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Mary Baker Eddy (1821-1910).
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Mary Baker Eddy (1821-1910).

Christian Science

Mary Baker Eddy: Und Gott erreichte die USA

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Auch Religion ist eine Business-Idee: Eine Erinnerung an Mary Baker Eddy, die Gründerin von „Christian Science“.

Das gängige Vorurteil nennt das 19. Jahrhundert gerne das Zeitalter der Wissenschaft, das Zeitalter des Positivismus gar. Dabei wird gerne übersehen, dass das 19. Jahrhundert auch eines von jenen war, in denen so viele neue Religionen gegründet wurden wie in wenigen anderen. Nicht nur von Männern. Es gab auch Religionsgründerinnen. Neben zum Beispiel der Japanerin Nakayama Miki (1798–1887) oder der britischen Theosophin Annie Besant (1847–1933) auch die Amerikanerin Mary Baker Eddy (16. Juli 1821–1910), die Begründerin der „Christian Science“. Deren 200. Geburtstag ist der Anlass, in diesen Tagen an sie zu erinnern.

1875 veröffentlichte sie ihr Hauptwerk „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“. Ihre Kirche, die „Kirche Christi, Wissenschaftler“, soll heute weltweit noch 100 000 aktive Mitglieder haben (Wikipedia). Das ist sehr wenig. Mark Twain würde sich wundern. Er registrierte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts den schnellen Erfolg der Organisation und sagte ihr davon ausgehend Millionen Mitglieder voraus. Ende der 1890er Jahre waren es 8700 in den USA, 1906 bereits 85 000. „Christian Science“ erschien Twain als perfekte Religion des frühen 20. Jahrhunderts. „Gesundheit, Optimismus und Seelenruhe – und all das hier auf der Erde“.

„Christian Science“ war eine der zahllosen Geistheiler-Unternehmungen, die die Ostküste damals aufwühlten. Die USA waren und sind ein Land der Gläubigen. Ohne Gott waren dort keine Geschäfte zu machen. Gott war dort – und nicht nur dort – immer auch eine Business-Idee. „Christian Science“, so erklärte Mark Twain, werde effizient geführt wie die Standard Oil. Dabei wird er daran gedacht haben, wie viel besser es ihm ging, seit er seine Finanzen von einem Mitglied des Vorstands von Standard Oil verwalten ließ. Dass „Christian Science“ sehr auf das Business achtete, wurde auch daran festgemacht, dass die Kirche kein Geld ausgab für Sozialarbeit.

Wer die Schriften von Mary Baker Eddy liest, dem wird klar, was für ein unsinniges Metier die Literaturkritik ist. Nach deren Kriterien dürfte niemand sie lesen. Aber das taten die Menschen und tun sie womöglich noch immer. Literatur hat zehntausend Gesichter und die monomanische Wiederholung immer wieder derselben Behauptung widerspricht zwar einer der ältesten Lehren – „variatio delectat“ –, aber auch sie hat ihr Publikum. Das zudem noch den Vorteil hat, beim Geschriebenen nicht stehen zu bleiben. Der Gläubige will hin zur Tat.

Zu den wichtigen Einrichtungen von „Christian Science“ gehören Leseräume. Dort liegen die Bücher, Zeitschriften und Zeitungen der Organisation. Dort treffen sich die Lernbegierigen. Es gab auch Vorträge, aber die Verbreitung der Lehre war vor allem eine Verbreitung von Texten. Ohne die Riesenerfolge bei der Alphabetisierung der Bevölkerung der USA wäre das nicht möglich gewesen.

Die frühe „Christian Science“ war eine Bewegung armer Weißer. Mark Twain macht sich lustig über jene Kritiker der Kirche, die sagen, sie habe keine Chance, denn die Eliten würde sie nicht erreichen. Gerade das, so Twain, mache sie so erfolgreich.

Krankheit, Schmerz, Sünde sind Materie, also nicht wahr. Hat man das verstanden, sind sie weg. Es gibt sie nämlich nicht. Sie sind Vorstellungen unseres Geistes. Wir müssen uns frei machen davon, dann sind wir frei. Wen das an den Hinduismus erinnert, der hat recht. Die indische Philosophie gehört zu den großen Einflüssen des 19. Jahrhunderts auf das westliche Denken. Mehr noch als in die akademische Lehre verbreitete sich der indische Spiritualismus in den unterschiedlichsten esoterischen Strömungen. Von der 24. bis zur 32. Auflage von „Wissenschaft und Gesundheit ...“ fehlte es auch nicht an Hinweisen auf den Hinduismus, Später wurden die gestrichen.

Was aber ist das Christliche an der Geistheilung? Die Evangelien schildern Jesus als einen Heiler. Er ist auch einer, der ohne Medikamente auskommt. Er sagt dem Lahmen oder dem Toten, sie sollen aufstehen. Nicht mehr. Sie sind geheilt. Für den herkömmlichen Christen ist das der Beweis, dass Jesus der Messias ist, der Gottgesandte, Gottes Sohn, ja Gott.

Die Geistheiler sehen das anders. Die Kranken sind in Wahrheit nicht krank. Der Therapeut setzt sich über die Selbstwahrnehmung der „Patienten“ hinweg. Er sagt ihnen, was Sache ist. Das ist das Ende der Krankheit. Jeder kann heilen, wie Jesus das tat. Wenn es ihm bei anderen nicht gelingt, bei sich selbst kann er immer ansetzen. Er muss begreifen, dass er, wenn er sich krank fühlt, einer Illusion erliegt. Der beherzt entgegenzutreten – davon hängt alles ab.

Wer das und wer Mary Baker Eddy näher kennen lernen möchte, der lese Stefan Zweigs Buch „Heilung durch den Geist“ aus dem Jahre 1930. Zweig beschäftigt sich darin mit dem Magnetiseur Franz Anton Mesmer (1734-1815), mit Mary Baker Eddy und mit Sigmund Freud (1856-1939). Alle drei erkannten, dass viele Krankheiten geistige Ursachen hatten und darum geistig geheilt werden müssen.

Zweigs Seiten über Mary Baker Eddy sind sicher das Beste, was je über sie geschrieben wurde. Zu lesen ist über ihre drei Ehen, über den Sohn, den sie abgab, über den Heiler Phineas Parkhurst Quimby (1802-1866), der sie nicht nur wieder gesund machte, sondern dessen Ein- und Ansichten sie auch ausbeutete für die eigene Lehre. Zweig schilderte die Jahrzehnte, in denen Mary Baker Eddy nur wusste, dass sie etwas ganz Besonderes war, aber keine Ahnung hatte, was das sein könnte. Es waren Jahrzehnte immer wieder auftretender Hysterie, darauf folgende Wochen völliger Bettlägerigkeit. Verzweifelte Suche nach Menschen, die sie aufnahmen und ihr Kost und Logis boten, mal für ein paar Tage, mal für Monate. Immer wieder stand sie auf der Straße. Sie arbeitete nie. Keine Hausarbeit, kein Nähen, kein Stricken. Sie floh davor, eine Frau zu sein. Aber sie wusste nicht, was sie sein wollte.

Sie war keine Heilerin. Sie hat niemanden therapiert. Wenn sie nicht sprach vom Geist und dessen Möglichkeiten, schrieb sie an ihrem Buch. Besessen wie eine richtige Autorin. Auch als das Buch schon erschienen war, schrieb sie weiter daran. Sie korrigierte, strich und ergänzte. Vierzig verschiedene Auflagen sollen es noch zu ihren Lebzeiten gewesen sein. Die wahren Bestseller der US-amerikanischen Literatur sind nicht die Bücher von Autoren wie Walt Whitman und Mark Twain, sondern von „Wissenschaft und Gesundheit...“ von Mary Baker Eddy und zum Beispiel „Das Buch Mormon“ von Joseph Smith (1805-1844).

„Die Heilung durch den Geist“ begleitet die Schulmedizin, die selbst ja aus der Welt der Geistheiler hervorgegangen war. Je besessener eine Epoche von etwas ist, desto lauter meldet sich auch das Gegenteil zu Wort. Desto mehr Berührungspunkte gibt es auch. „Christian Science“ hieß Baker Eddys Bewegung. „Science“ war wichtig. „Tests“ spielten eine große Rolle in Baker Eddys Schriften. Heilung wurde nicht garantiert, aber bei Nichtheilung bekam man sein Geld wieder. So wurde es jedenfalls in den frühen Anzeigen versprochen.

Wie bei allen neuen Bewegungen kam es zu Spaltungen. „New Thought“ nannte zum Beispiel Eddys ehemalige Schülerin Emma Curtis Hopkins (1849-1925) ihre Organisation. Man wird sich die Fluktuation zwischen den verschiedenen Strömungen ähnlich vorstellen dürfen wie in der sozialistischen Bewegung.

Und man wird die politische Bedeutung nicht nur von „Christian Science“, sondern von all den Kirchen der „mind cure“-Bewegung, wie William James sie nannte, nicht übersehen dürfen. Sie wendeten sich alle gegen die Vorstellung, dass wir zur Furcht, zum Leiden verdammt seien. Eine Idee, die viele christliche Gemeinden Jahrhunderte lang geprägt hatte. „Durch Adams Fall ist ganz verderbt/ menschlich Natur und Wesen...“, so wurde gesungen. Das war vorbei. Christen waren nicht verzweifelt. Gott war mit den Optimisten. Gott war angekommen in den USA.

Stefan Zweig schrieb: „Vielleicht hat trotz Ford und Lincoln, trotz Washington und Edison Amerika keinen geistigen Typus hervorgebracht, der die Doppelgeleisigkeit des amerikanischen Idealismus und der amerikanischen Welttüchtigkeit so sinnfällig zum Ausdruck bringt wie Mary Baker Eddy.“

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