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Michelle Elie 2012 in Paris als durchaus ungewöhnlicher Marienkäfer.

Museum Angewandte Kunst

Michelle Elie sammelt Mode – Bald ist sie im Museum zu sehen

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Michelle Elie sammelt Mode. Ihre Kleider der Designerin Rei Kawakubo sollen bald im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen sein. 

  • Michelle Elie ist eine der bekanntesten Sammlerinen der Mode von Comme Des Garçons
  • Michelle Elie arbeitete als Model in New York – heute lebt sie in Köln
  • Ausstellung ihrer Kleider im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt

Michelle Elie, Modesammlerin, wurde in Haiti geboren und wuchs inNew York City auf. Zehn Jahre arbeitete sie als Model, bevor sie 2000 nach Deutschland zog. Elie arbeitet heute als Stylistin für verschiedene Magazine und entwirft Schmuck unter eigenem Namen. Sie gilt als eine der bekanntesten Sammlerinnen der Mode von Comme Des Garçons. Mit ihrem Mann, dem Designer, Künstler und Kurator Mike Meiré, und den drei Kindern wohnt Michelle Elie in Köln.

Frau Elie, wenn die Menschen hören, dass Sie Modesammlerin sind, müssen einige denken: „Ach, die geht bloß gerne einkaufen.“ Wo liegt der Unterschied zu dem, was wir so unschön „Shopping“ nennen?

Meine Sammlung habe ich als solche gar nicht wahrgenommen, bis sie jemand als Sammlung bezeichnete. Und das ist noch gar nicht so lange her. Ich habe meinen ersten Entwurf von Comme Des Garçons 1995 gekauft – und zwar nur, um ihn zu tragen. Es war das erste Mal, dass ich von einer Modekollektion wirklich berührt wurde. Bei der Marke ging und geht es immer um mehr als Mode, die Designs zitieren Momente der Architektur, Kunst, Lyrik, Musik. Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen, dazu recherchieren. Vielleicht ist das ein Unterschied zum „Shopping“. Wenn ich in eine Marke oder ein Teil investiere, dann nur, wenn ich das Wesen dahinter erkenne.

Der Kunstsammler Christian Boros hat einmal gesagt, er kaufe gern Dinge, die ihm nicht wirklich gefallen, für ihn müsse es auch ein bisschen „wehtun“. Können Sie damit etwas anfangen?

Ich verstehe den Impuls, etwas zu kaufen, das sich erst mal komisch anfühlt. Etwas, das du nicht richtig verstehst. Es ist ja interessant zu sehen, wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn du dann mit den Dingen lebst. Wie du langsam anfängst, sie zu begreifen. Selbst wenn dieses Verstehen nicht kommt, bist du in eine Konversation mit den Dingen getreten, was zumindest die Fantasie anregt. Für mich bleibt bei jedem Kauf der wichtigste Aspekt, dass ich die Kleider wirklich tragen werde. Nicht unbedingt sofort, aber doch irgendwann. Das Tragen ist immer die Essenz für mich.

Michelle Elie arbeite in den 1990er Jahren als Model in New York

Und doch sammeln Sie vor allem Kleider von Comme Des Garçons, einer Marke, die vielen als untragbar gilt. Die Designerin, Rei Kawakubo, ist bekannt dafür, die Körperform neu zu erfinden, indem sie diese negiert. Sie deformiert den natürlichen Körper durch Textilien, stattet etwa Kleider mit wurstartigen Polsterungen aus, die an Buckel erinnern.

Meine Faszination für diese Marke hat viel mit der Zeit zu tun, in der ich das erste Mal mit ihr in Kontakt kam. Ich habe in den 90ern als Model in New York gearbeitet. Zum einen haben mir die Japaner wie Yohji Yamamoto, Issey Miyake und eben Kawakubo einen Blick in die Welt eröffnet. Zum anderen passte ich damals nicht in das Idealbild eines Models. Generell war die Branche sehr körperfixiert, alle waren jeden Tag im Fitnessstudio, Tom Ford entwickelte bei Gucci gerade einen neuen, explizit erotischen Duktus. Und dann kam diese Frau, die sich all dem entgegenstellte. Die den Körper deformierte, statt ihn sinnlich nachzuerzählen, Rundungen herausarbeitete, die wir alle zu verstecken versuchten. Kawakubo hat damit viele Lebensfragen berührt, die ich mir selbst stellte. Als ich später zum ersten Mal schwanger war, hat sich dieser persönliche Bezug verstärkt. Ich habe mich in einem Kleid aus Kawakubos Kollektion „Body Meets Dress, Dress Meets Body“ aus dem Jahr 1997 porträtieren lassen. Das war ein sehr interessanter Moment, weil dieses Kleid mit meinem eigenen Zustand korrespondierte. Das Kleid veränderte massiv den Körper und die eigene Wahrnehmung davon, so wie auch eine Schwangerschaft die Körperform und die Gedankenwelt verändert. Das waren zwei physische und mentale Transformationen, sie sich krass gegenüberstanden und doch miteinander harmonierten.

Zur Sache

Die Marke Comme Des Garçons wurde 1969 von der Japanerin Rei Kawakubo gegründet. Ihre Kollektionen bedienen sich stets historischer, sozialer oder kultureller Referenzen. Auch für den radikalen Umgang mit Materialien ist Kawakubo bekannt. Sie scheuert etwa Baumwolle, bis sie eine lappige Qualität erhält, oder kocht Wolle, um ihr einen panzerhaften Charakter zu verleihen. Die Deformierung des Körpers durch Textilien und die Dekonstruktion sind Motive, zu denen Kawakubo immer wieder zurückkehrt.

Sie sprechen von einem der Kleider mit gepolsterten Buckeln aus Kawakubos wohl bekanntester Kollektion, die zwar als intellektuell gilt und doch stark kritisiert wurde, als sie herauskam.

Um in der Mode tatsächlich etwas zu bewegen, muss eine Designerin oder ein Designer wirklich die Form verändern. Das gelingt nicht vielen. Coco Chanel mit ihren fließenderen Linien ist ein Beispiel oder Yves Saint Laurent, der in den 70ern die Hose in die Damenmode brachte, und Alexander McQueen, der in den 90ern mit der Erfindung der Hüfthose den Torso künstlich verlängerte. Um in die Geschichte einzugehen, müssen Modeschaffende eine neue Silhouette erfinden. Und das hat Kawakubo auf sehr radikale Weise getan.

Michelle Elie sammelt Mode der Marke Comme Des Garçons

Das stieß nicht nur auf Begeisterung. Ich glaube, es war die amerikanische „Vogue“, die damals schrieb: „Frauen wollen nicht intellektuell aussehen – sie wollen gut aussehen.“ Was sagen Sie dazu?

Die Ablehnung, die Kawakubo erlebt hat, fasziniert mich durchaus. Du musst dich mit ihren Entwürfen auseinandersetzen, um sie zu begreifen. Dass das nicht jedem gelingt, finde ich reizvoll. Etwas zu finden, das dir völlig entspricht, ist eine sehr persönliche Erfahrung. Gleichzeitig trage ich gewissermaßen die Ideen einer völlig fremden Person auf der Haut. Das ist sehr komplex.

Neben Comme Des Garçons haben Sie eine Zeit lang auch die Marke Rodarte gesammelt. Ein großer Kontrast – während Kawakubos Entwürfe asexuell wirken, wird bei Rodarte manchmal mehr Haut gezeigt.

Ich finde nicht, dass die Kollektionen von Rodarte explizit sexy sind. Sie sind feminin – das ist ein großer Unterschied. Die Kleider, die ich besitze, sind jedenfalls nicht erotisch konnotiert. Viele Strickkleider sind darunter, die die beiden Designerinnen zu Anfang ihrer Karriere in einem kleinen Kellerstudio selbst anfertigten. Das Stricken fasziniert mich ohnehin, weil es eine sehr alte, sehr private und vor allem weibliche Form der Bekleidungsproduktion ist.

Zur Sache

Die Marke Comme Des Garçons wurde 1969 von der Japanerin Rei Kawakubo gegründet. Ihre Kollektionen bedienen sich stets historischer, sozialer oder kultureller Referenzen. Auch für den radikalen Umgang mit Materialien ist Kawakubo bekannt. Sie scheuert etwa Baumwolle, bis sie eine lappige Qualität erhält, oder kocht Wolle, um ihr einen panzerhaften Charakter zu verleihen. Die Deformierung des Körpers durch Textilien und die Dekonstruktion sind Motive, zu denen Kawakubo immer wieder zurückkehrt.

Ich muss an die Berlinerin Odély Teboul denken, die handwerklich ähnlich arbeitet, aber durchaus mehr Haut zeigt. Sie sagte einmal zu mir, dass die Farben der Haut so zu einem Teil ihrer eigenen Farbpalette würden, sich die Haut also zum Modeinhalt entwickelt. Ein interessanter Gedanke.

Ich kenne ihre Arbeit nicht, aber ich persönlich zeige nicht gerne viel Haut. Ich finde, die Haut ist sehr privat. Für mich ist die Grenze zum Vulgären zu schmal, zu einem „Sich-selbst-Ausstellen“. Das finde ich unnötig und nicht sonderlich attraktiv.

Michelle Elie: „Ich verliere mich nicht in den Kleidern, ich entdecke mich in ihnen

Mir gefällt diese Überlegung der Haut als Teil der Mode, weil sie die Trägerin in den Fokus setzt. Die französische Designerin Sonia Rykiel hat es einmal so ausgedrückt: Kleidung dürfe nur der „geeignete Rahmen für das Gesicht“ sein. Kawakubo hingegen scheint es immer ganz um das Kleid an sich zu gehen. Haben Sie nie Sorge, in all den Farben und Formen verloren zu gehen?

Ich verliere mich nicht in den Kleidern, ich entdecke mich in ihnen. Sicherlich braucht es Mut, um diese Kleider zu tragen. So wie es immer Mut braucht, du selbst zu sein. Diesen Mut bringen nicht mehr viele Menschen auf, gerade wenn es um Mode geht. Davon darfst du dich nicht anstecken lassen. Die Mehrheit liegt immer falsch.

Wie reagiert denn die Mehrheit auf Ihren Mut?

Mir gefällt am besten, wie Kinder reagieren. Sie haben eine sehr unschuldige Art, diese Kleider zu betrachten, die ja durchaus spielerisch sind. Kinder sind brillant, weil ihr Verstand noch nicht durch die Gesellschaft verformt wurde. Sie sind neugierig und fragen mich, warum ich aussehe, wie ich aussehe. Das ist eine sehr schöne und unbefangene Art, über Mode zu sprechen. Kinder stellen noch nicht infrage, was nun Mode und was Kunst ist.

Tatsächlich verwischt Kawakubo die beiden Disziplinen. Schon das Tragen ihrer Kleider gleicht einem performativen Moment.

Sicherlich gibt es Bindepunkte zu restriktiven Performances. Ich habe oft Kleider getragen, in denen ich nicht richtig meine Arme bewegen konnte. Auch das ist eine Facette von Kawakubos Arbeiten. Manchmal schränken sie dich ein, bändigen dich. Das verlangt danach, sich wirklich Gedanken zu machen, wohin du diese Kleider tragen kannst und wie sich die Stunden darin verbringen lassen.

Michelle Elie: Ihre Kleider haben viel erlebt

Laut mancher Theorien entsteht Mode überhaupt erst durch die Verschmelzung von Textil und Trägerin. „Mode braucht Körper“, so die Formel. Tatsächlich finde ich es oft befremdlich, Mode im Museum zu sehen, ohne Körper, ohne Bewegung, ohne Leben.

In der Ausstellung im Museum Angewandte Kunst wird es Ihnen vielleicht anders gehen. Die Kleiderpuppen sind mir nachempfunden, sie haben meine Gesichtszüge und sind in einer dunklen Farbe lackiert. Sie wirken menschlicher, weniger tot. Das macht die Ausstellung emotionaler. Zusammen mit Arbeiten, die dokumentieren, wo und warum ich die Kleider gekauft und getragen habe, entsteht ein sehr lebhaftes Narrativ. Ich finde Modeausstellungen generell unverzichtbar, weil sie die Kleider auch jenen Besucherinnen und Besuchern erlebbar machen, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, so eine Mode zu sehen.

Die Ausstellung ist bereits aufgebaut, konnte aber noch nicht eröffnet werden. Es ist ein fast poetischer Gedanke, dass da nun Ihre Kleider über Wochen hinweg still beieinanderstehen, ohne dass sie jemand beobachten könnte. Wenn sie sich unterhalten könnten – worauf würden sich Ihre Kleider einigen?

Dass ich viel durchgemacht habe, um an sie heranzukommen. Und dass sie froh sind, wirklich getragen geworden zu sein. Sie haben viel erlebt.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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