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Lust an der Empörung

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Von: Harry Nutt

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Am Londoner Speakers’ Corner, als man seiner Empörung noch leibhaftig Luft machen musste.
Am Londoner Speakers’ Corner, als man seiner Empörung noch leibhaftig Luft machen musste. © IMAGO/piemags

Wir machen mit im Karneval der Affekte, erschrecken aber, wenn uns aus den sozialen Medien Hass entgegenschlägt.

Empörung ist eine wichtige Triebfeder jeglicher Kritik. Nicht einverstanden zu sein, schärft die Sinne. Wenn man sich erst einmal eingelesen, eingesehen und eingehört hat, prägen sich die Abweichungen meist besser ein als das Gleichklingende. Dissonanzen, Brüche, Zäsuren – Modernität wendet sich von Ähnlichkeiten und Wiederholungen ab und dem vermeintlich Einzigartigen zu, in dem gleichwohl die strukturellen Veränderungen aufgehoben scheinen. So sehr das Schrille verstört, zieht es doch auch an, vielleicht gerade weil wir darin die Abweichung vom Vorbild erkennen.

Als junger Literaturkritiker muss ich mich wohl mit derlei Mechanismen beschäftigt haben. Ich hatte es fast vergessen, dass einer meiner frühen – na, ja – Erfolge im Modus wütender Zurückweisung vorgetragen war. Die Berliner Tageszeitung „taz“ war Mitte der 80er Jahre so freundlich, einen längeren Text von mir zu veröffentlichen, in dem ich eine kritische Rezension gegen den postmodernen Roman am Beispiel von Klaus Modicks „Das Grau der Karolinen“ in Bausch und Bogen verdammte.

Es war die Replik auf eine Kritik, die der Kollege Frank Lucht für die Zeitschrift „Merkur“ geschrieben hatte. Er nahm darin Modicks Roman als Musterbeispiel für ein Produkt marktgerechter postmoderner Ästhetik, was man zu dieser Zeit auch über einen Film wie Wim Wenders’ „Paris, Texas“ oder über die Musik und Präsentationsform von Laurie Anderson oder die Talking Heads sagte. Das Postmoderne galt als nebulös und unernst, und ich war energisch darum bemüht, dagegenzuhalten.

Aber wenn ich es heute zufällig wieder lese, erscheint mir meine Intervention ebenfalls nebulös und unernst, vorgetragen mit einer Angriffslust, die mich heute selbst überrascht. Völlig daneben kann ich mit meinem Text unter der Überschrift „Kürzelkritik und die Kritik des Kürzels“ allerdings nicht gelegen haben. Immerhin wurde er nachgedruckt in dem Reclam-Band „Deutsche Literatur 1986. Jahresrückblick“. Nur deshalb war eine nachträgliche Inspektion dessen, was ich einmal geschrieben und gedacht habe, überhaupt möglich.

Sehr wohl erinnere ich mich aber daran, mich mit dem Schriftsteller Michael Rutschky ausgetauscht zu haben, der mich kurz zuvor in den erlauchten Autorenkreis seiner Zeitschrift „Der Alltag“ eingeladen hatte. „Musste das sein?“, hatte Rutschky kritisch gefragt, was ich daraufhin wohl energisch bejahte. Ihn aber schien mein Angriff auf den Kollegen, der ebenfalls zu den Autoren seiner Zeitschrift gehörte, nicht überzeugt zu haben. Diese Form der von narzisstischen Energien angetriebenen Rechthaberei entsprach nicht seinen Vorstellungen von Literatur und dem Schreiben. Ein paar Jahre später begriff ich, dass Rutschky meinen Text vermutlich dem Genre der Meinungsfreude zugeordnet hätte, jener lauten Leitartikelhaftigkeit, in der selbsternannte Sprecher sich anmaßen, die Welt zu erklären.

Was man sich genau unter dem süffisanten Begriff Meinungsfreude vorzustellen hat, verrät Michael Rutschky in dem gleichnamigen Band von 1997 allerdings nicht. Vielmehr versammelt das Buch anthropologische Essays, in denen es um „Grußarbeit“, die „Tränenseligkeit“ oder „Konsumismus“ geht. Dem bloßen Meinen entzieht Rutschky gewissermaßen durch abschweifendes Erzählen und Weiterdenken die Geltung.

Der Meinungsfreude haftet aus dieser Sicht etwas Bemühtes, Lächerliches an. Während der Leitartikler im Ton der Überzeugung so tut, sehr nah an der politischen Entscheidung zu sein und dadurch letztlich eine Art Probehandeln suggeriert, müsste es demnach die Aufgabe des Essayisten sein, Irritationen zu erzeugen und Fenster zum Wissen zu öffnen.

Warum aber scheinen wir nie recht dort angekommen, was der Begriff der Wissensgesellschaft, in der wir uns zu befinden glauben, doch nahelegt: die Annahme, dass Erkenntnis und Aufklärung eine Richtschnur für politische Entscheidungen und soziales Handeln sind? Stattdessen kostümieren wir uns in den in rasantem Tempo einander ablösenden gesellschaftspolitischen Debatten für einen Karneval der Affekte, in dem die Gebote zu rationaler Begründung geringe Aussichten haben, befolgt zu werden. Und es ist ja keineswegs so, dass sich der Zornige und Entrüstete sogleich ins Unrecht gesetzt sähe. Empörung genießt große Aufmerksamkeit und nötigt, wie im Fall des französischen Widerstandskämpfers und früheren UN-Diplomaten Stéphane Hessel, gehörigen Respekt ab.

Auf exemplarische Weise hat Hessel 2010 in seinem Pamphlet „Empört Euch“ eine weithin vernommene Parole des Widerstands gegen die Gleichgültigkeit ausgerufen, es war ein zorniger Weckruf gegen eine unterstellte politische Trägheit und arglose Hinnahme sozialer Ungerechtigkeit. „Wir müssen radikal mit dem Rausch des Immer noch mehr brechen“, heißt es in Hessels Bestseller, „in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben.“ Es sei höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden. Hessels kleines Buch konnte wohl auch deshalb zu einem Verkaufserfolg in mehreren Sprachen werden, weil er als zorniger, 93 Jahre alter Mann seine Stimme erhob. Das Lebensalter verlieh seiner Rede eine besondere Dringlichkeit und Legitimität. Von einem jüngeren Autor hätte man sich den Appell zur Widerstandspflicht vermutlich verbeten.

Aber warum ausgerechnet Empörung? Laut Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1905 ist sie „Entrüstung, gerechter Unwille über eine unwürdige, vom sittlichen Gefühl verurteilte Handlung“. Der Empörte sieht sich moralisch im Recht und bekräftigt dies insbesondere durch seinen Erregungszustand. Emotionalität verheißt ihm nicht nur Aufmerksamkeit und Geltung, sie scheint ihn und sein Anliegen sogleich ins Recht zu setzen.

Die Adelung der Empörung als fortschrittliche politische Energie sollte eigentlich umgehend diskreditiert sein, wenn man sie zum Hass in Beziehung setzt, wie ihn Aurel Kolnai (1900–1973), ein deutschsprachiger Philosoph jüdischer Herkunft, in seiner Phänomenologie feindlicher Gefühle unter dem Titel „Ekel, Hochmut, Hass“ (Suhrkamp stw) beschreibt. Angesichts ihrer auffälligen Konjunktur in den sozialen Medien werden Empörung und Hass oft gleichgesetzt, in beiden Fällen werden entfesselte Ausdrucksformen beschrieben, die weitgehend ohne Etikette auskommen. Deren kraftvolle Durchdringung scheint alle Formen des Anstands aufgehoben zu haben.

„Die Grundtönung des Hasses ist Feindschaft, Widerstreben, Ablehnung, Gefühlseinstellung negativer Art“, schreibt Kolnai. „Darin ist Hass mit Antipathie, Zorn, Ekel, Verachtung, Bekämpfung verwandt.“ Im sprachlichen Gebrauch aber ist die Formulierung Hass weit weniger negativ konnotiert. So missbrauchen wir laut Kolnai die Wörter „Hassen“ und „Hass“ bewusst zur Bezeichnung von Stellungnahmen und Empfindungen, die in Wirklichkeit weit oberflächlicher und allgemeiner Natur sind. „Wer davon redet, dass er z. B. kalten Braten hasse, weiß sehr wohl, wie wenig diese seine Geschmacksrichtung mit Hass zu tun hat.“ Er sei sich sehr wohl im Klaren darüber, dass diese unlustvolle Beziehung nicht nur dem Grad, sondern auch der Art nach völlig verschieden ist etwa vom Hass gegen einen Mann, der ihn um seine Existenz gebracht hat.

Die Harmlosigkeit, die dem Hass gegenüber dem kalten Braten innezuwohnen scheint, steht in einem fundamentalen Gegensatz zum Vernichtungswillen, der Kolnai zufolge weit über die Tötung einer konkreten Person hinausgeht. Der andere, so definiert Kolnai ein wesentliches Merkmal des Hasses, möge nicht nur verschwinden, sondern nie existiert haben. „Was der Hass verlangt und verheißt ist (…) eine Art Entscheidung über das Schicksal der Welt.“

Etwas von dieser Omnipotenzfantasie scheint sich in der Kommunikation der sozialen Netzwerke Bahn zu brechen, wozu es zuvor noch einer umständlichen Mobilisierung politischer Bewegungen bedurfte.

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