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„Schweden macht es vor“, sagt Maren Kroymann.

Pro Quote zur Corona-Krise

Maren Kroymann zur Situation von Frauen beim Film: „Eine verlogene Argumentation“

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Schauspielerin Maren Kroymann über die Forderungen von Film- und Fernsehfrauen in der Corona-Krise – und, warum Frauen härter von den Einschnitten betroffen sind.

  • Kabarettistin Maren Kroymann im Interview zum Thema Frauen beim Film
  • Frauen in der Filmbranche sind, laut Kroymann, von der Krise aufgrund des Coronavirus härter betroffen
  • Gender-Pay-Gap und Verfestigte Strukturen sind aber nicht das einzige Problem von Frauen in der Branche

Frau Kroymann, Sie sind eine prominente Kabarettistin, haben eine eigene Sendung in der ARD, nagen hoffentlich nicht am Hungertuch – dennoch machen Sie mit anderen Film- und Fernsehfrauen öffentlich Rabatz. Warum eigentlich?

Weil es so viele Frauen gibt – und zwar die meisten von uns – die nicht privilegiert sind. Ich habe es tatsächlich gemütlicher, weil ich 70 Jahre bin, Rente bekomme und die Möglichkeit hatte, etwas zur Seite zu legen. Mich hat das Fernsehen gerettet. Als ich nur auf der Bühne war, konnte ich gar nichts sparen und so geht es den meisten Frauen in unserem Gewerbe. Wir verdienen gerade mal so viel, dass wir davon leben können und in Krisenzeiten wie jetzt heißt das, dass man ganz schnell blank ist.

Frau Kroymann über Frauen beim Film: „Unglaubliches Gender-Pay-Gap“

Das geht vielen Ihrer männlichen Kollegen doch ähnlich.

Es trifft Frauen aber härter, weil sie in der Filmbranche krass schlechter bezahlt werden. Ob’s Regie ist, ob’s Drehbuch ist, Kamera oder Ton – da gibt’s ein unglaubliches Gender-Pay-Gap. Nicht nur bei den Schauspielerinnen, sondern in der ganzen Branche.

Das ist schreiend ungerecht, aber altbekannt. Warum protestieren Sie gerade jetzt dagegen, während der Pandemie?

Die Krise verstärkt jeden Konservatismus. Wenn es um eine Produktion geht – wer bekommt das neue Projekt? Sicherheitshalber jemand, der so was schon mal gemacht hat und dem man glaubt, dass er’s hinkriegt. Das sind dann meistens Männer, weil ihnen mehr vertraut wird als Frauen. Obwohl das gar nicht berechtigt ist: Denn Frauen gehen, wie Untersuchungen zeigen, sehr viel effizienter mit Fördermitteln um. Eine Produzentin braucht 17 Euro, um einen Menschen ins Kino zu locken, ein Produzent 42 Euro.

Frauen beim Film: Weibliche Subjekte im Film, die sich nicht über Männer definieren, sind selten

Alte Menschen gelten derzeit als Risikogruppe. Auch bei den Produktionen?

Ältere Leute werden derzeit tatsächlich aus den Drehbüchern rausgeschrieben. Den Produzenten ist das Risiko zu groß, weil die Versicherungen es nicht abdecken. Das ist natürlich ein wahnwitziger Vorgang und für Frauen ein enormer Rückschlag...

...weil sie ab einem bestimmten Alter sowieso kaum noch Rollen bekommen?

Zur Person
Maren Kroymann, 1949 im niedersächsischen Walsrode geboren, hat schon parallel zu ihrem Studium der Anglistik, Amerikanistik und Romanistik in Tübingen Theater gespielt. Einem großen Publikum wurde sie Ende der Achtziger durch ihre Rolle in „Oh Gott Herr Pfarrer“ bekannt. Als erste Frau im deutschen Fernsehen hatte sie als „Nachtschwester Kroymann“ von 1993 bis 1997 ihre eigene Satiresendung. Seitdem war sie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, zeigte aber auch weiter Bühnenprogramme. Kroymann ist aktuelle Trägerin des Curt-Goetz-Rings und erhielt Anfang dieses Jahres in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille. 

„Kroymann“ heißt die Satiresendung, mit der Maren Kroymann seit 2017 wieder im Ersten zu sehen ist. Als letzte Sendung vor der Sommerpause gibt es in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai um 0.15 Uhr ein „Special Kroymann“. Im November geht es dann weiter.
Pro Quote Film, ein Verein, der für Gleichberechtigung in der Film- und Fernsehbranche kämpft, tritt jetzt mit der Botschaft an: .„Es reicht! Corona und die Folgen zeigen: Wenn die Filmwelt wieder anläuft, dann nur mit Quote.“ Die Zahlen geben den Aktivistinnen recht: Nur zehn Prozent der bundesweiten Filmförderung fließen in Projekte von Regisseurinnen. Acht Prozent der fiktionalen Produktionen von ARD und ZDF werden von Kamerafrauen gedreht. Sechs Prozent Drehbuchautorinnen gab es beim „Tatort“ 2018. Und zwei Prozent Kamerafrauen beim „Tatort“ 2019. Und das, obwohl seit 25 Jahren die Hälfte aller, die das Studium an einer Filmhochschule absolviert haben, weiblich sind.

Seit zwei Jahrzehnten gibt es eine Entwicklung, dass ganz langsam differenziertere ältere Frauenfiguren in den Drehbüchern auftauchen. Nicht nur die gütige Oma, die abgewirtschaftete Kneipenwirtin oder die nackte, erschlagene Prostituierte im „Tatort“. Weibliche Subjekte im Film, die sich nicht über Männer definieren, sind selten. Wenn diese Rollen wegfallen, sind wir älteren Schauspielerinnen arbeitslos. Das ist wie ein Berufsverbot.

Warum ist Gleichberechtigung in der Film- und Fernsehbranche überhaupt wichtig?
Weil dort Geschichten erzählt werden. Und wenn es nur die aus Männersicht gibt, sind es andere Geschichten. Es ist nicht egal, wer das Drehbuch schreibt, wer Regie macht, wer produziert oder Kamera und Ton macht. Wir brauchen eine gleiche Verteilung der Geschlechter in all diesen Berufen. Sonst werden unsere Geschichten eben nicht erzählt. Es ist ein Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau ihre Weltsicht zeigt.
Und wie soll die weibliche Weltsicht es gleichberechtigt ins Fernsehen und auf die Leinwand schaffen?
Schweden macht es vor. Dort gibt es eine 50:50 Quote für alle wichtigen Berufe der Branche. Ein Vertreter des schwedischen Filminstituts hat mal gesagt, die Sache sei sehr einfach. Sie koste weder mehr Zeit noch Geld, man müsse nur zählen. Wenn ein Mann eine Förderung gekriegt hat, wird so lange gewartet, bis eine förderfähige Frau einen Antrag stellt. Erst danach kommt der nächste Mann zum Zug.
Aber widerspricht eine Quote nicht der Freiheit der Kunst?
Die Kritiker kommen eher mit dem Qualitätsaspekt. Deshalb wurde in Schweden eine Untersuchung gemacht, ob die Qualität unter der Quote leidet. Festgestellt wurde, dass einige Jahre nach Einführung der 50:50-Regelung auch die künstlerischen Preise zur Hälfte an Frauen gingen. Dort wo das Machen gleich verteilt ist, ist auch die künstlerische Qualität gleich verteilt. Das geht nicht von Null auf jetzt, aber da müssen wir uns hinarbeiten.
Allerdings muss überall dort, wo eine Frau hinkommt, ein Mann weichen.
Das ist der Kern des Problems. Männer suchen Frauen, die sie ergänzen, und keine, die sie ersetzen. Deshalb ist es im intellektuellen und technischen Bereich besonders schwer für Frauen, Fuß zu fassen. Hier glauben Männer, zuständig zu sein. Zudem muss sich ja ein Mann, der Frauen ausgrenzt, nicht einstellt, keine Projekte gibt, nie rechtfertigen. Diese männliche Willkür muss aufhören. Wir brauchen eine sachliche Grundlage für solche Entscheidungen.
Abgesehen von verfestigten Strukturen – wo gibt es den größten Widerstand?
In den Köpfen. Es herrscht das weitverbreitete Vorurteil, Männer könnten es besser. Sogar Oscar-Preisträgerin und Blockbuster-Regisseurin Caroline Link geht davon aus, dass sie nach einem einzigen Flop keinen weiteren Film machen könnte, so hat sie mal in einem Gespräch berichtet. Bei ihr wird’s sofort aufs Geschlecht geschoben. Wenn ein Mann einen Misserfolg hat, ist es nur eine individuelle Schlappe. Das ist eine verlogene, doppelzüngige Argumentation. Wie lange müssen wir noch beweisen, dass wir’s können?

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