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Meteoroid US19720810: Dann ist es auch schon vorbei

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Von: Arno Widmann

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Stich aus dem 17. Jahrhundert, der wahrscheinlich einen Meteoriten zeigt, einen sogenannten Feuerball oder Boliden.
Stich aus dem 17. Jahrhundert, der wahrscheinlich einen Meteoriten zeigt, einen sogenannten Feuerball oder Boliden. © UIG/Imago

US19720810: Vor fünfzig Jahren flog erstmals vor den Augen der Wissenschaft ein Meteoroid an der Erde vorbei.

Wenn Sie die Nummer oben in Ihr Computersuchprogramm eingeben, erfahren Sie mehr über das neunzig-sekündige Himmelsphänomen, als ich hier aufschreiben könnte. YouTube bietet sogar einen Film an. Den hat jemand damals aufgenommen. Man sieht einen runden blassen Körper am Horizont entlang rasen. Kaum hat man ihn entdeckt, ist es auch schon wieder vorbei.

US19720810 war ein Meteoroid – das ist kein Schreibfehler. Meteoriten sind die Himmelssteine, die auf der Erde einschlagen. Meteoroiden sind die, die in der Erdatmosphäre an der Erde vorbeiflitzen. Es gab die letzten Milliarden Jahre wohl Millionen und Abermillionen davon. Seit 3000 Jahren gibt es Geschichten über solche Himmelserscheinungen. Aus Ägypten, Babylon und China. Aber US19720810 war etwas ganz Besonderes.

Er war der erste Meteoroid, der unter Aufsicht der modernen Wissenschaft durch die Erdatmosphäre schoss. Bis 2008 wurden noch drei weitere gesichtet. Bei Wikipedia steht über US19720810: „Der Meteoroid trat mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 km/s in die Atmosphäre ein – über dem US-Bundesstaat Utah um 14.30 Uhr Ortszeit – und durchquerte sie in nördlicher Flugrichtung bei einer maximalen Annäherung an die Erdoberfläche von 53 Kilometern. Er verließ die Atmosphäre nach rund 100 Sekunden wieder über der kanadischen Provinz Alberta.“

Aus was der Körper bestand, weiß man nicht mit Sicherheit zu sagen. Klar scheint nur, dass er bei dem kurzen Gang durch die Erdatmosphäre auf ein Drittel seiner Masse reduziert wurde und erheblich an Geschwindigkeit verlor. Wie viele solcher Eindringlinge in unserer Erdatmosphäre verglühen, ohne dass wir überhaupt etwas mitkriegen, ist ebenfalls nicht zu klären.

Jedenfalls weckt US19720810 menschliche Urängste. Dabei tun wir seit Jahrtausenden alles, um diese Ängste zurückzudrängen. Wer glaubt noch an Thors Hammer? Wer fühlt sich im Donner von Jehova verfolgt? Das Bewusstsein unserer Fragilität freilich ist uns, so sehr man sich darum bemüht, nicht zu nehmen. Nicht nur die Gesundheit unseres Körpers verdankt sich einer prekären Balance, aus der wir nur zu leicht kippen können. Ein falsches Insekt, ein Stich und wir fallen um. Ein Virus gar, und ganze Landstriche wurden entvölkert.

Aber auch – und daran erinnert US19720810 – die Erde ist alles andere als „festgegründet“. Sie fliegt mit einer Geschwindigkeit von etwa 1.670 Kilometern pro Stunde um sich selbst und mit 30 Kilometern pro Sekunde um die Sonne. Dazu kommen Meteoroiden und Meteoriten. Dazu kommen Asteroiden, Planetoiden oder gar kleine Planeten. Die haben mindestens einen Durchmesser von einem Kilometer, erreichen aber auch mehrere Tausend. In unserem Sonnensystem befinden sich die meisten dieser Himmelskörper im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Mehr als zehn Millionen von ihnen sollen dort herumschwirren. Kommt es zu Kollisionen, brechen die Steine auseinander und werden aus der Bahn geworfen. Dann kann so ein Brocken auch mal bei uns landen. Für die Reise braucht er ein paar Millionen Jahre.

Die Menschheit hat den Himmel immer im Auge gehabt. Sie ist Meteoriten nachgelaufen, hat sie gefunden und verehrt. Tutanchamun bekam in sein Grab einen eisernen Dolch gelegt. Irdisches Eisen konnte damals noch nicht verhüttet werden. Der Dolch war aus Meteorit-Eisen geformt worden.

Gegenstände daraus fand man überall in Eurasien. Sie waren hoch und weit gehandelte Kostbarkeiten. Gottesgeschenke. Oder auch Ausdruck von Gottes Zorn.

US19720810 wurde 1972 „Thunderball“ oder auf deutsch „Feuerball“ genannt. Nach dem James-Bond-Roman von 1961 – der Film kam 1965. Wir legen offenbar Wert darauf zu zeigen, dass wir selbst für das, das wir nicht kennen, bereits einen Namen haben. Unsere Fantasie eilt unserem Wissen voraus. Wir können, auch wenn etwas wirklich Neues passiert, es bei seinem Namen rufen.

Als wäre damit schon etwas gewonnen. So richtig raus kommen wir aus dem magischen Denken nie.

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