+
„Paradiese gab es jede Menge“: Madelaine Böhme mit der Rekonstruktion eines aufrecht gehenden Menschenaffen.

Aufrechter Gang

Madelaine Böhme: „Wir haben Zeit zum Lernen, Lernen und nochmals Lernen“

  • schließen

Indem er sich beispielsweise eine Kartoffel kochen kann, gewinnt der Mensch einen immensen Spielraum: Madelaine Böhme über eine kurvenreiche Entwicklung.

Wir sitzen in Madelaine Böhmes kleinem Arbeitszimmer in der Paläontologischen Sammlung der Universität Tübingen, um über den sensationellen Fund eines 11,6 Millionen Jahre alten in Bäumen lebenden Zweibeiners zu sprechen. Zwischen uns ein Kasten mit Skelettstücken.

Frau Böhme, der Held Ihres Buches ist Udo. Wer ist das?

Teile von ihm liegen vor Ihnen. Udo ist eine neue Gattung Menschenaffe, mehr als elf Millionen Jahre alt, gefunden unweit von Kloster Irsee im Allgäu. Dass es Menschenaffen gab in Deutschland war keine Neuigkeit. Aber wir fanden Bruchstücke von gleich vier Skeletten, möglicherweise eine Ur-Familie! Je genauer ich mir die Skelette betrachtete, desto verblüffter war ich. Vieles an ihm war schon so menschlich.

Ein Missing Link?

Aber mit so einem hatten wir nicht gerechnet. Die herrschende Lehre lautet: Der letzte gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Mensch sah aus wie ein heutiger Menschenaffe. So aber sah unser Mann nicht aus. Udo ist nicht sein richtiger Name. Wir fanden ihn nur an Udo Lindenbergs 70. Geburtstag. Darum nannten wir ihn Udo. Sein richtiger Name ist Danuvius guggenmosi. Danuvius, weil er in einem alten Flusslauf gefunden wurde und Danuvius ist der Flussgott der Kelten. Guggenmosi erinnert an den Amateurarchäologen Sigulf Guggenmos, der als erster unseren Fundort entdeckte.

Danuvius sah nicht aus wie ein Menschenaffe?

Danuvius lebte in Bäumen wie ein Menschenaffe. Aber aufrecht gehend wie ein Mensch. Er ist ein gemeinsamer Vorfahre von Menschenaffen und Menschen. Beide haben sich in unterschiedliche Richtungen von ihm wegentwickelt. Wenn Sie so wollen, sind Menschenaffen also ebenso modern wie Menschen.

Wann trennten sich die Wege?

Nicht vor sechs Millionen, wie man bisher annahm, sondern vor fast doppelt soviel Jahren. Und: Es passierte nicht in Afrika, sondern in Europa. Das sind die drei wichtigsten neuen Einsichten, die wir Danuvius verdanken.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Menschen und Menschenaffen?

Menschenaffen haben eine gerade steife Wirbelsäule. Unsere ist S-förmig. Dadurch haben wir es leichter, unseren schweren Oberkörper zu balancieren. Der aufrechte Gang und die S-förmige Wirbelsäule gehören zusammen.

Wenn wir Udo betrachten, wo ist er menschenaffig und wo ist er menschlich?

Der aufrechte Gang führt dazu, dass sie praktisch in der ganzen Anatomie Menschliches finden. Wir hielten das bisher für die weiterführende Entwicklung, weil sie eben zu uns führte. Jetzt sehen wir, dass die Menschenaffen sich anatomisch in vielem deutlich weiter von dem gemeinsamen Vorfahren entfernt haben als wir. So gesehen sind also wir die Primitiveren.

Wir missverstehen unsere Lage und die Entstehung unserer Art, weil wir es heute nur noch mit einer einzigen Spezies Homo zu tun haben,mit uns, dem Homo sapiens.

Das Gleiche gilt auch für die Entstehung der Menschenaffen. Zur Zeit des Danuvius hat es allein in Europa fast zwanzig menschenaffenartige Arten gegeben.

Zeugten die gemeinsamen Nachwuchs?

Sie hatten Genaustausch. Das weiß man heute. Die Paläogenetik zeigt das. Wenn wir von einer Spezies sprechen, meinen wir das nicht im strikten Sinn unserer Biologiebücher. Vor dreizehn Millionen Jahren, so weiß man heute, drifteten Mensch und Schimpanse auseinander, aber erst vor sieben Millionen trennten sie sich final. Bis dahin hatten sie Genaustausch. Dazu kommen noch die Gorillas. Die mischten lange auch noch mit. Das alles spielte sich in Europa ab. In Afrika gab es damals nichts dergleichen.

Woran erkennen wir fossile Schimpansen, Gorillas und so weiter?

Das ist ein echtes Problem. Menschen erkennen wir daran, dass sie auf zwei Beinen gehen. Besser gesagt, wenn etwas auf zwei Beinen geht, nennen wir es Mensch. Die Bipedie, die Zweibeinigkeit, das lehrt uns Danuvius, ist aber eine offenbar sehr, sehr alte Errungenschaft. Also im Grunde kein menschliches Alleinstellungsmerkmal. Vorformen der Menschenaffen waren offensichtlich auch schon Zweibeiner, allerdings vorwiegend in Bäumen. Das macht es noch schwieriger einen frühen Schimpansen, einen frühen Gorilla zu erkennen.

Wo ist denn der Mensch entstanden?

Höhere Säugetierarten entstehen in der Regel nicht in kleinen Regionen, sondern auf großen Flächen, auf denen frei zirkuliert werden kann. Wenn man wissen möchte, wo der Mensch entstand, dann muss man allerdings erst einmal klären, welchen Menschen man damit meint. Der Homo sapiens ist ganz sicher in einer gänzlich anderen Umwelt entstanden als die Zweibeinigkeit. Aber wie auch immer, die Herkunft der Menschheit auf eine bestimmte Region zu beschränken, ist sicherlich falsch.

Also kein „Out of Africa“?

Primitive Menschenaffen entstanden vor 20 Millionen Jahren in Afrika. Das Lieblingsökosystem der vor vierzehn bis sieben Millionen Jahren aufkommenden Hominiden waren die Savannen. Die gab es lange in Europa und Vorderasien, bevor es sie dann seit 2,6 Millionen Jahren auch in Afrika gab. Menschenaffen zogen ihren Savannen nach nach Afrika. Hier hatten die Vormenschen ihre Blütezeit. Erste Urmenschen dagegen traten zu Beginn des Eiszeitalters relativ zeitgleich in Eurasien und Afrika auf.

Der heutige Mensch ist ein Gemisch.

Zur Person

Madelaine Böhme,1967 in Plowdiw in Bulgarien geboren, wuchs in Dresden auf und studierte an der TU Bergakademie Freiberg und an der Universität Leipzig, wo sie 1997 im Fach Geologie-Paläontologie promoviert wurde. 2003 habilitierte sie sich an der Universität München. Sie führte Grabungen u.a. in Vietnam, Laos, Bulgarien und im Allgäu durch.

Auf Arteist am 8. Februar, 21.40 Uhr, der Film „Europa – Wiege der Menschheit?“ zu sehen – geschildert werden hier u.a. die jüngsten Entdeckungen von Madelaine Böhme.

Madelaine Böhme/Rüdiger Braun / Florian Breier:Wie wir Menschen wurden. Heyne-Verlag, München 2019. 336 S., 22 Euro.

Die Genetiker zeigen uns, dass wir das Produkt von Genaustauschen mit einem halben Dutzend verschiedener Menschenarten sind. Ein bis zwei Prozent unserer Gene stammen vom Neandertaler. Aber in unserem Genom finden sich auch noch andere Spuren längst ausgestorbener Frühmenschen, darunter auch von solchen, von denen wir noch keine Skelettreste gefunden haben. In gewisser Weise aber sind Neandertaler, der Denisova-Mensch und all die anderen noch nicht ausgestorben. Sie leben in uns.

Was hat es mit der Uricase-Mutation auf sich?

Zu ihr kam es vor etwa 15 Millionen Jahren, als die Menschenaffen nach Eurasien auswanderten. Ein Genschalter wurde abgeschaltet. Das Enzym Uricase wurde nicht mehr gebildet. Die Harnsäure wurde nicht mehr abgebaut und über den Urin ausgeschieden.

Ärgerlich, stelle ich mir vor. Worin lag der Vorteil?

Dank der erhöhten Harnsäurewerte im Blut verwandelt der Körper Fruchtzucker in Fett. Er bildet also Reserven für die nahrungsarme Zeit. Außerdem stabilisiert Harnsäure den Blutdruck. Unsere Menschenaffen-Vorfahren und wir mit ihnen sind weniger schnell erschöpft als Säugetiere, die die Harnsäure abbauen.

Wir wären heute eher am Fettabbau interessiert.

Unsere sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Gicht, Diabetes, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Herzkreislauferkrankungen rühren zu einem Gutteil von dieser Uricase-Mutation her.

Die uns doch erst zum Menschen gemacht hat.

Und zum Menschenaffen. Alle heutigen Menschenaffen können gewaltige Fettpolster zulegen. Sie haben wie wir Diabetes, Herzkreislauferkrankungen und so weiter. Diese Stoffwechselmutation half uns später gut durchs Eiszeitalter. Jetzt ist sie eine Krankheitsursache.

Was sehen wir auf dem Umschlag des Buches?

Links den Abdruck des Fußes einer neunjährigen Schimpansendame namens Jenny und rechts den von Madelaine Böhme. Wir treten zusammen in dem Film auf, den Florian Breier und Rüdiger Braun nach unserem Buch gedreht haben. Noch wissen wir wenig darüber, wie es zu so ausgeprägten Unterschieden zwischen Menschenaffen- und Menschenfuß kam. So eine Fußspur verrät uns mehr als zum Beispiel ein Oberarmknochen. Der weiße Fleck in meiner Fußspur ist ein Hinweis auf unser Fußgewölbe. Das hat sich beim Menschen so extrem erst vor eineinhalb Millionen Jahren herausgebildet. Gehen und Laufen kann man auch mit Plattfüßen. Fürs Rennen über große Distanzen aber brauchen wir das Fußgewölbe.

Der aufrechte Gang allein ist kein Kriterium.

Ganz sicher nicht. Aber es gibt ihn auch nicht allein. Er hat sich entwickelt im Wechselspiel mit der Hand, mit den Augen, mit dem Gehirn. Die mechanische Vorstellung „erst kommt der aufrechte Gang, der setzt die Hände frei“ ist sicher falsch. Die Hände müssen auch bereit sein. Die verschiedenen Elemente schubsen sich gegenseitig in diese oder in jene Richtung.

Und der Gebrauch des Feuers?

Vor allem das Kochen und Grillen. Der Mensch ist das einzige Säugetier, das seine Verdauung zum Teil outgesourct hat. Sie findet nicht mehr nur im Magen-Darm-Trakt, sondern auch über dem Feuer statt. Wir können nicht nur vieles essen, das wir ohne Feuer nicht essen könnten, wir verdauen auch schneller. Wenn wir eine Kartoffel kochen, wird zum Beispiel die Stärke schon aufgebrochen und wir können sie sofort in Zucker umwandeln. Bei nicht-menschlichen Säugetieren besteht der Tag dagegen im Wesentlichen aus fressen und verdauen. Für anderes bleibt kaum Zeit. Wir dagegen haben Zeit zum Lernen, Lernen und nochmals Lernen.

Seit wann nutzen wir das Feuer?

Die frühesten eindeutig nachgewiesenen Feuerstellen sind zweihunderttausend Jahre alt. Aber es gibt gute Gründe für die Annahme, dass unsere Vorfahren das schon vor einer Million Jahren taten.

Also nicht erst Homo sapiens?

Wahrscheinlich haben alle Homo-Arten, es gibt sie seit mehr als zwei Millionen Jahren, das Feuer genutzt. Die Gattung Homo zeichnet sich durch ein größeres Gehirnvolumen aus. Das hat sicher mit ihrer Feuernutzung zu tun. Die Energie, die für die Verdauung nicht mehr gebraucht wird, geht in den Gehirnaufbau.

Bei vielen Arten und viel Genaustausch kann viel passieren. Bei uns heute dagegen...

Wir haben nur noch uns.

Also keine Zukunft?

Dagegen spricht die riesige Variabilität des Homo sapiens. Sehen Sie sich den 213 Zentimeter großen Dirk Nowitzki an und einen 140 Zentimeter großen Pygmäen. Die kulturellen Unterschiede machen viel aus. Sehen Sie sich an, was die Domestikation des Wolfes bewirkt hat! Zum Genaustausch kann es zum Ärger manches Hundebesitzers zwischen allen Hunden kommen. Die Menschwerdung ist auch ein Stück Selbstdomestikation.

Es ist politisch ja wenig korrekt, Afrika den Titel „Wiege der Menschheit“ zu nehmen.

Der erste Mensch stammt nicht aus Bayern, nicht aus China, aber eben auch nicht aus Kenia. Was ist der erste Mensch? Es gibt nicht einen Adam und es gibt nicht eine Eva. Paradiese gab es jede Menge. Von einer Wiege der Menschheit zu sprechen, ist jedenfalls wissenschaftlich nicht korrekt. Soweit wir das heute wissen. Morgen kann es neue Funde geben und die Welt sieht wieder anders aus. Wissenschaft ist keine Sammlung von unumstößlichen Wahrheiten. Sie ist ein offener Prozess. Das muss sie bleiben.

Interview: Arno Widmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion