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Mary Read, hier in Piratenkluft, beweist einem Mann, dass eine Frau ihn besiegt hat.
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Mary Read, hier in Piratenkluft, beweist einem Mann, dass eine Frau ihn besiegt hat.

28. April 1721

Mark und Mary Read: Die Geschichte einer Piratin

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Eine Piratengeschichte aus dem frühen 18. Jahrhundert.

Am 28. April 1721 wurde auf dem Friedhof der St. Katharinen Kirche auf Jamaica Mary Read beigesetzt. Dieser Vermerk soll in den Kirchenbüchern zu finden sein. Alles andere, was wir wissen oder zu wissen glauben, findet sich in einem Buch, das 1724 erschien. Es trägt den Titel „A General History of the Robberies and Murders of the most notorious Pyrates“. Als Autor firmierte ein Captain Charles Johnson. Das Buch hatte enormen Erfolg und erschien in immer neuen, erweiterten Auflagen. Es wurde viel übersetzt. 1774, als Goethes „Werther“ erschien, erfolgte die erste deutsche Ausgabe, „Umfassende Geschichte der Räubereien und Mordtaten der berüchtigsten Piraten“.

Der völlig unbekannte Autor Charles Johnson hat mit diesem Buch unser Bild vom Piraten geprägt. Er ist vielleicht nicht der Schöpfer, aber doch der erfolgreichste Propagandist des Mythos vom freiheitsliebenden Räuber der Meere – Schillers „Räuber“ erschienen übrigens 1781 -, auf deren Schiffen Kapitäne gewählt und die Beute gleichmäßig verteilt wurde. Das Piratenschiff als Alternativbetrieb. Besonders wurde die Phantasie angeregt von den Berichten im zweiten Band über Captain Misson, der zusammen mit einem Priester eine kommunistische Siedlung „Libertalia“ auf Madagaskar aufgebaut haben soll.

Bei all diesen Geschichten gehen die Meinungen sehr weit auseinander, ob sie die Wirklichkeit ein wenig ausschmücken oder ob sie einfach nur frei erfunden sind. Ihre Lektüre macht jedenfalls noch immer großes Vergnügen.

Vermutet wird, das Captain Charles Johnson ein Pseudonym des Robinson-Crusoe-Autors Daniel Defoe (1660-1731) ist. Die Geschichte der Piraten erscheint inzwischen immer häufiger auch unter dessen Namen. 2014 brachte zum Beispiel Matthes & Seitz das Misson-Kapitel unter dem Titel „Libertalia“ als ein Werk von Daniel Defoe in den Buchhandel. Aufs Schönste vermehrt um historische Piratensatzungen, Reiseberichte und Versuche der Einordnung des Materials in den Kontext der staatstheoretischen Debatten und Utopien der damaligen Zeit. Für diesen Dezember hat Siegfried Kohlhammer einen Piraten-Essay im zu Klampen Verlag so angekündigt: „Im Gegensatz zum sozialromantischen Bild, das uns seit der Zeit der Voraufklärung begleitet, bleibt Piraterie das, was sie seit eh und je gewesen ist: ein organisiertes Verbrechen.“ Piraten sind nicht nur an der Küste Somalias wieder ein großes Thema.

Gleich zu Beginn des Abschnitts über Mary Read stößt man im Buch von Johnson/Defoe auf die Bemerkung, bei der Lektüre des Folgenden, könne man leicht auf den Gedanken kommen, „die ganze Geschichte sei nichts als ein Roman oder eine Romanze“. Aber, fährt der Autor fort, „da sie von vielen Tausend Zeugen gestützt wird, die bei dem Prozess dabei waren und ihre Lebensgeschichte hörten“, bleibe uns nichts anderes übrig, als die Geschichte für wahr zu halten. Bei den „vielen tausend Zeugen“ fügte er hinzu „Ich meine die Leute auf Jamaica“. 7536 Kilometer Luftlinie entfernt von London! Deutlicher hätte ein ironischer Kopf nicht sagen können, dass die Geschichte frei erfunden ist. Eine Erfindung freilich, deren Schönheit wir erst heute – inmitten einer Genderdebatte – wieder begreifen können.

Das erste Kind von Marys Mutter war ein Sohn. Der Vater starb, die Mutter gebar schon ein Jahr nach dem ersten Kind, also 1685, unehelich und heimlich Mary. Die Mutter fürchtete, dass ihre Schwiegermutter die wöchentliche Unterstützung, die sie ihrem Enkel zugedacht hatte, einer Enkelin nicht zukommen lassen würde. So steckte die Mutter schon das Kleinkind Mary in Jungenssachen und nannte sie Mark.

Als Mary dreizehn Jahre alt war, starb die alte Frau, die Unterstützung entfiel. Aus Mark hätte wieder Mary werden können. Aber als Soldat verdiente es sich leichter Geld, als ein Mädchen das hätte machen können. So blieb Mary Mark und wurde Kadett in der Infanterie, ging dann zur berittenen Truppe. Die Vorgesetzten hielten große Stücke auf Mark. Er war tapfer und erledigte alle Aufträge, die man ihm gab.

Aber dann passierte es: Mark verliebte sich in einen Kameraden und wurde zum Backfisch. Johnson/Defoe schildern das sehr eindrücklich. Sie wurde Frau und heiratete. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie wieder Mann, fuhr zur See nach Westindien.

Dort stieß sie auf den Piraten Jack Rackham und dessen Gefährtin Anne Bonny und wurde jetzt, Anfang 1720, selbst zu einem Piraten. Als Anne Bonny sich ihr näherte, erklärte sie ihr, sie sei eine Frau und nicht der schicke junge Mann, für den Anne sie hielt. Anne wiederum erklärte Rackham, in dem Eifersucht keimte, er brauche sich keine Sorgen zu machen, Mark Read sei in Wahrheit eine Mary Read.

Wie die drei jetzt miteinander auskamen, überlässt Johnson/Defoe der Fantasie der Leserinnen und Leser. Er erzählt davon, wie Mary sich in einen Mitpiraten verliebt, wie eine Männerfreundschaft entsteht, wie sie eines Tage ihn ihre Brüste sehen lässt, „die sehr weiß waren“. Das erregt den Mann und sie klärt ihn auf. „Now begins the Scene of Love“ heißt es an dieser Stelle in dem alten Buch.

Das Piratenglück oder -unglück dauerte nur wenige Monate. Der Piratenjäger Captain Jonathan Barnet verhaftete Rackhams Crew mitsamt Jack Rackham, Anne Bonny und Mary Read. Das war im November 1720. Ihnen wurde der Prozess gemacht. Rackham wurde sofort gehängt. Bonny blieb am Leben. Die schwangere Mary starb an einem Fieber, bevor sie hätte erhängt oder begnadigt werden können.

Mary Reads Leben ist vielfach verfilmt worden, sie und Anne Bonny wurden zu den berühmtesten Piratinnen der Weltgeschichte, Ikonen weiblicher Kampfkraft und kämpferischer Weiblichkeit. Ein Gegenentwurf ja. Aber auch eine Männerfantasie.

Wann immer es ums Geldverdienen, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit ging, wurde aus Mary Mark. Wann immer sie sich verliebte, verliebte sie sich als Frau in einem Mann. Das mag das Schema dieser Erzählung sein, aber es ist wohl auch das der Geschichte, wenn es sie denn gab. MaryMark spielt Mühle mit dem Leben. Sie setzt immer das Geschlecht ein, das sie gerade braucht. In der Erzählung ist sie souverän. Sie leidet nicht. Sie ist eine Utopie.

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