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Marilyn Monroe starb vor 60 Jahren: Der schöne Körper als Käfig der Seele betrachtet

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Von: Arno Widmann

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Im Februar 1954 besuchte Marilyn Monroe die US-Truppen in Korea.
Im Februar 1954 besuchte Marilyn Monroe die US-Truppen in Korea. © imago images/Underwood Archives

Heute vor sechzig Jahren starb Sexsymbol und Hollywoodstar Marilyn Monroe

Eine Freundin von mir, sie wird im November 80 Jahre alt, erinnert sich noch: „Ich war damals mit meiner Schwester in den Sommerferien auf Wangerooge. Auf dem Weg zum Strand sahen wir die ,Bildzeitung‘ mit der Nachricht vom Tode Marilyn Monroes.“ Ich war damals erst 16. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich zuerst von ihrem Tod erfuhr. Ich war wohl nicht sonderlich erschüttert. Das kam erst später. Ich liebte „Fluß ohne Wiederkehr“, wo sie an der Seite von Robert Mitchum spielte. Ich fand ihr Kostüm nur lächerlich und keine Sekunde lang sexy. Aber sie war zart und traurig. Unwiderstehlich also für eine Generation von Männern, die dazu erzogen worden war, sich als die starken Beschützer des schwachen Geschlechts zu betrachten.

Marilyn Monroe, geboren in Los Angeles am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Baker – so der Eintrag im Taufregister. Ihre Kindheits- und Jugendgeschichte wäre eine lange Liste der Verbrechen, die dem Mädchen angetan wurden. Joyce Carol Oates stellt „Blond“, ihrem Roman über Marilyn Monroe, die Bemerkung voran: „Anstelle der zahlreichen Pflegefamilien, in denen das Kind Norma Jeane zu verschiedenen Zeiten untergebracht war, kommt nur eine, fiktive, vor, anstelle der zahlreichen Liebhaber, gesundheitlichen Beschwerden und Krisen, Schwangerschaftsabbrüche, Selbstmordversuche und Leinwandauftritte kommen nur einige wenige von symbolischem Gehalt vor.“ So schreibt man Mythen. Der Mythos Marilyn Monroe wurde ihr schon bei Lebzeiten auf den Leib geschrieben. Es war der Mythos vom heiteren Sex. Sie war ganz Haut und Fleisch und lachte dazu als Pin-Up-Girl aus Hunderttausenden Männerspinden.

Wir erinnern uns an die Verheißung der russischen Revolutionärin Alexandra Kollontai, Sex werde im Kommunismus genossen werden wie ein Glas frisches Wasser. Norman Mailer meinte ganz ähnlich: Marilyn Monroe vermittelte den Eindruck, Sex mag mit anderen schwierig und gefährlich sein, mit ihr sei er wie der Genuss von Eiscreme. Das war der Sexstar Marilyn Monroe. Die erste Schicht des Mythos.

Aber ein Mythos ist nur dann einer, wenn er immer wieder neu überschrieben wird. Unter der glatten, von Foto zu Foto neu retuschierten Haut, selbst im breitesten Lächeln noch erkennbar waren die Hilferufe dieser jungen Frau. Sie war vergewaltigt und misshandelt worden. Die Schönheit ihres Körpers verbarg das dem ersten Blick. Dieser erste Blick war der – sie war ein Pin-Up-Girl – einer masturbierenden Männerwelt. Die liebte die Verfügbarkeit dieses jugendlich festen, weiblich weichen Fleisches, die vollen Brüste, die kräftigen Hüften. Sie nahm die Frau in dem Fleisch nicht zur Kenntnis.

Ich bezweifle das. Ich habe den Verdacht, dass die überbordende, scheinbar pumperlgesunde Sexy-ness der Marilyn Monroe und ihre Verletzlichkeit, ja die Tatsache, dass sie bereits verletzt worden war, erst zusammen den Cocktail ausmachten, der sie zu einer der berauschendsten Halluzinogene der Mitte des 20. Jahrhunderts machten. Jedenfalls der westlichen Welt. Dass sie so stark wirkte und gleichzeitig so schwach war, wirkte wohl unwiderstehlich. Der Jäger witterte herrliche Beute.

Aber Marilyn Monroe war stark. Sie hatte die Verwüstungen ihrer Kindheit und Jugend nicht nur überlebt. Sie war ein Hollywoodstar geworden, eine Weile lang gehörte sie zu den berühmtesten Menschen der Welt. Allerdings war offenbar nur ihr Image berühmt. Es gibt Geschichten von ihr, dass sie Mitte der 50er Jahre noch gänzlich unerkannt in New York unterwegs war, dass, wenn sie auf Partys als Marilyn Monroe vorgestellt wurde, alle lachten und ihre Gespräche fortsetzten. Sie wurde einfach nicht erkannt. Ohne die erste Schicht des Mythos blieb sie im Dunkeln. Marilyn Monroe wusste das, und sie wusste es zu nutzen. Sie mochte Beute sein.

Aber sie selbst machte auch Beute. Ihr zweiter Ehemann, der 39-jährige Joe DiMaggio, war eine Sportikone, ein Baseball-Superstar. Die neunmonatige Ehe war – was immer sie sonst noch sein mochte – PR-technisch gesehen ein genialer Schachzug. Das Gleiche lässt sich von der Verbindung mit dem damals wohl bekanntesten US-Dramatiker Arthur Miller sagen. Es war nicht so, dass Miller ihr den Hof machte. Er hatte eher Angst. Sie nahm sie ihm, indem sie ihm die Augen öffnete für ihre Ängste. Das tat ihr gut. Ihrem Image schadete diese Hochzeit von „body and brain“ wie die US-Presse 1956 schrieb, ganz sicher nicht. Dass sie für ihn zum Judentum übertrat, mag manche baptistischen Anhänger verärgert haben, aber es machte sie in Wahrheit noch interessanter.

Solange ihr Körper ein amerikanischer Traum war, konnte der Eindruck aufrecht erhalten werden, es sei alles in Ordnung mit ihr.

Dieser amerikanische Traum war ihr ganz persönlicher Alptraum. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man mit dem Wissen lebt, dass der Herr, der einem gerade vorgestellt wird, sich bereits zigmal angesichts eines Fotos von mir selbst befriedigt hat. Marilyn Monroe hatte wohl mitten in der Massenbegeisterung über sie, die sie immer wieder auch genoss, ihre Freiheit und den letzten Rest ihres mühsam errungenen Selbstbewusstseins verloren. Schlimmer noch aber war, dass ihr Äußeres so übermächtig wirkte, dass ihr Inneres sich nicht ausdrücken konnte. Davon lebt John Hustons Film „The Misfits“ aus dem Jahre 1961. Arthur Miller schrieb das Drehbuch. Marilyn Monroe war dabei, die erste Schicht des Mythos abzulegen und aus ihrer Schwäche ihre Stärke zu machen. Aber dazu bedarf es einer Stärke, über die sie wohl nicht mehr verfügte.

Sie starb an einer Überdosis Schlaftabletten. Aus Versehen? Absichtlich?

Es gibt jede Menge Theorien über ihr Leben und ihren Tod. Natürlich auch Verschwörungstheorien. Sie gehören zu einem Mythos dazu. Auch dieser kleine Artikel wie all die anderen, die heute erscheinen sind nichts als weitere Varianten der Arbeit am Mythos, der Geschichte, wie aus einer Erniedrigten und Beleidigten eine Heldin wurde und wie am Ende die Heldin unterging in der Erniedrigten und Beleidigten, die sie – eben nicht nur – gewesen war.

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