat die Idee der Freizügigkeit und größtmöglichen Zugänglichkeit wohl schon länger aufgegeben. Und natürlich ist es insbesondere bei einem Besuch im Jüdischen Museum zumutbar, einen sorgsam durchgeführten Sicherheitscheck über sich ergehen zu lassen. Man kennt dergleichen aus den großen internationalen Häusern, etwa dem Musée d’Orsay in Paris, schon lange.

Und doch bleibt ein Widerspruch, über den auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters wohl noch etwas intensiver wird nachdenken müssen. Die ambitionierten und architektonisch überaus eindrucksvollen Museumsneubauten wie etwa das bald zu eröffnende Humboldt-Forum und das trotz gestiegener Kosten beharrlich durchgesetzte Museum der Moderne der Architekten Herzog & de Meuron leben von der Illusion des offenen Raumes, für den das Museum in mehrfacher Hinsicht eine Passage in die vorbeifließende Stadt darstellen soll. Alles ist lichtdurchflutet, auf dass man den Weg durchs Museum nehmen möge, um leichter und angenehmer über den Potsdamer Platz zu gelangen.

Architekten haben immer auch den Auftrag, gesellschaftliche Wunschräume zu entwerfen. Die Ansprüche, die das unhintergehbare Bedürfnis nach Sicherheit stellt, ziehen eine ästhetische Desillusionierung nach sich. So viel Ehrlichkeit muss sein nach einem kaum zu verharmlosenden, vielleicht nicht einmal zu verhindernden Vorfall.

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