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Masse und Maus

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Von: Michael Hesse

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Großer Auftritt für eine Farbe.
Großer Auftritt für eine Farbe. © AFP

Die Farbe symbolisiert Belanglosigkeit und Indifferenz.

Grau ist alle Theorie. Die Farbe des Lebens ist eine andere. Das Grau als glamouröser Star? Gewiss, diese Farbe beinhaltet alle Elemente quasi im Zustand des Urknalls: United Colors of Everything. Aber: Das Grau ist das Bestimmungslose, Undifferenzierte. Es ist der farbliche Ausdruck der Gleichgültigkeit. Wer das Bestimmte, Trennende, Unterschiedene hasst, der sucht beim Grau Zuflucht. Doch das Grau gibt zu denken. Man ordnet es dem Unentschiedenen zu, dem Neutralen, Unbesonderen, dem Mittleren, mausgrau ist man, wenn man zum Gewöhnlichen zählt. Das Grau ist das Jenseits von Lust und Unlust.

Betrachter der Grauwelten sehen sich zurückgeworfen in Zeiten, in denen die Farbe sprichwörtlich ausgegangen war. Man denke an die in allen Schattierungen grauen Gebäude in Ostberlin zu Honeckers Zeiten. Eine bleierne Farbwelt, die aus Bespitzelung, gesellschaftlicher Enge und Repression bestand. Grau waren auch die Häuserwelten in der westdeutschen Nachkriegszeit. Nichtgraue Farbe war ein Luxusgut.

Das durchschnittliche Dasein in seiner Alltäglichkeit entdecken wir auch beim Existenzialphilosophen Martin Heidegger, der es zum Ausgangspunkt seiner Daseinsanalyse, also der Auslegung des Menschen in seinen alltäglichen lebensweltlichen Bezügen, nutzte. Aschgrau, dunkelgrau, mausgrau, der Mensch wird seiner Individualität beraubt, vom Subjekt zum Teil einer Masse, die sich im Grau der chinesischen Bürger:innen der Maozeit uniform kleidet, um jede Differenz zu verschleiern. Das politische Grau dient seit jeher der Unterdrückung der Massen.

Das Leben, die Lust, die Leidenschaft resultiert aus einer Umfärbung dieses Farbwertes, seiner Differenzierung und Nuancierung. Dass ausgerechnet heute Gebäude, Autos, Pullover und Hosen das Grau als dominante Farbe ziert, ist eine Art Treppenwitz der Geschichte. Der Kapitalismus schmückt sich mit dem kommunistischen Grau, es ist wie die Einheit der Gegensätze, über die der neuzeitliche Denker Nikolaus von Kues sinnierte.

Hätte der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel in Farben gedacht, wäre das Werden im Zustande des Grau gesehen worden, das Sein als das Weiß, das Nichts als das Schwarz. Die Wahrheit des Werdens ist aber das Dasein, das nicht im Grau verbleiben kann. Das Leben spricht eben eine andere Sprache als eine des Grau. Es liebt die pulsierende Differenz.

Das Grau gibt in der Tat zu denken. Will man schon auf das Grün des Lebens verzichten, ist das Weiß dem Grau doch vorzuziehen. So sahen es schon die Alten. Man erinnert sich, dass das Weiß und das Schwarz die Geschwisterchen des Grau sind und beide ihrer mittleren Schwester vorzuziehen sind. Das Schwarz sei hier übergangen, es ist Ausdruck des Todes und damit der endlosen Monotonie.

Das Weiß des göttlichen Lichts erweckt indessen die Hoffnung auf das Rot der Liebe oder das Blau der unendlichen Weite. Es erinnert ein wenig an verblasste Zeiten, als der Mensch an die Ebenbildlichkeit zu Gott glaubte. Das Grau hingegen steht uns bevor als Resultat unserer Schuld, die wir gegenüber der Natur auf uns geladen haben. Der Himmel wird wegen der zunehmenden Wasserverdunstung infolge der Erderwärmung in stetem Grau erscheinen. Auch wenn niemand mehr denkt, die Hoffnung müsse grün sein, grau aber sollten die Aussichten doch nie sein.

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