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Michael Wolffsohn: „Wäre ich jünger, würde ich überlegen auszuwandern“

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Jüdische Besucherinnen und Besucher in der Gedenkstätte Auschwitz.
Jüdische Besucherinnen und Besucher in der Gedenkstätte Auschwitz. © Stefan Zeitz/Imago

Der Historiker Michael Wolffsohn über die Lage der Juden in Deutschland, seine drei Heimaten und sein Konzept für Palästina.

Herr Wolffsohn, kurz vor Ihrem 75. Geburtstag legen Sie ein Buch vor, das einen hohen Anspruch schon im Titel trägt, nämlich „Eine andere Jüdische Weltgeschichte“. Was ist anders, was ist neu an Ihrer Darstellung?

Multiperspektivität und Methodenvielfalt. Das Buch ist eine Summe meines bisherigen Forschens. Es ist Aufgabe des Historikers, die Fakten zu betrachten, egal, ob sie einem gefallen oder nicht. Das Buch packt heiße Eisen an. Ich will nur ein Beispiel nennen: Antisemitismus. Meine These ist: Der Antisemitismus war ein Fluch und ein Segen zugleich. Der millionenblutige Fluch ist klar. Er war ein Segen insofern, als er die Flucht aus dem Judentum unmöglich gemacht hat. Wer überlebte, floh nicht oder nur mit schlechtem Gewissen. Das jüdische Kollektiv wurde trotz und durch Verfolgung bewahrt. Scheinbar absurd.

Der Antisemitismus hat Ihr Leben bis heute stark beeinflusst. Sie wurden 1947 in Israel als Sohn von Eltern geboren, die 1939 aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen mussten. Erst 1954 kamen Sie dann zum ersten Mal nach Deutschland, nach Berlin.

Der Antisemitismus ist eine Pandemie, die seit 3000 Jahren existiert. Er ist keine europäische oder gar deutsche Erfindung. Seine Wurzeln liegen, wie ich in meinem Buch zeige, bereits im alten Ägypten. Seitdem kein Impfstoff weit und breit.

In einer Selbstcharakterisierung bezeichnen Sie sich ironisch als einen der letzten Dinosaurier, nämlich einen der letzten Nachfahren des traditionellen Judentums in Deutschland. Fühlen Sie sich als Jude gegenwärtig bedroht in Deutschland?

Oh ja, ich werde bedroht. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich öffentlich sichtbar bin. Leider hat es in den zurückliegenden Jahren in unserer Demokratie eine systematische Schwächung staatlicher Wehrhaftigkeit gegen jeglichen Extremismus gegeben. Bei meiner Person treffen die traditionellen antijüdischen Ressentiments von rechts zusammen mit einer islamistischen Mobilisierung gegen alles Jüdische. Und es gibt leider eine antisemitische Allianz von Linksextremisten, Linksliberalen und Islamisten. Die wird aber oft unterschlagen.

In der Jüdischen Gemeinde wird wieder über Auswanderung aus Deutschland diskutiert. Haben Sie auch darüber nachgedacht?

In meinem Alter, mit bald 75 Jahren, macht man so etwas nicht mehr. Wäre ich jünger, würde ich überlegen auszuwandern. In Frankreich ist die Auswanderung bei vielen Juden in vollem Gange. Dort gibt es allerdings auch eine Fülle antijüdischer Gewaltaktionen, mehr noch als bei uns. Ich sehe, dass viele Juden sich von Europa abwenden. Und ich fürchte, dass sich diese Entwicklung verstärkt.

Michael Wolffsohn. Foto: Till Eitel
Michael Wolffsohn. © Till Eitel

Sie schreiben, dass es auch in der Jüdischen Gemeinde in Deutschland einen Trend nach rechts gibt.

Das ist richtig. Unter den Zuwanderern, die nach 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, existiert eine krasse Ablehnung all dessen, was auch nur nach links duftet. Viele hegen heute sogar Sympathie für die rechte AfD. Diese Menschen haben den sogenannten real existierenden Sozialismus noch erlebt. Auch unter den russischen Einwanderern in Israel findet sich eine starke rechte Tendenz. In Frankreich, wo es kaum „russische“ Juden gibt, hegen, empirisch nachweisbar, etwa 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung Sympathien für die Rechte Marine Le Pen.

Fordern Sie vom Staat, dass er in Deutschland härter gegen Rechts vorgeht?

Das ist eine typisch deutsche Sichtweise: Der Staat soll es richten. Der Staat ist nicht die Rettung. Historisch betrachtet, hat, wenn überhaupt, die Obrigkeit die Juden geschützt. Aus purem Eigennutz allerdings. Denn die Juden waren sehr loyal dem Staat gegenüber und sie waren auch ökonomisch wichtig. Der militante Antisemitismus kam in der Gesellschaft meistens von unten. Als er ab 1933 von oben kam und sofort mörderisch war, traf es die meisten Juden unerwartet. Im heutigen Deutschland sollten Oben und Unten den Antisemitismus bekämpfen, und zwar im Alltag. Die Juden müssen nicht nur verbal und mit Phrasen gehegt und gepflegt werden. Wer Juden diskriminiert oder liquidiert, schadet sich selbst. Das zeige ich im Buch deutlich.

Sie zitieren in Ihrem Buch mehrfach wie ein Motto den Satz des deutsch-französischen Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt, dass die Juden immer nur eine Existenz auf Widerruf führten. Gilt das noch immer?

Ja, für Diaspora und Israel. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass es für uns immer eine politische und geografische Alternative gibt. Und das ist Israel. Aber mir fiele es sehr schwer, Deutschland zu verlassen. Ich bin sehr deutsch geprägt.

Wie zeigt sich das?

Nun, im Alltag, in der deutschen Sprache, in der Literatur. Mein großes Ideal ist Franz Kafka. Ich liebe Schillers Dramen und Goethes Lyrik, weil bei beiden der Mensch im Mittelpunkt steht. Ich verehre Heinrich Heine, „die“ deutsche Literatur, freilich auch nichtdeutsche.

Zur Person

Michael Wolffsohn wurde am 17. Mai 1947 in Tel Aviv geboren. Er ist Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die 1939 aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Palästina geflüchtet war. 1954 übersiedelte er mit seinen Eltern nach West-Berlin, meldete sich aber in Israel zum Wehrdienst. Nach Studium in Berlin, Tel Aviv und New York lehrte er von 1981 bis 2012 als Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. 2017 wurde er vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrer des Jahres ausgezeichnet.

Sein Buch „Eine andere Jüdische Weltgeschichte“ ist im Herder Verlag erschienen (370 Seiten, 28 Euro).

Sie haben sich in den 70er Jahren dauerhaft in Deutschland niedergelassen, lange Zeit an der Bundeswehr-Universität München unterrichtet. Wie gehen Sie heute mit dem Begriff Heimat um?

Deutschland ist meine Heimat, aber auch Israel und das kosmopolitische Bürgertum. Eins plus zwei ergibt drei. Meine physische Heimat Deutschland ist auch eine meiner geistigen.

Wie beurteilen Sie die Besatzungspolitik Israels in den palästinensischen Gebieten?

Ich will Ihnen darauf mit einer Erinnerung antworten. 1967 gehörte ich als junger israelischer Rekrut nach dem Sechs-Tage-Krieg zu den ersten Besatzern. Und ich bin als junger Spund mit meiner Einheit durch Ramallah im Westjordanland marschiert. Wir sangen israelische Lieder. Und bei vielen israelischen Soldaten gab es ein Gefühl des Triumphes. Ich habe die verängstigten Gesichter der Menschen in Ramallah gesehen, und ich habe gewusst: Nein, das kann es nicht sein. Das ist nicht richtig. Und das sage ich auch heute: Die Herrschaft über vier Millionen Palästinenser gefährdet Demokratie und Menschlichkeit.

Sind Sie ein Anhänger der Zwei-Staaten-Lösung?

Nein. Diese Zwei-Staaten-Lösung ist völlig undurchdacht. Was machen Sie mit knapp 700 000 israelischen Siedlern, die mittlerweile in den besetzten Gebieten leben?

Nun, die Palästinenser fordern, dass diese Siedler die palästinensischen Gebiete wieder räumen müssen.

Das wäre ethnische Säuberung. Ist das ethische Politik?

Wie sähe Ihre Lösung aus?

Ich habe in „Zum Weltfrieden“ ein Konzept vorgelegt: Eine Verbindung aus Bundesstaat und Staatenbund. Die Bundesrepublik Palästina bestände aus Gaza-Streifen, Westjordanland und Jordanien, wo es eine Palästinenser- Mehrheit gibt. Dieses Palästina könnte mit Israel einen Staatenbund bilden. Selbstbestimmung und Sicherheit für alle wären erreicht.

In Ihrem neuen Buch gehen Sie sehr detailliert auf die Situation der Juden in den verschiedenen Staaten der Welt ein.

Ohne Scheuklappen und ehrlicher, sprich: faktenbezogener als andere schildere ich auch die Lage der Juden in der islamischen Welt.

Mir ist aufgefallen, dass Sie in einem Kapitel sogar von jüdischen Genen sprechen. Das dürfte heftige Diskussionen auslösen. Was meinen Sie damit?

Ich beziehe mich auf hochzuverlässige und unverdächtige medizingenetische Forschungen. Diese haben ergeben, dass die Traumata, die jüdische Menschen erfahren mussten, von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Juden sind oft verfolgte Menschen gewesen. Es gibt dadurch bei vielen eine ererbte Veranlagung zu mentalen Erkrankungen. Genetik ergänzt Geschichte. Methodenvielfalt versachlicht.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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