Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Franz Xaver Habermann (1721-1796): „Die Haupt Strasse nebst einem chinesischen Triumpffbogen in Canton“, Kupferstich.
+
Franz Xaver Habermann (1721-1796): „Die Haupt Strasse nebst einem chinesischen Triumpffbogen in Canton“, Kupferstich.

Philosophie

Menschen brauchen keine Religion und keine Gesetze – „Sie sehen selbst, was gut ist“

Vor 300 Jahren: Christian Wolff zeigt in seiner China-Rede auf, dass Menschen weder Religion noch sonstige „Oberherrn“ brauchen, um moralisch richtig zu handeln. Heiner Roetz über eine der seltenen Sternstunden einer zukunftsweisenden kosmopolitischen Philosophie.

Wenn in der Philosophie ein Datum zu begehen ist, dann handelt es sich in der Regel um den Geburts- oder Todestag eines ihrer großen Vertreter. Selten nur geht es um Ereignisse anderer Art. Zu diesen ist zweifellos die Rede Christian Wolffs (1679–1754), des Prorektors der Universität Halle, vom 12. Juli 1721, anlässlich der Amtsübergabe an seinen Nachfolger Lange zu zählen. Wolff wählte ein Thema, das einem schwelenden Streit zwischen ihm und den Hallenser Pietisten ein neues Kapitel hinzufügte: Er sprach über die „philosophia practica“ der Chinesen.

Wolff suchte gegen den „Eifer der Lutheraner und Catholicken“ nach einer Philosophie, die die Wahrheit des Glaubens auf Rationalität zurückführt, was ihn in einen Konflikt mit auf der Unergründlichkeit der Offenbarung beharrenden Theologen bringen musste. Im pietistischen Halle war er in der Höhle des Löwen, und seine Gegner, denen er die Studenten abspenstig machte, sannen darauf, sich des lästigen und gefährlichen Konkurrenten zu entledigen. Die China-Rede brachte dann das Fass zum Überlaufen. Was Wolff vorzutragen hatte, so der Zeitzeuge Gottsched, wirkte wie „Feuerfunken, die in einen fertigen Zunder fielen“. Die Rede „machete das größte Lärmen, das zu unsern Zeiten irgend eine andere gemachet haben kann“.

Was hatte Wolff gesagt, das landesweit für Empörung sorgte? Er hatte die Ethik des Konfuzius als Beleg zitiert, dass Moral ohne Religion möglich sei und dies als Bestätigung seiner eigenen Philosophie präsentiert, hatte sich also gegen die herrschende Theologie mit einer heidnischen Lehre verbündet. Hiermit lag er in einem Trend, denn die Aufklärer hatten China als Verbündeten im Kampf gegen das Monopol der christlichen Offenbarung entdeckt. Niemand hatte sich aber bislang so provokant auf die chinesische Seite gestellt. Dies roch nach Atheismus.

Für Wolffs Gegner war das Maß voll, und sie erwirkten beim preußischen König, dass er „beyh Hängen“ das Land binnen 48 Stunden zu verlassen hatte. Er fand Aufnahme an der Universität Marburg. Überall traten nun seine Widersacher auf. Aber auch seine Anhänger schliefen nicht, so dass sich die Stimmung schließlich drehte. Wolff konnte 1740 die Arbeit in Halle wieder aufnehmen. Die 1737 in Berlin gegründete „Gesellschaft der Wahrheitsliebenden“ (Societas Aletophilorum) ließ zu seiner Rehabilitierung eine Münze schlagen, die Minerva zeigt, auf dem Helm ein Januskopf mit den Gesichtern von Leibniz und Wolff, und die Aufschrift „sapere aude“, „erkühne dich, vernünftig zu sein“. Wolff war zu einer Ikone der Aufklärung geworden.

Wolffs Rede war der bisherige Höhepunkt einer Welle der Chinabegeisterung, die weite Teile der kritischen europäischen Intelligenz erfasst hatte. China war zuvor nie Gegenstand ernsthaften Interesses gewesen. Dies änderte sich mit dem Zusammenbruch des mittelalterlichen Ordo-Denkens, hervorgerufen durch ein Bündel von Faktoren, unter ihnen der Fortschritt der Naturerkenntnis, die Entdeckung neuer Welten im Verlauf der kolonialen Expansion und das Zerreißen der Einheit der christlichen Zivilisation im Zuge der Religionskonflikte.

China kam in der fälligen Neuorientierung des Weltbildes eine besondere Rolle zu, denn was aus dem Osten berichtet wurde, brachte die eingefahrenen Vorstellungen von Geschichte, Moral und Religion zusätzlich durcheinander. Konkret gesehen sind die u. a. bei Wolff sichtbar werdenden Ergebnisse eine paradoxe Folge der jesuitischen China-Mission.

Die Jesuiten hatten China durch Geschichtsdarstellungen und Übersetzungen bekannt gemacht, und sie hatten ein positives Bild des Landes gezeichnet, das ihnen zu missionieren erlaubte – zu einer Zeit, wo in Europa die Intoleranz grassierte. Sie schrieben dem Konfuzianismus eine diffuse Gottesvorstellung zu, betrachteten ihn aber nicht als Religion und duldeten auch die Ahnenverehrung als kulturelle, nicht religiöse Praxis. Andere Orden, aber auch manche Jesuiten selbst, erhoben gegen dieses in ihren Augen schönfärberische Bild den Vorwurf, die Konfuzianer seien in Wirklichkeit Atheisten.

Es war diese Konstellation von Argumenten und Informationen, die die Aufklärer elektrisierte. Sie suchten gegen den Autoritätsanspruch der christlichen Konfessionen, der in die blutige Unterdrückung alles Abweichenden geführt hatte, nach einer freieren Form von Religiosität oder, radikaler, nach der Befreiung von Religion überhaupt. In beiderlei Hinsicht eröffnete China eine Option, hatte man hier doch offenbar ein blühendes Staatswesen vor Augen, das zu seinem Funktionieren keiner Kirche bedurfte. China wurde zu einem mächtigen Zeugen für die Wirksamkeit der rein „natürlichen Religion“ oder, radikaler, der „natürlichen Vernunft“ – beides programmatische Kampfbegriffe der Aufklärung.

Wolffs Mentor Leibniz reagiert auf die dem Christentum erwachsende Gefahr mit der Versicherung, dass die chinesische Philosophie tatsächlich mit den Prinzipien sogar einer natürlichen Theologie, wenngleich nicht der geoffenbarten, übereinstimme – einer von vielen Versuchen, das aus dem Osten Bekanntwerdende mit der biblischen Tradition kompatibel zu halten und deren Relativierung zu verhindern.

Wolff indes ist nicht darum zu tun, den Konfuzianismus gegen den Atheismusbefund in Schutz zu nehmen. Dabei ist er selbst alles andere als ein Atheist. Er ist aber der Überzeugung, dass die von Gott einmal eingerichtete Natur so vollkommen ist, dass man ihr nur entsprechen muss, um auch ohne Gottesdienst ein guter Mensch zu sein. Man kommt zum Guten durch eigenständige Erkenntnis der Natur und nicht durch äußere Belehrung. Dies ist der eigentliche aufklärerische Punkt der Ethik Wolffs, und eben hier sieht er den Konfuzianismus an seiner Seite.

Wolff findet im Konfuzianismus eine Präfiguration seiner eigenen Ethik. Sie liefert einen empirischen Nachweis für die Annahme, dass das Gesetz der Natur auch ohne Offenbarung erkennbar und befolgbar ist. China, „von aller Religion frei“, zeigt in Reinheit, „wie vermögend die Natur sei“. Die Moral ist den Menschen „ins Herz geschrieben“, so dass „sie selbst sehen, was gut ist“. Tugend bedarf nicht der „Furcht vor einem Oberherrn“. Alle nur externen Bewegungsgründe des rechten Handelns, wie sie die Religionen liefern, zählen wenig gegenüber den inneren, die im Menschen selbst liegen; dies liest Wolff aus den konfuzianischen Schriften heraus. Durch ihre Lektüre bestärkt, kann er in § 24 seiner „Deutschen Ethik“ ein rein säkulares Autonomieprinzip formulieren: „Weil wir durch die Vernunft erkennen, was das Gesetze der Natur haben will; so braucht ein vernünftiger Mensch kein weiteres Gesetze sondern vermittelst seiner Vernunft ist er ihm selbst ein Gesetze“.

Selbstgesetzgebung durch Vernunft, dies antizipiert Kant, der allerdings nur den Vernunft-Teil des Autonomieprinzips übernimmt, den Natur-Teil aber streicht, womit er der China-Begeisterung des 18. Jahrhunderts ihre eigentliche philosophische Basis entzieht. Dies ist einer der Gründe neben anderen – vor allem den neuen Perspektiven aufgrund der Französischen Revolution –, warum sie schon bald nach Wolff in sich zusammenbricht, und dies nachhaltig. Die Rolle Chinas für die Aufklärung ist im Anschluss daran aus dem historischen Gedächtnis des Westens gestrichen worden. Und niemals wieder hat einer seiner großen Philosophen seine Lehre auf eine Ebene mit einer nicht-abendländischen Tradition gestellt.

War aber Wolffs Schulterschluss mit dem Konfuzianismus überhaupt mehr als eine für den Moment dramatische, aber im Rückblick allenfalls kuriose, unbedeutende Episode? Und ist die Verwandtschaft, die er sah, überhaupt vorhanden? Wolffs Bild Chinas hat sicherlich, wie beim damaligen Wissenstand nicht anders zu erwarten, Mängel. Doch ist ihm mit der Lesung der konfuzianischen Ethik als einer Ethik der Autonomie tatsächlich eine kongeniale Deutung gelungen, die den späteren in großer Zahl vorgetragenen Lesarten im Zeichen der Fremdbestimmung überlegen ist. Dabei löst Wolff politisch nicht ein, was der Gedanke der Autonomie eigentlich möglich macht, und bleibt ein Verteidiger einer patriarchalischen Monarchie – nicht anders als seine chinesischen Gewährsleute. Für den einen wie für die anderen gilt aber: Was in ihren Philosophien steckt, ist auf Weiterentwicklung angelegt – man muss nur mit ihnen gegen sie denken.

Wolffs China-Rede war eine der seltenen Sternstunden einer zukunftsweisenden kosmopolitischen Philosophie. Seine Liaison mit dem Konfuzianismus hat nicht nur dazu beigetragen, die Ethik von ihrer Bevormundung durch die Theologie zu befreien, sondern auch dazu, sie auf den Pfad der Autonomie zu bringen. Dies ist eine in ihrer Bedeutung auch für China selbst gar nicht zu überschätzende Leistung. Wenn China, so schrieb der konfuzianische Philosoph Carsun Chang unter Bezug auf Wolff und Kant, den Rationalismus zu beflügeln half, der schließlich zu den großen Erklärungen der Menschenrechte führte, warum sollte es sich dann mit diesen und der Demokratie eigentlich zu Haus so schwertun?

Heiner Roetz ist emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie Chinas an der Universität Bochum.

Christian Wolff (1679-1754), Radierung von 1725.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare