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Massaker von Chios:Nichts ist unmöglich

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Von: Arno Widmann

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Eugène Delacroix, „Massaker von Chios“, 1824. Foto: Imago Images
Eugène Delacroix, „Massaker von Chios“, 1824. © imago/United Archives Internatio

Vor 200 Jahren wurden die Griechen Opfer einer fremden Macht. Inzwischen stranden auf Chios Geflüchtete – eine unendliche Geschichte.

Am 11. April 1822 fand auf der griechischen Insel Chios ein Massaker statt. Das nur 32 Kilometer vor der Türkei liegende Chios zählt mit seinen mehr als 800 000 Quadratkilometern zu den größten Inseln des Mittelmeeres. Sie ist seit fünf Jahrtausenden bewohnt. Schon um 700 v. u. Z. wurde Chios eine Seemacht und ein Zentrum der Kultur und des Handels. Natürlich beanspruchte auch Chios der Geburtsort Homers zu sein. Chios lebte Jahrhunderte lang von Baumharz und vom Sklavenhandel. Es war für jeden Eroberer eine kostbare Beute: Perser, Alexander der Große, Römer. Später dann u. a. Venezianer und Genuesen. Von 1566 bis 1912 gehörte Chios zum osmanischen Reich.

Während des Unabhängigkeitskrieges Griechenlands (1821 bis 1829) kamen Tausende griechischer Kämpfer auf die Insel. Das osmanische Reich intervenierte mit etwa 45 000 Mann. Alle Männer, die älter als zwölf Jahre alt waren, alle Frauen über vierzig Jahren und alle Kinder unter zwei Jahren sollten getötet, die anderen versklavt werden. Man schätzt, dass bei diesem Massaker 25 000 Griechen getötet und 45 000 als Sklaven verkauft wurden. 10 000 bis 15 000 Personen konnten fliehen. Die Insel verblieb im Osmanischen Reich. Im November 1912 eroberten griechische Marine- und Armee-Einheiten die Insel Chios. (Soweit Wikipedia)

Die Tausenden Toten von Chios waren der Anfang vom Ende der Herrschaft des Osmanischen Reiches über Griechenland. Europa war entsetzt. Der Krieg gegen die Osmanen war keine Auseinandersetzung mehr zwischen Großmächten um ihre Einflusssphären. In den Augen einer sich jetzt bildenden europäischen Öffentlichkeit ging es bei diesem Krieg im Wesentlichen um die Freiheit eines Volkes, sich gegen Unterdrücker zur Wehr setzen zu können.

Die griechische Revolution hatte begonnen als ein Kampf um eine Republik. Diesem Kampf hatten sich Freiwillige aus ganz Europa angeschlossen. Der bekannteste von ihnen war Lord Byron (1788 -1824), Englands berühmtester Dichter. Eines der Vorbilder für die Aufstellung Internationaler Brigaden im spanischen Bürgerkrieg. Die Revolution scheiterte. Der Krieg wurde gewonnen. 1829 wurden große Teile Griechenlands die Osmanen los. Aber Griechenland wurde keine Republik, sondern – dafür sorgten die Großmächte Frankreich, Großbritannien und Russland – ein Königreich. Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen wurde der bayerische Prinz Otto König von Griechenland. Der Kampf um eine Verfassung bestimmte die nächsten Jahrzehnte.

Den 11. April 1822 hätte die Menschheit – wie die meisten vorangegangenen und die meisten folgenden Massaker – längst vergessen, wäre da nicht ein Gemälde. „Das Massaker von Chios“ von Eugène Delacroix (1798-1863). Es wurde am 25. August 1824 im Pariser Salon ausgestellt. Eine Sensation. Schon weil es auch ein Stück Journalismus war. Eine Momentaufnahme. Keine Beschwörung ewiger Werte. Und doch gerade dadurch ungemein wirkungsvoll. Die Griechen waren hier keine republikanischen Freiheitskämpfer, keine Helden mehr, sondern Opfer einer fremden Macht. Sie zu unterstützen war nicht mehr Frage eines militärpolitischen Kalküls, sondern ein Akt der Menschlichkeit. Der französische König Charles X. erwarb es sofort für die Sammlungen des Louvre. Es war das zweite Gemälde des jungen Künstlers. Und schon war er im Allerheiligsten der französischen Kunst.

Die Frage des Verhältnisses von Kunst und Engagement oder Propaganda, von Kunst und Krieg stellt sich immer wieder neu. Man geht ihr in die Falle, wenn man sie einseitig stellt. Im selben Raum wie das Bild von Delacroix hing im Pariser Salon von 1824 „Der Schwur auf Ludwig XIII“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867). Ein Historienbild. Die Verherrlichung der Herrschaft. Wie gelackt. Wie überzogen mit jenem Mastix, das neben den Sklaven über Jahrhunderte der Haupterwerb der Insel Chios war. Der Gegensatz zwischen den beiden hätte nicht größer sein können. Die Malerei hatte einen Sprung gemacht. Vollkommenheit war nicht mehr ihr Ziel. Sie floh vor ihr.

Delacroix führte Tagebuch. Man kann darin die Entstehung des Bildes verfolgen. Man beobachtet ihn, wie er immer wieder korrigiert, was er gemalt hat. Nichts bleibt, was es war. Er besucht Manegen, beobachtet die Pferde dort, macht Skizzen und kehrt zurück an sein Bild, um sein Pferd lebendig zu machen. Man erfährt, wen er als Modell verwendet und wie viel er zahlt für das Modellstehen. Diese Tagebücher sind eine Fundgrube für die Freunde des Details. Und für die des Klatsches, die also, die wissen wollen, wen Delacroix traf, was er trank und aß und wie viel er dafür ausgab. Wenn er kaum noch Geld hat, notiert er genauestens jede noch so geringe Ausgabe. Ist wieder etwas in der Kasse, verschwindet der Buchhalter Delacroix und die Schilderungen der Gelage werden wieder schwärmerisch.

Die Tagebücher sind aber auch voller Reflexionen über wie die Kunst sein muss, was Delacroix erreichen möchte und was nicht. Am 7. April 1824 notiert er: „Wenn etwas dich langweilt, mach es nicht. Renne nicht einer leeren Perfektion hinterher. Gewisse Fehler für die Menge geben der Sache oft erst Leben.“ Der Schmutz ist das Schöne. Er ist es nicht, weil er wahr ist. Die bloße Abbildung, dessen was ist, ist nicht Delacroix‘ Ziel. Er konstruiert eine Wirklichkeit, in der der Schmutz das Schöne ist. Es ist ein ästhetisches Programm, kein Realismus.

Welche Rolle spielt Politik dabei? In den Tagebüchern keine. Der religiöse Gegensatz, der zwischen den Nationen spielt keine Rolle. Selbst die Bedrohung hat keinen Auftritt. Im Zentrum stehen die Opfer. Die Verzweifelten und die Verschleppten. Wir mögen das junge Paar – vor allem den Mann – als gar zu glatt hingegossen empfinden. Aber wahr ist, dass Delacroix viel Arbeit darauf verwandte, ihn nicht gar zu athletisch aussehen zu lassen. Er sollte kein Held sein. Das Bild belehrt uns darüber, wie schwer dieser Ablösungsprozess ist.

Noch einmal zurück zu Chios. Die Insel war vor ein paar Jahren wieder im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Hier strandeten und stranden noch immer Geflüchtete. Im Oktober vergangenen Jahres starben wieder einige vor der Küste. Der norwegische Fotograf Eirik J. Solheim war im März 2016 als Helfer auf Chios und fotografierte dort seine Kollegen und Geflüchtete. Vor allem Kinder. Solheim schickte die Fotos an den Autor John Slane, der als freiwilliger Helfer auf Lesbos arbeitete. Sie suchten einhundert Fotos aus. Sloane versah sie mit mal sehr kurzen, mal etwas längeren Texten. Herausgekommen ist ein E-Book (nur für den Kindle). Man darf es nicht in einem Rutsch lesen. Es wird dann eintönig. Kindergesichter und immer das Nachdenken darüber, was aus diesen Kindern einmal werden wird. Ein Nachdenken, das die Freiheit dieser Kinder, die Offenheit der Zukunft betont. Das ist schön. Nicht im Sinne Delacroix‘, sondern als Ermutigung zur Hoffnung. Nach vier oder fünf Fotos und Texten aber sagt man sich. Die beiden mögen recht haben. Aber haben nicht auch die recht, die sich weigern, der Hoffnung zu trauen, die mehr das Entsetzen als den Ausweg sehen.

Droht man aber in jene Verzweiflung über den Gang der Welt zu stürzen, unter der auch Delacroix so beredt litt, dann helfen einem vielleicht drei, vier Blicke in diese Kindergesichter und jener Ausspruch, der aus der Verzweiflung kommt, aber immer auch ein Seufzer der Hoffnung sein kann: „Nichts ist unmöglich“.

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