1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Matthias Heine über „Kaputte Wörter“: Sensibler und gelassener mitreden

Erstellt:

Von: Roland Kaehlbrandt

Kommentare

Die gehör-, aber nicht sprachlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit in einer Gebärden-„Antigone“ beim Avignon-Festival.
Die gehör-, aber nicht sprachlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit in einer Gebärden-„Antigone“ beim Avignon-Festival. © afp

Matthias Heine gibt klugen Rat zum Umgang mit „kaputten Wörtern“.

Was soll man sagen? Was nicht? Was klingt anstößig? Wie rasch unbedachte Äußerungen heftige Reaktionen hervorrufen können, erleben wir gegenwärtig. Das kann durchaus ungewollt geschehen, wenn uns die Brisanz eines Begriffs gar nicht bewusst ist. Groß ist denn auch die Verunsicherung darüber, wie bei gesellschaftspolitischen Themen zu formulieren ist. Wo liegen die Fallstricke? Wie können wir an Debatten teilnehmen, dabei zwar einen klaren Standpunkt vertreten, aber unser Gegenüber nicht kränken? Denn ein Tritt ins semantisch-politische Fettnäpfchen, und rasch ist der Blick vom Argument auf dessen sprachliche Form gelenkt, sodass das Sachargument nicht mehr durchdringt, sondern sich Fragen der persönlichen Haltung stellen. Sachargumente weichen dann ganz leicht Zweifeln an der Lauterbarkeit der Gegenseite.

Was ist reparaturfähig?

Hier tut also Orientierung not. Da kommt ein kluges Buch zur rechten Zeit, das knapp 80 kontrovers diskutierte „kaputte“ Begriffe von A wie „Abtreibung“ über K wie „Kolonie“ bis Z wie „Zwerg“ untersucht, Wörter also, die problematisch geworden sind. Der Journalist und Sachbuchautor Matthias Heine hat sie so aufbereitet, dass wir uns am Ende jeder einzelnen Wortdiskussion ein fundiertes Urteil bilden können. Denn darum geht es hier: um die Schärfung des sprachlichen Urteilsvermögens über die Angemessenheit strittiger Begriffe auf der Grundlage genauer Kenntnis des Für und Wider. Entsprechend sind die Wortkapitel aufgebaut: Zuerst Wortursprung und -geschichte, dann bestehende Kritik an der Form des Wortes oder an seinem Gebrauch, und am Ende eine Einschätzung des Autors, ob der jeweilige Begriff „reparaturfähig“ sei, und eine Anregung, wie mit dem Wort umgegangen werden kann.

Gerade weil es in dem Buch um Klärung der Begriffe, um sachliche Aufklärung geht: Der Autor ist für die Umsicht, die Sorgfalt und die Geduld, die er in der Bearbeitung der Wörter walten lässt, ausdrücklich zu loben. Denn so viel Strittigkeit, Empörung und „German sprachangst“ unaufgeregt zu analysieren und differenziert abzuwägen, dazu gehört selbst wiederum eine Haltung, nämlich die der Aufklärung durch Vernunft.

Und das ist das Buch: vernünftig, zum Beispiel in der Diskussion des Adjektivs „taubstumm“, das im 18. Jahrhundert in durchaus aufklärerischer Absicht gebildet wurde, als Bildungseinrichtungen für gehörlose Menschen geschaffen wurden. 200 Jahre lang wurde der Begriff gemeinhin gebraucht, doch in den 1970er Jahren kam Kritik daran auf. Gehörlose seien ja nicht stumm, sondern imstande, Sprache zu beherrschen. Vielmehr sei umgekehrt, die Gesellschaft „gebärdentaub“. In der Tat: Wer sich mit den vielen leistungsfähigen Gebärdensprachen befasst, kann Gehörlose nicht für stumm halten. Da der alte Begriff als herabwürdigend aufgefasst werden kann, empfiehlt sich der heute verbreitete Begriff „gehörlos“.

Eine überraschende Wendung nimmt die Diskussion des Begriffs „Naturvolk“. Auch dieser Begriff geht auf eine positive Wertung, diesmal von Johann Gottfried Herder, zurück, der den damals gängigen Begriff „Wilde“ bewusst ersetzte. Die Bindung des Begriffs an die Abhängigkeit der gemeinten Ethnien an die Natur erfuhr in den 1970er Jahren eine Neubewertung durch die Betonung ihrer nachhaltigen und umweltverträglichen Lebensweise. Wegen des Gegensatzpaares Naturvolk/Kulturvolk kam er jedoch seit den 80ern außer Gebrauch, da es tatsächlich keine kulturlose menschliche Gruppe gibt. Der Autor gibt aber zu bedenken, dass der Begriff wegen des großen Wertes, der heute der Natur und einer nachhaltigen Lebensweise zugemessen wird, gegenwärtig sogar eine Überlegenheit bezeichnen könnte.

Das Buch:

Matthias Heine: Kaputte Wörter? Vom Umgang mit heikler Sprache. Dudenverlag, Berlin 2022. 298 S., 22,70 Euro.

Der Glanz ist ab

Strittig, ja eigentlich „kaputt“ im Sinne von nicht mehr verwendbar, ist der Begriff „Mohr“. Vom lateinischen „maurus“ und später vom französischen „maure“ abgeleitet, bezeichnet er aus Afrika stammende Menschen. Ein herabwürdigender Wortgebrauch war über die Jahrhunderte nicht verbreitet. Gleichwohl entzündeten sich an dem Begriff heftige Sprachkämpfe. Er sei heute auf jeden Fall diskriminierend, so die Kritiker und Kritikerinnen. Zwar sollte einst im Falle der damit kombinierten Apothekennamen der Glanz der Medizin aus dem islamischen Kulturkreis abstrahlen, sodass der Begriff positiv wertend gebraucht wurde, und ebenso verhielt es sich mit den entsprechenden Straßennamen. Doch fällt das offenbar nicht mehr ins Gewicht. Der Autor lässt hier angesichts der Wirkungslosigkeit sprachgeschichtlicher Aspekte einen gewissen Fatalismus durchscheinen.

Dass der Begriff in den Sog heftiger sprachpolitischer Auseinandersetzungen über rassistische Benennungen geraten ist, ist freilich nicht überraschend. In den Debatten rund um den politischen Sprachgebrauch spielt eben immer wieder auch eine, wie der Autor treffend schreibt, „verengte semantische Wahrnehmung“ eine Rolle, die dann selbst wiederum sprachliche Realitäten erzeugt. Es ist daher in jedem Falle gut und nützlich, davon zu wissen und auf dieser Grundlage ein Urteil für den eigenen Sprachgebrauch zu bilden.

Matthias Heine verfeinert unsere sprachliche Sensibilität, ohne die emotionalisierte Eigendynamik so mancher Sprachkämpfe zu beschönigen. Solchermaßen aufgeklärt, können wir sensibler und zugleich gelassener mitreden.

Roland Kaehlbrandt lehrt Sprachwissenschaft an der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft.

Auch interessant

Kommentare