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Meist sind sie dagegen

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Von: Robert Kaltenbrunner

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Auch über Die Nutzung des Tempelhofer Felds in Berlin wird länger schon gestritten.
Auch über Die Nutzung des Tempelhofer Felds in Berlin wird länger schon gestritten. © Imago

Stadtplanung ist den Menschen keineswegs gleichgültig, sie kann im Gegenteil Zorn, Kampfeslust – und Liebe wecken. Zwei Bücher über das Thema Bauentwicklung und Politik.

Es gibt eine Fotografie, die zeigt, wie Le Corbusiers Arm von oben gebieterisch auf die Ville Radieuse deutet, seine moderne Idealstadt im Einklang mit den Bedingungen der Zeit. Die Selbstinszenierung des Architekten vor seiner Musterstadt erinnert an das zentrale Motiv von Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle. Dort streckt Gott seine Hand energisch in die Richtung von Adams noch schwachem Arm und erfüllt dessen Körper mit Lebenskraft. Im Falle von Le Corbusiers schwebendem Arm könnte man sagen: Der Schöpfer denkt Stadt und dadurch wird Stadt.

Falsch gedacht! Mit Hypertrophie kommt man in der Urbanistik heute nicht weit. Im Gegenteil, sie ist ein kooperatives kollektives Unternehmen, dessen Ziel (hoffentlich) ein systematischer gemeinsamer Gewinn ist, auch wenn vorab nicht unbedingt zu sehen ist, welche Form dieser Gewinn annehmen wird. Zudem kann man eine Stadt mit einem Buch vergleichen: das Verhältnis zwischen Plan und Wirklichkeit ist ebenso unberechenbar wie das zwischen Autor oder Autorin und Leser oder Leserin. Und dennoch verändert sich etwas – mal dynamisch, mal fast unsichtbar, mal gesteuert, mal eher zufällig.

Zwei instruktive Bände bieten nun Anlass, sich mit dem wichtigen, aber seltsam unbestimmten Dreieck Stadt-Planung-Politik auseinander zu setzen. Beide nehmen ihren Ausgang bei der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL), was freilich in diesem Fall kein Nachteil ist. Denn die 1922 gegründete Vereinigung namhafter und einflussreicher Expertinnen und Experten aus Planungspraxis und Wissenschaft ist im besten Sinne überparteilich und zugleich voller Empathie, was ihren Gegenstand anbelangt. Herausgekommen sind zwei veritable Lesebücher, deren Texte ein wahres Kaleidoskop darstellen: Sie laden dazu ein, sich in Möglichkeiten, Wünsche, Ziele, Defizite und Machtverhältnisse bei der Stadtentwicklung zu vertiefen.

Doch interessiert sich überhaupt noch jemand für Stadtplanung? Wer durch die Städte und Dörfer reist, wer sich das lieblose Nebeneinander von Industriehallen, Discountmärkten, Tankstellen und Wohnhäuschen ansieht, kommt nicht unbedingt auf die Idee, dass den Menschen besonders viel an ihrer gebauten Umwelt läge. Und doch ist sie den meisten alles andere als gleichgültig. Sie weckt heftige Emotionen, Zorn, Kampfeslust und Liebe. Ob nun der Bahnhof in Stuttgart, eine Konzerthalle in Bonn, das Tempelhofer Feld in Berlin, Hochhäuser in München oder die Elbtalbrücke in Dresden – wenn es um Fragen der Architektur und Stadtplanung geht, erweisen sich die Bürger und Bürgerinnen, denen so oft apolitische Lethargie attestiert wird, als überaus debattierfreudig.

Meist sind sie dagegen: gegen Abriss und neue Großprojekte. Doch anders als der „Spiegel“ Ende August 2010 meint, ist es nur selten ein Protest aus Eigennutz und Blockade-Lust. Oft geht es den Menschen um etwas Grundsätzliches. Oft ist für sie die Planung nur der äußere Anlass für weit größere Debatten: darüber, was eine demokratische Gesellschaft eigentlich ausmacht und wie sich das, was wir Öffentlichkeit nennen, bewahren lässt.

Was kann und was soll ein Plan definieren? Und was muss er offenlassen? Wie geht man um mit Ungewissheiten? Mit diesen Fragestellungen baut man gewissermaßen eine Brücke zur Welt der Ökonomie: Auch dort durfte man doch die Erfahrung sammeln, dass kurzfristige Renditeüberlegungen eher Monokultur erzeugen. Weitsicht und Ausgleich wäre demnach zwei wichtige Schlagworte. Da wir nicht in einem absolutistischen Staat leben, scheint eine Planung nur dann wirkungsvoll, wenn sie die Wirtschaft zu überzeugen vermag. Ihr angestammtes Mittel dazu ist die Gestaltung. Das ist nicht viel, aber auch nicht wenig. Gestaltung schafft nicht automatisch Stadt; sie ist aber ein unverzichtbarer Bestandteil des Urbanismus.

„Stadtplanung und Politik“ stellt eine Art Vivisektion dar, in der die Geschichte der DASL, ihre Diskurse und Schwerpunktsetzung analysiert wird. Das gewährt einen schnellen Überblick zu den wichtigsten Entwicklungslinien. So wirft Franz Pesch in Bezug auf den integrativen und integrierenden Raum zurecht die Frage auf, ob die Schönheit der Stadt von professionellen Gestaltern vorgegeben werden oder ob sie das Ergebnis eines intensiven Dialogs in der Gesellschaft sein soll – die Antwort bleibt bewusst offen. Roland Stimpel bilanziert die Wohnungsfrage aus der Vogelschau: „Hinterher ist man immer schlauer. Es wäre billig, im Rückblick verächtlich auf das Scheitern vieler Ideen und das Platzen vieler Prognosen zur Wohnungspolitik, daraus abgeleitete Erwartungen und Handlungsoptionen zu schauen.“

Was von manchen als Trägheit bezeichnet würde, sei „eher ein im positiven Sinne entschleunigendes, ausgleichendes Moment. Alle Themen hinterlassen Spuren und bereichern so die Städte, aber keines hat erdrückende Dominanz über alle anderen gewonnen.“ Und Friedemann Kunst moniert, dass die starke Mitverantwortung von Stadtplanung und Städtebau für die Entwicklung der Mobilität bislang wenig Widerhall gefunden habe: „Wiederholt zeigt sich, dass die raumstrukturierende Wirkungsmacht des Autos in einer Mischung aus Faszination und Resignation hingenommen wird. Der Konfrontation der Verkehrsentwicklung mit einem Gestaltungswillen auf der Basis von Konzepten und Instrumenten der räumlichen Planung wird ausgewichen.“

Spannender und anregender freilich kommt der Band „Stadt und Planung“ daher. Es ist dies ein buntes Panoptikum: Auszüge aus Klassikern, neu entdeckte wissenschaftliche Aufsätze, kraftvolle Reden und einflussreiche Manifeste, aber auch Zeitungsartikel, Reiseberichte und Gedichte. Die Lektüre bietet hinreichend Anregung, sich einen eigenen Zugang zu bahnen. Welchen Beitrag können einzelne Projekte für den Urbanismus leisten? Was wäre heute der wichtigste Job für die kommunale Regierung und ihre Behörden? Städte – bzw. deren öffentlichen Hände – verfügen kaum mehr über die ökonomische Potenz, um die Stadtentwicklung mit eigenen Projekten zu lenken, oder allenfalls punktuell. Muss man nicht konzedieren, dass die herkömmliche Planung, die nur den gesetzlichen Rahmen definiert oder alles von oben festlegt, nicht bloß veraltet ist, sondern auch nicht funktioniert – möglicherweise sogar schadet?

In Brasilia wurde ja nicht der großzügig geplante „Corso“ zum Corso, sondern seine banale Anlieferungsstraße. Oder ein anderes Beispiel: In jedem größeren Neubauviertel entstehen Plätze, die vollmundig „Piazzas“ genannt werden – doch viel Anklang bei den Bewohnern finden sie nicht.

Es braucht augenscheinlich eine neue Verständigung über das, was zumeist als Planungskonzept beschrieben wird. Wenngleich die Inhalte dieses Konzeptes, wie auch die angewandten Instrumente, enorm unterschiedlich sein können, das Ziel bleibt immer dasselbe: Die optimale Verteilung von Personen, Gütern und Dienstleistungen auf einem vorgegebenen Gebiet. Nur die Kriterien dieser Verteilung variieren je nachdem, welche politische Ideologie sie in die Tat umsetzt. Was aber ist die bessere Alternative? Oder anders formuliert: Können unsere Städte lebenswerter gemacht werden? Wie wird unsere Gesellschaft darin heimisch? Hilft es, sich an den altgriechischen Politiker Perikles zu halten, von dem das Diktum stammt: „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein“?

Die oft zu hörende Klage, die Planungsinstrumente seien veraltet und/oder überbürokratisiert, lenkt ein Stück weit vom eigentlichen Problem ab. Denn die gewünschten oder notwendigen Dinge in der Entwicklung der Städte geschehen nicht deshalb nicht, weil die Instrumente fehlen oder verkrustet sind, sondern weil der politische Wille, der ökonomische Impuls oder der gesellschaftliche Konsens fehlt. Zudem liegt die Krux für Planung und Städtebau darin, dass andere Beteiligte und Determinanten den Raum sehr viel stärker prägen als es ihre Profession tut. Zugleich stehen wir inmitten einer fundamentalen Umwälzungsphase: Weg von einer auf Öl und Gas basierten Dienstleistungsgesellschaft, hin zu einer auf erneuerbaren Energien basierten Wissensgesellschaft. Und damit steht unsere Wertschätzung der gebauten Umwelt – in ihrem Verhältnis zu anderen Aspekten des Lebensalltags – auf den Prüfstand. Stadtplanung mag dröge wirken, sie ist aber von Belang!

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