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Meron Mendel zur Documenta: „Kunstfreiheit steht nicht im luftleeren Raum“

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Von: Lisa Berins

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Das Großbanner „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wurde wegen antisemitischer Bildsprache kurz nach Start der Documenta abgebaut.
Das Großbanner „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wurde wegen antisemitischer Bildsprache kurz nach Start der Documenta abgebaut. © Uwe Zucchi/dpa

Meron Mendel hat auf antisemitische Bildsprache bei der Documenta aufmerksam gemacht. Jetzt hilft er bei der Prüfung weiterer Werke.

Herr Mendel, nachdem Sie auf die antisemitische Bildsprache im Werk „People’s Justice“ auf der Documenta hingewiesen haben, steht die Ausstellung unter massiver Kritik. Wie erleben Sie die momentane Empörung?

Es passiert gerade alles Schlag auf Schlag, und es ist schwer, das in Echtzeit mitzuverfolgen. Die Tatsache, dass wir seit Sonntag vor einer Woche mit einem echten antisemitischen Kunstwerk auf der Documenta konfrontiert waren, bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass jeder Vorwurf, der seit Januar erhoben wurde, auch berechtigt und wahr ist. Wir müssen uns weiterhin jede Kritik genau anschauen und separat bewerten, sonst besteht die Gefahr einer Pauschalisierung, die leider gerade sehr in Mode ist. Wenn Sascha Lobo im „Spiegel“ von einer „Antisemita“ statt einer Documenta spricht, ist das eine Pauschalisierung, die keinem weiterhilft. Jetzt 1500 Künstlerinnen und Künstler als Antisemiten darzustellen, das ist grob falsch.

Die Documenta-Verantwortlichen möchten nun untersuchen, ob es weitere antisemitische Kunstwerke in der Ausstellung gibt – und dabei sollen Sie als Experte helfen. Was genau haben Sie vor?

Ich wurde von der Documenta-Leitung angefragt, ob ich ihnen und der Kuratorengruppe bei der Begutachtung von Kunstwerken helfen kann, bei denen sie selbst nicht beurteilen können, ob darin antisemitische Inhalte gezeigt werden. In den kommenden Tagen und Wochen werde ich mir die Werke anschauen und hinsichtlich des antisemitischen Gehalts beurteilen.

Documenta in Kassel: „Wer weiß, was noch geschieht“

Sie sollen jetzt also richten, was Politik, Documenta-Leitung und Kuratorenteam vermasselt haben?

Der Zeitpunkt ist natürlich komplett falsch. Dieser Prozess wäre in der Zeit der Vorbereitung notwendig gewesen, und das ist offensichtlich nicht passiert. Da kann man sich bockig stellen, und sagen, jetzt müsst ihr halt alles schließen, oder, und das ist meine Haltung, konstruktiv sein und die im Interesse von allen Beteiligten diese Documenta noch retten.

Halten Sie es für möglich, dass die Documenta abgebrochen wird?

Ich denke, es würde keinem etwas bringen, wenn die Documenta Ende Juni schließt und alle nach Hause fahren. Das wäre vermutlich nicht im Interesse des Zentralrats der Juden, nicht im Interesse des Publikums, der Künstler. Aber wer weiß, was noch geschieht. Es könnte natürlich auch sein, dass die Künstler abreisen wollen, weil sie nicht mehr unter Kritik oder unter dem Generalverdacht stehen wollen. Es gab die Befürchtungen, dass von der Politik die Reißleine gezogen werden könnte. Es gibt jede Menge Rücktrittsforderungen in alle Richtungen. Das ist natürlich eine sehr toxische und explosive Situation.

Haben Sie schon mit Ruangrupa darüber gesprochen, wie ihre Zusammenarbeit mit Ihnen aussehen wird? Und wie ist Ihr Eindruck: Gibt es Kompromissbereitschaft?

Ich hatte bisher noch keinen direkten Kontakt mit dem Kuratorenteam, was nicht an mir liegt, denn ich hatte es schon vor einiger Zeit angeboten. In der Erklärung, die Ruangrupa am Donnerstag abgegeben hat, sehe ich die Bereitschaft, dass sie ihre eigene Position reflektieren möchten. Sie entschuldigen sich mehrfach. Insofern denke ich, dass bei ihnen die letzten Tage auch gewirkt haben. Aber ich denke, da ist auch noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Inwiefern?

Nach wie vor gibt es einen Dissens bei der Beurteilung, ob das Kunstwerk an sich problematisch ist oder die Tatsache, dass dieses Kunstwerk in Deutschland gezeigt wird. Ich sage ganz klar: Ersteres. Wenn ich die Erklärung von Ruangrupa lese, dann scheint es mir, dass sie bei der zweiten Sichtweise sind. Für mich ist die Darstellung von Juden als Blutsauger, als Vampire oder als Träger von SS-Runen auf jedem Kontinent und in jedem Land dieser Erdkugel antisemitisch. Wenn Ruangrupa der Meinung ist, in Jakarta kann man so ein Werk weiter zeigen, dann haben wir eine fundamentale Differenz, die ausgehandelt werden muss.

Es geht mir um einen kritischen Dialog mit Künstlern aus dem Globalen Süden und die Frage: Was ist Antisemitismus, was ist daran problematisch?

Meron Mendel 

Wie wollen Sie sich mit dem Kuratorenteam in dieser Frage einig werden?

Auf der pragmatischen Ebene ist es unproblematisch. Wir müssen ja keinen gemeinsamen Nenner für eine Ausstellung in Jakarta finden, sondern für eine Ausstellung in Deutschland. Es reicht, wenn wir einer Meinung darüber sind, was nicht auf der Documenta gezeigt werden darf. Aber es geht mir natürlich um mehr, als nur situativ und pragmatisch eine Lösung für Kassel zu finden. Es geht mir um einen kritischen Dialog mit Künstlern aus dem Globalen Süden und die Frage: Was ist Antisemitismus, was ist daran problematisch?

Wie beurteilen Sie die pro-palästinensischen Propagandafilme aus den 1970ern, die zu sehen sind, oder ein Gemälde, auf dem eine Jeanne d’Arc-Figur – offensichtlich ein Zitat aus einem Delacroix-Gemälde –, statt einer französischen eine palästinensische Flagge schwenkt und mit Palästinensertuch um den Hals zur Revolution, in den Kampf führt? Ist das antisemitisch, grenzwertig – oder einfach nur eine andere weltpolitische Sichtweise?

Die Propagandafilme habe ich persönlich nicht gesehen. Da muss man genau schauen, was gezeigt wird und wie der Film gerahmt ist, also ob und welche Kontextualisierung es gibt. Wir kennen das zum Beispiel von der Vorführung von Nazi-Propagandafilmen, da wird geschaut: Welche Erklärungen bekommen die Zuschauer? Können Sie das einordnen und verstehen, was daran problematisch ist? Ich würde nicht generell sagen, man darf keine palästinensischen Propagandafilme zeigen.

Zur Person:

Meron Mendel ist seit 2010 Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Seit 2021 ist er zudem Professor für transnationale soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences und forscht unter anderem zur Gegenwart des Antisemitismus und zur Zukunft der Erinnerungskultur.

In der Debatte um die Antisemitismusvorwürfe auf der Documenta forderte er, das Banner des Künstlerkollektivs Taring Padi wegen antisemitischer Motive zu entfernen.

Und das Bild mit der palästinensischen Jeanne d’Arc?

Das stammt aus einer Serie eines Künstlers aus Gaza, der von dem Kollektiv The Question of Funding eingeladen wurde. Vorweg: Ich bin zwar kein ausgewiesener Kunstkenner, aber meines Erachtens ist der künstlerische Wert dieser Serie sehr gering bis gar nicht vorhanden. Es ist einfach plakative Propaganda; der Besucherin oder dem Besucher wird so gut wie kein Interpretationsspielraum gelassen. Nach dem Motto: What you see is what you get. Dann muss man aber immer noch genau hinschauen, was daran antisemitisch ist. Dass die Botschaft eine antiisraelische ist, scheint klar. Das ist auch nicht überraschend, der Künstler lebt in Gaza, in einer schwierigen Situation, zum Teil unter israelischer Besatzung, jetzt unter israelischer Sperre. Dass Menschen in Gaza in Bezug auf den Konflikt einseitig sind, dass es bis hin zu Hass gegenüber Israel geht, ist erst mal nachvollziehbar – ob ihre Einstellung nun berechtigt ist oder nicht. Die echte Grenzüberschreitung findet statt, wenn sich der Hass gegen Juden selbst richtet und nicht mehr gegen einen Staat.

Wie würde Ihre Empfehlung für das Werk lauten?

Ich will jetzt keine Ergebnisse verkünden, bevor ich die Arbeit als Experte angefangen habe. Als ich vor Ort war, um mir das Werk anzusehen, war auch der Künstler da. Ich wollte mit ihm sprechen, aber er hat das Gespräch abgeblockt, was ich besonders schade finde. Weil das Positive daran zumindest gewesen wäre, über solche Anlässe ins Gespräch zu kommen und sich stückweise auf die Perspektive des anderen einzulassen. Wir werden die Bilder jedenfalls prüfen, sie stehen auf unserer Liste, und dann werden wir mit dem Künstler beraten, wie wir damit umgehen.

Im schlimmsten Fall werden die Werke entfernt?

Genau. Das ist ein Instrument, das wir uns vorbehalten. Es ist auch möglich, Künstlerinnen und Künstler auszuladen. Aber wir werden das mit sehr viel Bedacht tun. Wir wollen nicht den Zensor spielen, sondern versuchen, die verschiedenen Perspektiven in Betracht zu ziehen und mit den Künstlern zu sprechen. Und im besten Fall einvernehmlich eine Lösung finden.

Haben Sie bisher andere Werke gesehen, die Sie für klar antisemitisch halten?

Nein, das habe ich nicht. Das hätte ich der Documenta direkt gesagt. Ich habe aber natürlich längst nicht alle Arbeiten gesehen.

Documenta: Es war richtig, „People’s Justice“ zu entfernen

Es geht auf der Documenta stärker um den Prozess des gemeinsamen Schaffens als um fertige Werke, die ausgestellt werden. Ist da nicht zu befürchten, dass auf einer immateriellen Ebene antisemitische Botschaften gesendet werden?

Das ist ja eine grundsätzliche Frage: Wie stellen wir uns die Realität, in der wir leben, vor? Wer garantiert uns, dass zum Beispiel keine frauenfeindlichen oder homophoben Äußerungen fallen? Wir können unsere Gesellschaft nicht so absichern, dass keine Mikroaggressionen oder Verletzungen oder Diskriminierungen vorkommen. Die Bildungsstätte Anne Frank hat sich mit dieser Vorstellung in ihrem Buch „Triggerwarnung“ kritisch auseinandergesetzt. Man könnte jetzt fragen: Brauchen wir eine Triggerwarnung für die Documenta, und ich würde sagen: Nein, das bringt uns nicht weiter. Es geht darum, aufzuklären, sensibel zu sein.

Würde es dann nicht reichen, die kritischen Werke zu kommentieren?

Das würde Vor- und Nachteile haben. In dem klaren Fall von Antisemitismus im Bild „People’s Justice“ bin ich der Meinung, dass es richtig war, es zu entfernen. Aber andere Konzepte des Umgangs mit solchen Bildern haben natürlich auch ihre Berechtigung. Die Frage ist, wie können wir der Problematik des Kunstwerks am besten begegnen? Der eine möchte es entfernen, der andere es als Schaumaterial stehenlassen und kommentieren, um Diskurse zu ermöglichen.

Können Sie die Kritik derer nachvollziehen, die im Prüfen und Entfernen von Kunst auf der Documenta eine Zensur sehen, die die Kunstfreiheit gefährdet?

Wenn man jetzt nach der Kunstfreiheit schreit, dann heißt das, dass man nicht weiß, was Kunstfreiheit bedeutet. Sie steht nicht im luftleeren Raum. Jedes Recht steht im Verhältnis und auch im Spannungsverhältnis zu anderen Rechten. Das muss immer gegeneinander abgewogen werden. Das Recht der Kunstfreiheit und der Meinungsfreiheit steht neben der Religionsfreiheit und der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Als Totschlagargument ist die Kunstfreiheit jedenfalls nicht geeignet. (Interview: Lisa Berins)

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