Achille Mbembe

„Missbräuchliche Indienstnahme“

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Protest gegen Antisemitismus-Beauftragten.

Aleida Assmann hat die Konfliktlage an dieser Stelle treffend benannt: „Jetzt verläuft eine Trennungslinie zwischen denen, die bemüht sind, den Staat Israel mit ihrer Kritik zu unterstützen und zu verbessern, und denen, die entschieden sind, ihn gegen jede Kritik zu immunisieren“, schrieb sie in ihrem lesenswerten Essay (FR von gestern). Den aktuellen Hintergrund für die Überlegungen der Erinnerungsforscherin bildet der Konflikt um den kamerunischen Philosophen Achille Mbembe, der unter anderem vom Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, antisemitischer Äußerungen verdächtigt wird.

Gegen diesen Vorwurf regt sich nun internationaler Protest. „Als Wissenschaftler*innen lehnen wir diese Art von Kampagnen ab, die Personen, die als politische Gegner ausgemacht wurden, ohne Beweise, unter Zuhilfenahme manipulativ verzerrter Zitate und Inhalte desavouieren sollen“, heißt es in einem Aufruf, den auch Aleida Assmann unterstützt. Unterzeichnet wurde er außerdem von Jan Assmann, Micha Brumlik, Eva Illouz, Susan Neiman, Moshe Zimmermann und vielen anderen.

Kontinuitäten, Unterschiede

Kritiker wie Klein werfen Mbembe vor, „die Vernichtungspolitik der Nazis mit der Apartheid gleichzusetzen“, so fasst es der erwähnte Aufruf zusammen. Mbembes Metier ist die Untersuchung des kolonialen und postkolonialen „Trennungswahns“, wie er es nennt, also der Ausgrenzung bestimmter Gruppen durch Kolonisatoren und dann durch postkoloniale Herrschaftssysteme. Er tut nichts anderes, als im historischen Vergleich nach Kontinuitäten, aber natürlich auch nach Unterschieden zu suchen.

Dass Mbembe sowohl im südafrikanischen Apartheidsystem als auch in der Vernichtung der europäischen Juden „Manifestationen“ des „Trennungswahns“ sieht – wenn auch ausdrücklich „in einer ganz anderen Größenordnung und in einem anderen Kontext“ –, mag man für falsch oder richtig halten. Aber zum Antisemiten macht es den Philosophen noch lange nicht: „Zwischen zulässigen Vergleichen und unzulässigen Gleichsetzungen besteht ein wichtiger und wesentlicher Unterschied. Zweifel an der Singularität des Holocaust oder seine Relativierung wird man bei Achille Mbembe vergeblich suchen“, so der Aufruf.

Es stimmt, dass Mbembe vor Jahren einen Boykott unterstützte, der sich ausschließlich gegen universitäre Kooperationen richtete. Er hat allerdings jüngst wieder betont, „dass ein Boykott nicht unterschiedslos erfolgen darf“

Inzwischen kursiert auch ein Brief jüdischer Wissenschaftler und Künstler, vor allem aus Europa und den USA, an Bundesinnenminister Horst Seehofer. Darin wird gefordert, Klein wegen seines „unbegründeten, unangemessenen, anstößigen und schädlichen“ Angriffs auf Mbembe zu entlassen. Die Unterzeichner weisen auf eine mögliche Funktion von Kleins Antisemitismus-Vorwurf hin: Der Beauftragte habe „eine führende Rolle bei der missbräuchlichen Indienstnahme des Antisemitismus gegen Kritiker der israelischen Regierung“ übernommen.

Es ist das Gegenteil dessen, wofür Aleida Assmann plädiert: den Staat Israel durch Kritik „zu unterstützen und zu verbessern“.

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