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Der 27. Januar als EU-weiter Holocaust-Gedenktag: hier an einer Bahnstation bei Paris, von der aus Züge nach Auschwitz fuhren.
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Der 27. Januar als EU-weiter Holocaust-Gedenktag: hier an einer Bahnstation bei Paris, von der aus Züge nach Auschwitz fuhren.

Aufarbeitung der NS-Zeit

Magnus Brechtken „Aufarbeitung des Nationalsozialismus“: Als der „einfache Volksgenosse“ noch nichts wusste

  • VonMatthias Arning
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Ein Sammelband bilanziert die erst allmählich Fahrt aufnehmende Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Nachkriegsgesellschaft – und blickt nach vorne.

In der jungen Nachkriegsrepublik wollten viele Deutsche vom Judenmord nichts mitbekommen haben. Sie verschanzten sich nur zu gern hinter der von konservativer Öffentlichkeit hofierten NS-Führungsfigur Albert Speer und seiner Behauptung, er habe von Auschwitz nichts gewusst. Wenn selbst Hitlers „Superminister“ nichts mitbekommen hatte, wie sollten dann „einfache Volksgenossen“ etwas wissen?

Seitdem hat die Forschung vieles aufgearbeitet, ist der Holocaust ein wesentlicher Teil bundesrepublikanischer Erinnerungskultur geworden. Aktuell sieht der Historiker Magnus Brechtken allerdings die Gefahr, „den Holocaust in der Kolonial- und Genozidgeschichte zu nivellieren“, also kleiner zu machen. Die stete Wiederholung mache diesen Vergleich „wissenschaftlich nicht überzeugender“, stellt der Vize-Chef des Instituts für Zeitgeschichte in München gleich am Anfang des von ihm herausgegebenen Buchs „Aufarbeitung des Nationalsozialismus“ deutlich heraus.

Ein Akzent in dem umfangreichen Panorama, das der Sammelband mit 30 Beiträgen ausgewiesener Historiker und Historikerinnen umfasst. Es sei „ein Kompendium, keine Enzyklopädie“, hebt Brechtken hervor. Ein breit angelegtes, reichhaltiges Panorama der Aufarbeitung vom nationalsozialistischen System der Konzentrationslager, über die ausdrückliche Täter-Forschung im Anschluss an die wegweisenden Arbeiten von Christopher Browning bis hin zu den Konjunkturen, die die Holocaust-Forschung seit den 90er Jahren in Deutschland erlebt hat. Es ist auch eine Bilanz der Nachkriegsrepublik.

Brechtken betont eindringlich, dass der Holocaust „etwas Singuläres“ gewesen ist. Damit setzt er einen deutlichen Pflock gegen das ausgeprägte Bemühen um Vergleiche des Judenmords mit der Kolonialgewalt, den manche bereits als „neuen Historikerstreit“ bezeichnen. Damals im ersten Historikerstreit, der Kontroverse zwischen dem Philosophen Jürgen Habermas und dem Historiker Ernst Nolte, ging es um das Entstehen totalitärer Systeme. Nolte interpretierte den NS-Terror vor allem als Reaktion auf die Gewaltherrschaft Stalins. Habermas bezeichnete das als „Revisionismus“, eine Relativierung des Holocaust.

Das Buch:

Magnus Brechtken (Hrsg.): Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ein Kompendium. Wallstein, Göttingen 2021. 720 S., 34 Euro.

In diesem Sinne fordert Brechtken heute, man müsse sich genau ansehen, was eigentlich die Differenz zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus sei: „Es bleibt ein Unterschied, ob Menschen zur Herrschaftssicherung unterdrückt und verfolgt werden oder weil sie als Menschen interpretiert werden, denen man ein zwingend zu vernichtendes Wesen zuschreibt.“ Die NS-Eroberungs- und Vernichtungspolitik verliere „ihre Spezifika“, wenn sie mit der Kolonialpolitik des deutschen Kaiserreichs und der europäischen Kolonialmächte eben auf eine Linie gesetzt würden.

Nach 1945 übte man sich oft in strikter Zurückhaltung, sich mit den nationalsozialistischen Gewaltorgien der Vergangenheit wirklich auseinanderzusetzen. Man nannte es „Verdrängung“. Bis in die 90er Jahre hinein konnte sich das Bild von den „sauber“ gebliebenen Soldaten der Wehrmacht halten. Ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sollten noch weitere Jahre darauf warten, dass Wirtschaft und Staat endlich Zahlungen gewährten.

Ein Element der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik war das über ganz Europa verbreitete KZ-System. Karin Orth, Historikerin an der Uni Freiburg, fasst ihre umfangreichen Forschungen zu diesem Netz des Terrors zusammen, das in der zweiten Hälfte des Krieges gekennzeichnet gewesen sei durch „die Gleichzeitigkeit von Zwangsarbeit und Völkermord“. Ein knapp gehaltener Text, der wie viele andere Beiträge des Bandes, etwa über den Umgang mit NS-Raubkunst, dazu anregen, sich intensiver mit diesen Facetten des Themas zu befassen.

Orths Kollege Frank Bajohr erinnert daran, dass der Holocaust in Deutschland zunächst als „ein politischer Prozess ohne Beteiligung und Wissen der deutschen Bevölkerung“ gedeutet worden sei. Es sei dem Forscher Browning zu verdanken, dass in den 90er Jahren „die Täter“ in den Fokus rückten: In seiner Studie „Ganz normale Männer“ schilderte er das Wüten des Polizeibataillons 101 in Polen. In dieser Zeit habe es in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust einen wahren Forschungsboom gegeben. Angestoßen durch die Debatten über die Verbrechen der Wehrmacht, die Antisemitismus-These Daniel Goldhagens und die „Stockholmer Erklärung“. Darin verpflichteten sich Menschen aus mehr als 50 Nationen, die Erforschung des Holocaust in ihren Ländern zu fördern – Historiker Bajohr sieht darin einen Beleg für „die Globalisierung“ des Forschungsgegenstands. Heute ist der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der 27. Januar, in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union Gedenktag für die Opfer des Holocaust.

„Durch Globalisierungs- und Migrationsdynamiken“ habe sich Deutschland in den vergangenen drei Jahrzehnten nachhaltig verändert, beobachtet Ulrike Jureit, heute gebe es ein „diffuses Unbehagen am normativen Erinnern“, das in „manifestes Desinteresse“ umschlage. So entstehe „ratloses Schulterzucken“, wenn von Formeln wie „Gegen das Vergessen“ die Rede ist. Das Land brauche „eine handfeste Kontroverse über die Interdependenz von historischem Erinnern, kollektiver Sinnstiftung und politischer Legitimation“. Es gehe im Sinne von Volkhard Knigge um „einen Abschied vom Erinnerungsparadigma zugunsten eines kritischen Geschichtsbewusstseins“.

Also doch koloniale Kriegsführung und nationalsozialistische Vernichtungspolitik zueinander stellen, um den Vergleich zu nutzen? Bill Niven, Historiker aus Tottenham, baut am Ende des Bandes für die weitere Debatten darauf, dass die Erinnerung an den Kolonialismus einen Platz neben der Holocaust-Erinnerung haben sollte. Nur gegeneinander ausspielen sollte man beides nicht. Wohl ein hilfreicher Leitfaden für die weitere Kontroverse.

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