Margaret Atwood

Margaret Atwood: Erwachsen werden in Quarantäneland

Kanadier, die wie Margaret Atwood in den 40er Jahren aufwuchsen, können sich noch gut daran erinnern: „Scharlach!“ „Diphtherie!“ „Nicht eintreten!“. Wir haben das durchgestanden und wir können das wieder tun, schreibt die Autorin.

Es gibt zwei Arten von Alpträumen. Die eine hat man recht häufig: Plötzlich bist du an einem dir eigentlich bekannten, jetzt aber beklemmenden Ort, der gruselige Keller, das Hotel, in dem der Tod lauert, der dunkle Wald. Aber da es ja nicht der erste solche Traum ist, weißt du genau, was du zu tun hast: Der angespitzte Stecken hat dir schon einmal gegen das Ungeheuer geholfen, also versuchst du es nochmal.

Bei der zweiten Sorte von Alpträumen ist alles, das dir vertraut sein sollte, plötzlich fremd. Du weißt nicht mehr wohin, es gibt nicht einen Wegweiser, du hast keine Ahnung, was du tun sollst.

Es scheint so, als würden wir gerade beide Sorten durchleben – aber welche stärker in dir nachhallt, kommt auf dein Alter an. Die zweite Art Alpträume passt zu jüngeren Menschen, die noch nie etwas Derartiges erlebt haben. Was ist los?, rufen sie. Mein Leben ist vorbei! Nichts wird mehr sein wie früher! Ich ertrage das nicht!

Den Schlaf älterer Menschen wie mich plagt eher die erste Variante von Alpträumen: Wir waren hier schon mal – oder wenn nicht genau hier, dann an einem beunruhigend ähnlichen Ort.

Jedes Kind, das in den 40er Jahren in Kanada aufwuchs, in einer Zeit, bevor es Schutzimpfungen für einen ganzen Haufen tödlicher Krankheiten gab, kannte die Quarantäne-Schilder. Sie waren gelb und sie prangten plötzlich auf Haustüren mit Aufschriften wie „DIPHTHERIE“ und „SCHARLACH“ und „KEUCHHUSTEN“. Milchmänner – damals gab es sie noch, manche auf Pferdewagen – und Brot- oder Blockeisverkäufer und erst recht Briefträger (und ja, es waren immer Männer) mussten die Dinge auf der Türschwelle liegen lassen. Wir Kinder standen draußen im Schnee – für mich war es immer Winter in der Stadt, da meine Familie den Rest des Jahres im Wald lebte –, und wir starrten also auf die mysteriösen Schilder und fragten uns, was für grausliche Sachen hinter diesen Türen vor sich gingen. Kinder waren besonders anfällig für diese Krankheiten, gerade Diphtherie – ich hatte vier junge Cousins, die daran starben. So kam es dann auch vor, dass eine Klassenkameradin verschwand. Manchmal tauchte sie wieder auf, manchmal nicht.

Du solltest unter keinen Umständen in öffentliche Schwimmbäder gehen, wurde uns eingeschärft; dort könnte man an Kinderlähmung erkranken. Volksfeste hatten damals noch Freak-Shows und ziemlich oft würde eine ihrer Attraktionen „Das Mädchen in der Eisernen Lunge“ sein, die in einer Metallröhre steckte, unfähig sich zu rühren oder auch nur zu atmen – die Eiserne Lunge besorgte das für sie mit Schnapplauten, die Lautsprecher noch verstärkten.

Was geringfügigere Gebrechen betraf, Windpocken, Mandelentzündung, Mumps, Masern, so erwartete man, dass die Kinder sie bekamen. Und sie bekamen sie. Wenn du also krank warst, zu Hause bleiben musstest und im Bett, konnte es dir ganz schön langweilig werden. Weder Fernsehen noch Videospiele. Was man dann außer Ingwerlimonade und Traubensaft bekam, waren ein Stapel alter Zeitschriften, ein Buch mit leeren Seiten, Schere und Kleber. Du hast dann die interessanteren Bilder ausgeschnitten und sie in das Buch geklebt. Eine Werbung für das Desinfektionsmittel Lysol zeigte eine Frau bis zum Bauchnabel im Wasser, darin die Worte Selbstzweifel, Befangenheit, Unwissenheit und ungutes Gefühl. Darüber stand: „Zu spät für all die Seelenqual!“

Ich: „Was quält die Frau denn?“

Meine Mutter: „Ich muss die Wäsche aufhängen.“

Werbung in Magazinen zeigte in jedem Winkel Bazillen und Bakterien, besonders in Waschbecken und Kloschüsseln, sie hatten Teufelshörner und heimtückische, böse kleine Gesichter. Gegen sie brauchte es Seife, Zahnpasta, Mundspülung, Abflussreiniger und Bleichmittel, und das in rauen Mengen. Keime führten zu allen möglichen Krankheiten, aber sie waren auch verantwortlich für persönliche Tragödien, beispielsweise Mundgeruch. „Immer die Brautjungfer, niemals die Braut“, jammerte eine Anzeige, weil die reizende junge Dame mit dem hübschen Kleid und dem traurigen Gesicht „schlechten Atem“ hatte – oder gar „Körpergeruch“. Der reine Horror! Schlimmer als jede Krankheit! Als die 40er in die 50er hinüberglitten und die Pubertät über uns kam, rochen wir ständig an unseren Achselhöhlen, und alles Geld vom Babysitting gaben wir für Deos und blumiges Eau de Cologne aus, denn: „Nicht einmal deine beste Freundin würde es dir sagen“.

Und dann die Füße. Was konnte man mit denen nur tun? Verschiedene Puder benutzen. Aber die Luft im Klassenzimmer bewies, dass das meist keineswegs der Fall war.

Das Schlimmste an all diesen Krankheiten oder schlechte Gerüche hervorrufenden Keimen war aber, dass sie unsichtbar blieben. Nichts ist furchterregender als der Feind, den du nicht sehen kannst.

Unsichtbare Feinde gibt es nicht erst seit gestern. 1693 veröffentlichte Cotton Mather, Führer einer Religionsgemeinde in Neu-England, das Buch „Wunder der unsichtbaren Welt“, worin er seinen Glauben an Hexen und Dämonen verteidigte. Nicht lang nach dem Ende des 17. Jahrhunderts unterstützte er die Einführung einer Prophylaxe gegen Blattern in Neu-England. Denn: Dämonen sind unsichtbar. Die Erreger von Blattern sind unsichtbar. Das passt! Das Animpfen führte beinahe dazu, dass Mather gelyncht worden wäre, denn es bestand daraus, entzündetes Gewebe in einen kleinen Schnitt in den Arm des Gesunden zu reiben. Das widersprach zu dieser Zeit in den Augen seiner Landsleute dem gesunden Menschverstand.

Aber aus dem Animpfen entwickelte sich schließlich die Schutzimpfung, so konnte dann die Jagd nach den Erregern all jener Killer-Krankheiten beginnen, von denen die Menschheit geplagt wurde. Das Mikroskop machte vieles möglich und nach und nach konnten Schutzimpfungen für die verbreitetsten Krankheiten entwickelt werden. Menschen wurden nun in eine Welt hineingeboren, in der sie sich sicher vor allerlei Keimen fühlen konnten – oder wenigstens sicherer als je zuvor. Anstatt davon auszugehen, dass man ohnehin eine Reihe von Krankheiten bekommen würde, glaubten sich jüngere Generationen nun ausgenommen. Aber dann kam Aids und das Selbstvertrauen wurde erschüttert – für eine Zeitlang. Therapien wurden entwickelt, Leben wurden verlängert und auch diese Gefahr wurde zu einem bloßen Hintergrundgeräusch.

Aber auf lange Sicht sind Seuchen ein immer wiederkehrendes Ereignis in der Menschheitsgeschichte. Bakterien und Viren haben weitaus mehr Menschen dahingerafft als alle Kriege. Die Mortalitätsrate des Schwarzen Todes (die Pest-Pandemie in Europa zwischen 1346 und 1353, Anm. d. Red.) wird auf 50 Prozent geschätzt. Die Todesrate durch die von Europäern nach Amerika eingeschleppten Erreger soll zwischen 80 und 90 Prozent der indigenen Bevölkerung liegen. Abermillionen starben an der sogenannten Spanischen Grippe. Aus der Sicht eines Virus oder Bakteriums bist du kein faszinierendes Individuum mit einer denkwürdigen Lebensgeschichte. Du bist nur eine Matrix, auf der eine Mikrobe mehr Mikroben produzieren kann.

In den Phasen zwischen zwei Pandemien machen wir uns glauben, wir hätten alles überstanden. Epidemiologen denken nicht so. Sie erwarten jeden Moment das nächste große Ding.

2003 veröffentlichte ich „Oryx und Crake“, in dem es um eine tödliche Pandemie geht, allerdings um eine von Menschen gemachte (wobei in gewisser Weise alle Pandemien menschengemacht sind: Würden wir Tiere nicht domestizieren und bestimmte wildlebende Tiere nicht essen, wäre die Gefahr, dass wir uns mit neuen, Artgrenzen überspringenden Viren anstecken, erheblich kleiner.

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood.

Zur Person:

Margaret Atwood,  geboren 1939 in Ottawa, schreibt Romane, Kinderbücher, Kurzgeschichten, Gedichte, Essays, Sachbücher. Sie lehrt und ist Feministin und Umweltaktivistin. Ihr Vater war Insektenkundler, aus diesem Grund lebte die Familie Dreiviertel des Jahres im Wald und ging Margaret Atwood erst mit zwölf in eine Schule.

War es mein Schicksal, ein solches Buch zu schreiben? Möglich. Meine Eltern hatten 1919 die Spanische Grippe überstanden und sie konnten sich an jene Zeit nur allzu gut erinnern. In den 50ern, als ich meine Aufgaben für die Oberschule hätte machen sollen, las ich Science Fiction, etwa H. G. Wells’ „Krieg der Welten“. Darin werden die Invasoren vom Mars nicht durch kluge Kriegsführung besiegt. Sondern durch Mikroben vom Planeten Erde, gegen die sie nicht immun sind. Ich las auch Fantasy, T. H. Whites „Das Schwert im Stein“, in dem der gute Zauberer Merlin die böse Hexe Madam Mim besiegt, indem er sich in einen Schwarm von Krankheitserregern verwandelt, die Mims Monsterdrachen den Garaus machen. Parallel dazu las ich Hans Zinssers klassische „Biographie“ des Fleckfiebers, „Rats, Lice, and History“, die darlegt, wie Krankheitsausbrüche sich auf uns auswirken.

Als wir Byrons Gedicht „Die Zerstörung von Sennacherib“ durchnahmen, in dem eine Assyrische Armee über Nacht ausgelöscht wird, fragte ich mich also nicht, welcher Engel des Herrn geschickt worden war. Sondern ich grübelte: „Welche Krankheit?“ Und als Ingmar Bergmans Klassiker „Das siebente Siegel“ 1958 in die kanadischen Kinos kam, war ich bestens vorbereitet.

Kein Biologe kritisierte mich für „Oryx und Crake“, kritisierte, dass eine so dumme Geschichte nie geschehen könnte. Sie wussten, dass das sehr wohl möglich ist. Denn in der einen oder anderen Form war es ja längst geschehen.

Zu ihren bekanntesten Büchern  gehört „Der Report der Magd“ (Claassen, 1987), das zu einer erfolgreichen Fernsehserie gemacht wurde, „Die Räuberbraut“ (S. Fischer, 1994). 2003 erschien im Berlin Verlag mit „Oryx und Crake“ der erste Band der Maddaddam-Trilogie. Im vergangenen Jahr erschien zeitgleich in mehreren Ländern „Die Zeuginnen“ (auf Dt. im Berlin Verlag), die Fortsetzung des „Reports der Magd“.

Da sind wir also wieder, dachte ich, als diese Pandemie begann: Wir ertrinken in Selbstzweifel, Unwissenheit und dunklen Vorahnungen, sind umgeben von unsichtbaren, bösen Keimen, die überall im Hinterhalt liegen können, aber besonders auf Fahrstuhl-Knöpfen. Anders ist diesmal nur, dass die Erreger nicht als gehörnte Kobolde dargestellt werden, sondern als farbenfroh genoppte Bommeln. Aber wie all die neckischen Dingerchen, die in Science-Fiction-Filmen deinen Körper kapern können, so können auch diese Bommeln töten.

Was soll man tun? In meinem Sachbuch „Payback“ von 2008 zählte ich sechs Arten auf, auf die Menschen einst auf den Schwarzen Tod reagierten. Diese waren:

1. Schütze dich.

2. Gib auf und mach Party, betrinke dich und stehle.

3. Hilf anderen.

4. Such dir einen Sündenbock (Leprakranke, Sinti und Roma, Hexen und Juden wurden alle für die Verbreitung der Pest verantwortlich gemacht).

5. Lege Zeugnis ab.

6. Lebe dein Leben.

Man muss sich nicht für eine Reaktion allein entscheiden. Ich empfehle natürlich weder die zweite noch die vierte – aufgeben und jemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben, das bringt nichts. Aber sich selbst schützen und damit anderen helfen, oder Zeugnis ablegen, indem man ein Tagebuch schreibt, oder sein Leben so gut es geht mit Online-Hilfen weiterleben – das alles ist heute auf eine Weise möglich, wie es dies im 14. Jahrhundert nicht war.

Also klebe ein virtuelles Quarantäneschild auf deine Tür, lass keine Fremden herein, sieh in dir einen potenziellen Seuchenherd, schau dir „Die Körperfresser kommen“ an (wieder) oder „Das siebente Siegel“ (wieder). Und hol Kleber und Schere, Papier und Stift aus der Schublade – egal, ob analog oder digital. Falls du nicht erkrankst, könnte dir die Pandemie ein großes Geschenk gemacht haben! Dieses Geschenk ist Zeit. Wolltest du nicht immer schon einen Roman schreiben oder Holzschuhtanzen lernen? Das ist deine Chance.

Nur Mut! Die Menschheit hat das alles schon mal durchgemacht. Wir werden es auf die andere Seite schaffen. Wir müssen nur diese Passage zwischen Vorher und Nachher hinter uns bringen. Wer Romane schreibt, weiß, dass der Mittelteil am schwersten auszuknobeln ist. Aber man kann es schaffen.

Von Margaret Atwood, Übersetzung: Peter Rutkowski

© 2020 O. W. Toad Ltd. Zuerst erschienen am 28. 3. 2020 in „The Globe and Mail“. Mit freundlicher Genehmigung von Margaret Atwood/ O. W. Toad Ltd, Curtis Brown Group Ltd. und Anoukh Foerg Literary Agency.

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