Eugen Drewermann, hier 2002.
+
Eugen Drewermann, hier 2002.

Interview

Eugen Drewermann wird 80: „Man entkommt seiner Stimme nicht und auch nicht seiner Logik“

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
    schließen

Der Theologe Elmar Salmann über den Kirchenkritiker, Psychoanalytiker und Publizisten Eugen Drewermann, der am 20. Juni 80 Jahre alt wird.

Pater Salmann, über seinen Konflikt mit der katholischen Kirche hat Eugen Drewermann ein Buch geschrieben mit dem Titel „Worum es eigentlich geht“. Worum also ging es?

Neben vielen Missverständnissen und Provinzquerelen ging es um sehr viel, nämlich um die Präsenz des Christlichen in unserem Seelenhaushalt und in der Gesellschaft: Wie verstehe ich mein Leben? Wie lebe ich als Christ? Wie lese ich die Bibel? Mit seinen Antworten auf diese Fragen hat Drewermann einer ganzen Generation von Christen, die von den Antworten der alten Kirche bedrängt, beschädigt und traumatisiert waren, eine neue Sicht auf Religion mit Räumen der Freiheit und Inspiration eröffnet.

Was war das Neue an Drewermanns Antwort?

Sein Hauptschachzug ist der Gedanke, dass nicht die Sünde – und am wenigsten der Stolz – des Aufbegehrens gegen Gott das Drama des Menschen ausmacht, sondern die Angst. Der Mensch ist ein zutiefst geängstigtes Wesen. Mit seiner eigenen Endlichkeit kann er nur schwer umgehen. Er sehnt sich nach unbedingter Anerkennung. Er sucht nach heilsamen Bildern und Vorstellungen. In dieser Perspektive liest nun Drewermann die biblischen Geschichten, aber auch die seelischen Archetypen in Märchen und anderen Erzählungen. Er fragt danach, ob und wie sich in alledem die Wandlung von der Angst zur Anerkennung, von der abwehrenden zur erlösten Kommunikation darbietet.

Ist „Befreiung von der Angst“ also die neue Formulierung für „Erlösung“?

Drewermann hat die christliche Heilsbotschaft konsequent mit tiefenpsychologischen Kategorien in der Tradition Sigmund Freuds, vor allem aber C.G. Jungs gedeutet. Für viele Christen war das ein Aha-Erlebnis: So hatten sie noch nie jemanden über ihre Religion und den Glauben sprechen gehört. Drewermann hat der Spiritualität in Verbindung mit der persönlichen Lebensgeschichte jedes Einzelnen eine bis dahin ungekannte existenzielle Vertiefung gegeben.

Was fand das kirchliche Lehramt daran so untragbar?

In alledem lag natürlich eine prophetische Bestreitung der faktischen Kirche und Gesellschaft. Davon fühlte sich aber nicht nur die kirchliche Obrigkeit angegriffen, sondern auch viele Bibelwissenschaftler, Dogmatiker, Moraltheologen. Der Hauptvorwurf war, dass Drewermann die historische Einmaligkeit des Lebens und der Lehre Jesu verwässert und die Theologie mit ihrem Wahrheitsanspruch letztlich durch Psychologie mit einem ins rein Subjektive gewendeten Begriff von Religion ersetzt habe.

Konfliktträchtig war Drewermanns schonungslose Kritik des „Klerikers“ in seinem gleichnamigen Bestseller von 1989. War das die finale Machtprobe mit der Kirche?

Eugen Drewermann, geboren am 20. Juni 1940, ist katholischer Theologe mit Zusatzausbildung in Psychoanalyse. 1966 wurde er zum Priester geweiht, 1978 wurde er Privatdozent an der theologischen Fakultät Paderborn. 


Als theologischer Lehrer und Autor geriet Drewermann in Konflikt mit dem römischen Lehramt, namentlich mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger. 1991 verlor er die kirchliche Lehrbefugnis, ein Jahr später wurde ihm die Ausübung des Priesteramts verboten. 2005 trat Drewermann aus der Kirche aus. Mit seinen tiefenpsychologischen Auslegungen der Evangelien, aber auch von Märchen und anderen Werken der Weltliteratur gehört Drewermann zu den meistgelesenen deutschsprachigen Theologen. 2019 durfte er in Paderborn zum ersten Mal wieder an seiner alten Wirkungsstätte sprechen. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer bezeichnete ihn als eine verkannte prophetische Gestalt. jf

Angst und Macht hängen immer zusammen, weil Macht Angst machen kann. So hat auch der kirchliche Machtapparat für viele Menschen etwas Oppressives, Bedrückendes, Unduldsames. Gleiches gilt für die Dogmatik der Kirche, für ihren Umgang mit der Bibel und besonders für die Moraltheologie mit all ihren Verboten. Drewermanns Vision vom Priester ist nicht mehr der Hüter von Wahrheit und Moral, sondern der Seelenbegleiter. Dementsprechend geht er an die Phänomene des Lebens unbefangen und voller Einfühlung heran. Was traditionell als Sünde gilt, wird auf einmal einsichtig als Chiffre für das Unglück des Menschen. So kann selbst der von der Kirche stets verurteilte Suizid als ein letzter verzweifelter Versuch des Menschen zur Selbstbefreiung aus Unglück und Angst verstanden werden.

Zum sexuellen Missbrauch sagt auch Drewermanns „Kleriker“-Buch praktisch nichts.

Das Ausmaß dieser Verbrechen stand damals auch noch niemandem in der heutigen Schärfe vor Augen. Allerdings war Drewermanns Ausleuchtung der ganzen Abgründe in der Ausbildung der Priester und der Formierung ihres Standesbewusstseins im Grunde schon der Vorausgriff auf vieles, was im Missbrauchsskandal offenkundig wurde.

Sie haben ihn schon in Ihrer Jugend auch persönlich erlebt. Was hat sich Ihnen aus dieser Zeit besonders eingeprägt?

Die unglaubliche Prägnanz seiner Predigten, die fesselnden Bilder, seine ans Hypnotisierende grenzende Sprachbeherrschung mit einem zugleich einfühlenden und packenden Tonfall. Man entkommt seiner Stimme nicht und auch nicht seiner Logik. Man lauscht ihm zugleich befreit und gebannt. Das ist etwas Einmaliges, was Drewermann tatsächlich in die Tradition der biblischen Propheten stellt – übrigens auch mit deren Schattenseiten.

Welchen Schattenseiten?

Diese Unerbittlichkeit, dieses unbedingte Bestehen auf seinem Sonderweg, das Aufgebrachtsein auch. Drewermann hat einen Anspruch, der viele verprellt, mit einem Talent, sich andere zu Feinden zu machen. In der Auseinandersetzung mit Kritikern und Gegnern ist er da wohl auch ein Stück weit Opfer seiner selbst geworden. Aber werden wir das nicht alle auf die eine oder andere Weise?

Eine kirchliche Rehabilitierung zum 80. Geburtstag ist nicht zu erwarten. Wäre sie zu wünschen?

Ich bin immer dafür, die prophetischen Gestalten in Kirche und Gesellschaft mit der ihnen eigenen Einseitigkeit anzuspornen und zu ermutigen, statt sie auszugrenzen und mundtot zu machen. Auf Drewermann bezogen, sollte die Kirche ihm endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das hätte sie übrigens mit einer weniger starren und starrsinnigen Lektüre seines Werks auch schon auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen gekonnt. Dass in Drewermanns kühner Spurenlese das Bereichernde und Hilfreiche alles andere weit überwiegt, das ist offenkundig.

Zur Person: Elmar Salmann, Jg. 1948, war von 1981 bis 2012 Professor für Theologie und Philosophie an der Hochschule des Benediktinerordens San Anselmo in Rom. Er kennt Eugen Drewermann aus seiner eigenen Studienzeit in den sechziger Jahren. Als Präfekt im Priesterseminar war Drewermann damals für Salmanns Vorbereitung auf die Priesterweihe mitverantwortlich gewesen. Foto: privat

Interview: Joachim Frank

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare