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Ina Hartwig, Frankfurts Kulturdezernentin, lässt Unbehagen erkennen.

Frankfurter Kulturszene

„Man steht vor einer Wand“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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In der Frankfurter Kultur grummelt und brodelt es vor dem zweiten Lockdown.

Mit einer Mischung aus Aufbegehren und Ratlosigkeit reagiert das kulturelle Frankfurt auf die politische Verfügung, dass sie ein zweites Mal schließen soll. „Wir sind ja seit März im permanenten Training, das ist schon anspruchsvoll“, sagt Anselm Weber, nicht nur Intendant von Schauspiel Frankfurt, sondern auch Geschäftsführer der städtischen Bühnen GmbH.

Deren 1200 Beschäftigte werden jetzt zum Teil wieder in Kurzarbeit gehen, während sich viele Soloselbstständige der Kultur, Inhaber kleiner Stadtteilkinos und winziger Theater darauf einrichten, ab sofort wieder völlig beschäftigungslos zu sein. „Diese Entscheidung trifft die ohnehin schon angeschlagene Kulturszene sehr hart“, erklärt der neue Intendant der Alten Oper, Markus Fein, der das Konzerthaus bisher kaum geöffnet erlebt hat. Fein sieht „eine Krise von historischem Ausmaß“. Es schmerze, den „Dialog mit dem Publikum“ jetzt wieder auszusetzen.

Die Sinnfälligkeit eines zweiten Lockdowns leuchtet vielen nicht ein. Kino-Betreiber Christopher Bausch wirft die Frage auf, warum Gotteshäuser offen bleiben, Lichtspielhäuser aber nicht. „Bei allem Respekt vor der politisch schwierigen Situation ist es mir wichtig zu betonen: Theater und Schauspiel sind ein sehr sicherer Ort“, betont auch Weber.

Wolfgang Spielvogel, Gründer des Frankfurter Autorentheaters, beschreibt die Stimmung in der freien Szene so: „Man steht vor einer Wand und weiß nicht, wie es weitergeht.“ Die Ratlosigkeit, die Spielvogel empfindet, schlägt bei anderen in Existenzangst um. „November und Dezember sind eigentlich unsere wichtigsten Monate für den Lebensunterhalt, jetzt hab ich plötzlich sehr viel Zeit“, berichtet eine freie Schauspielerin. Der November ist ein wichtiger Theater- und Konzertmonat, alleine an den Städtischen Bühnen waren zwei Opern- und drei Schauspielpremieren geplant.

Weber zeigt sich zugleich überzeugt: „Das Theater als analoges Medium ist unverwüstlich“. Gerade das belege die Corona-Krise. Im Übrigen stellten sich das Ensemble und alle Bühnen-Beschäftigten mit Verantwortungsbewusstsein „der enormen Herausforderung“.

Matthias Wagner K, Direktor des Museums Angewandte Kunst, hadert mit der Auswahl der Institutionen, die geschlossen werden. „Ich verstehe nicht, dass Theater, die ein umfassendes Sicherheitskonzept entwickelt haben, schließen müssen, Kirchen aber offenbleiben.“ Er hofft, dass er sein Museum weiter öffnen kann. „Museen sind Bildungsstätten, die sich mit der gesellschaftlichen Situation auseinandersetzen, wir sind schließlich keine Spielhalle.“

Die, die alles versucht haben

Auch Kulturdezernentin Ina Hartwig lässt Unbehagen erkennen. Sie verstehe „die Absicht hinter den neuen Verschärfungen“. Dennoch bedauert sie, dass die Einschränkungen jetzt „vielfach ausgerechnet jene treffen, die sich bei der Umsetzung der Vorbeugungsmaßnahmen vorbildlich verhalten und keinen Aufwand gescheut haben, das Risiko für Besucherinnen und Besucher möglichst zu minimieren.“ Und die Stadträtin erwartet, dass die Kultur mit an erster Stelle kommt, wenn der Lockdown endet. Aber erst einmal beginnt jetzt eine Phase neuer Ungewissheit.

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