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Die einzige Fotografie von Luise Büchner, 1869 im Fotoatelier von Jamrath in Berlin aufgenommen.
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Die einzige Fotografie von Luise Büchner, 1869 im Fotoatelier von Jamrath in Berlin aufgenommen.

Frauenrechte

Zum 200. Geburtstag von Luise Büchner: Sie suchte das Machbare und machte es dann auch

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Vom Zauber der Ordnung: Vor 200 Jahren wurde Luise Büchner geboren, Frauenrechtlerin und Autorin, Pragmatikerin und Praktikerin – und damals weit bekannter als ihr früh verstorbener Bruder.

Geboren wurde Luise Büchner am 12. Juni 1821 in der unteren Baustraße in Darmstadt. Dort verläuft heute die Südseite des Ludwigplatzes. Getauft wurde sie – evangelisch-reformiert – auf den Namen Louise. Später strich sie das „O”. Ihr Bruder Ludwig (1824 – 1899) dagegen nannte sich zeitlebens gerne Louis. Im Hintergrund stand wohl in beiden Fällen die Begeisterung des Vaters Ernst Büchner für Napoleon und die französische Kultur.

Ludwig allerdings war eine Verneigung vor den Darmstädter Großherzögen, die sich sehr auf den Namen kapriziert hatten. Ernst Büchner gab allen seinen in Darmstadt geborenen Söhnen den Vornamen Ludwig, aber immer noch ein paar andere dazu, so dass sie doch unterschieden werden konnten.

Ludwig Büchner, der Parteigänger der 48er-Revolution gewesen war, wurde nach der Veröffentlichung seines Weltbestsellers „Kraft und Stoff“ (1855), eines der Hauptwerke des Materialismus des 19. Jahrhunderts, seine Tübinger Medizin-Professur aberkannt. Er ging zurück nach Darmstadt, ließ sich dort als praktischer Arzt nieder, veröffentlichte Bücher und Broschüren zu Darwinismus und Sozialismus, zum Liebes- und Geistesleben der Tiere. Ebenfalls 1855 veröffentlichte Luise Büchner ihr erstes Buch: „Die Frauen und ihr Beruf: Ein Buch der weiblichen Erziehung. In zusammenhängenden Aufsätzen niedergeschrieben von Frauenhand“. Es erschien in dem Frankfurter Verlag des Parteigängers der Demokratie, Johann Valentin Meidinger. Allerdings nannte die Autorin erst in den bald folgenden Auflagen ihres überaus erfolgreichen Buches ihren Namen.

Luise Büchner, die, seit ein Kindermädchen – so die Familiengeschichte – sie hatte fallen lassen, an einer überaus schmerzhaften Rückgratverkrümmung litt, veröffentlichte Gedichte, Romane, Erzählungen, Sachbücher. Sie rezensierte Aufführungen unter anderem von Wagners „Tristan und Isolde“ und „Ring des Nibelungen“. Die Idee zu einem Drama über die Stellung der Frau wurde nicht realisiert und auch der Roman, in dem sie ihrem früh an Typhus verstorbenen ältesten Bruder Georg (1813–1837) ein Denkmal setzen wollte, blieb Fragment.

Heute gilt Georg Büchner als einer der innovativsten deutschen Dramatiker des frühen 19. Jahrhunderts. Er wird gespielt und begeistert immer wieder neue Generationen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Ludwig und Luise Büchner weitaus bekannter. Die Bedeutung ihres genialen Bruders war keinem der Geschwister klar. Luise war zum Beispiel gegen die von Karl Emil Franzos geplante Veröffentlichung des Woyzeck-Fragmentes. Nicht etwa wegen Franzos’ massiver Eingriffe in den Text, sondern weil sie fand, das Werk schade dem Ansehen ihres Bruders.

Es ist eine beeindruckende Familienkonstellation. In einer Generation Georg, Luise und Ludwig. Davor fast nichts und danach wieder nichts. „Nichts“ ist natürlich Unsinn, aber es verblüfft doch die Explosion von Kreativität in dieser einen Generation. Und nur dort. Wie kommt sie zustande? Warum verpufft sie wieder? Anders als bei den Bachs. Georg und Ludwig, beide werden sie Mediziner wie der Vater. Die Tochter wäre es wahrscheinlich auch geworden. Familien sind rätselhafte Brutstätten.

Luise Büchner blieb bis zu ihrem Tode 1877 unverheiratet. Sie lebte zusammen mit ihrer Schwester Mathilde im Hause Ludwigs, der seit 1860 mit Sophie Thomas (1836-1920) verheiratet war. Das Paar hatte vier Kinder. Der erste Sohn wurde Georg getauft.

Es ist faszinierend sich vorzustellen, wie all diese Menschen, dazu noch eine Köchin, eine Putzfrau und wohl auch noch ein Dienstmädchen – ich fantasiere – zusammengelebt haben und daraus auf so unterschiedliche Weise kämpferische Schriften wie die von Ludwig und Luise Büchner entstanden. Wurden sie am Mittagstisch diskutiert? Saß man in einem plüschigen Salon zusammen und stritt sich darüber, wo man den Hobel am besten ansetzte, um die Zustände zu verbessern? Es ist schwer, sich vorzustellen, dass es nicht geschah. Unwahrscheinlich, dass die Geschwister eine friedliche Koexistenz auf der Grundlage gegenseitiger Nichtbeachtung vereinbart hatten.

Luise Büchners erstes Buch blieb wohl ihr wichtigstes. Es wurde immer wieder neu aufgelegt, verändert und ergänzt. Es ist ein Plädoyer dafür, Mädchen ebenso sorgfältig auszubilden wie Jungen. Sie selbst hatte erlebt, wie viel wichtiger ihren Eltern die Erziehung der Söhne gewesen war als die der Töchter. Wer das Buch heute liest, der bekommt mit einem Male vor Augen geführt, wie fern Luise Büchner uns ist. Das ist auch ihr Verdienst. Was sie tat, brachte uns voran. Das uns ist ein wenig übertrieben. Aber Luise Büchner war keine Darmstädter Lokalgröße. Ihre Bücher wurden in ganz Deutschland gelesen, und als man in Preußen darüber nachzudenken begann, wie Mädchen und junge Frauen zu erziehen seien, da rief man Luise Büchner und bat sie um ein Gutachten.

Zum Geburtstag

Ein Festakt zum 200. Geburtstag von Luise Büchner am heutigen Samstag, 12. Juni, ist für 19 Uhr
in der Darmstädter Orangerie geplant, unter anderem mit FR-Autorin Bascha Mika als Festrednerin. Vorher um 16 Uhr gibt es ein Geburtstagsfest am Luise-Büchner-Denkmal in der Döngesborngasse. Beide Termine gehören zu einem kleinen Festival, das die Luise-Büchner-Gesellschaft am Wochenende veranstaltet. www.luise-buechner-gesellschaft.de

Aber man muss Luise Büchner genau lesen, darf den Kontext, in dem sie steht und in den sie sich stellen möchte, nicht übersehen. Man darf auch nicht erwarten, bei ihr Munition für die aktuellen Diskussionen zu bekommen. Im Vorwort zur Erstauflage ihres ersten Buches „Die Frauen und ihr Beruf“ heißt es: „Wir glauben nämlich, die höchste und schönste Aufgabe der Frau darin zu finden, dass sie das Notwendige mit dem Schönen, das Geistige und Materielle zu einem harmonischen Ganzen verbinde, und sind zugleich überzeugt, dass nur innerhalb dieses Wirkens alle ihre natürlichen Kräfte zu ihrer völligen Entwickelung gelangen können. Im Mittelstande ist dazu die nächste Möglichkeit gegeben, und dort vereinigen sich auch heute noch so viele gesunde Elemente der Weiblichkeit, dass von ihm zunächst die Verfasserin auf ein richtiges Verständnis hoffen darf.“

Das sind die beiden Voraussetzungen der Reformpolitik von Luise Büchner: Frauen sind Frauen; sie werden nicht dazu gemacht. Träger der Reform ist der Mittelstand. Frauen sollen eine Ausbildung erhalten, die ihnen Erwerbsarbeit ermöglicht, eine ihrer Natur entsprechende Arbeit, also vor allem Krankenpflege und Sozialarbeit. Wenn eine Frau höher fliegende Ansprüche habe, solle sie daran nicht gehindert werden, aber im Allgemeinen gilt doch: „Alle schon aufgestellten Theorien von der Emanzipation des Weibes, werden es nicht dahin bringen, dass der Mann zu Hause koche oder nähe, während die Frau draußen auf der Bank des Richters Recht spricht oder die Kanzel besteigt.“

An anderer Stelle schreibt sie, Aufgabe der Frau sei es, „jenes Wohlbehagen, jenen Frieden hervorzurufen, die in einer wohlgeordneten Häuslichkeit so zauberhaft wirken“. Vom Zauber der Ordnung ist Luise Büchner besessen. Sie feiert die Herstellung jenes „Puppenheimes“, aus dem Ibsens „Nora“ dann seit Weihnachten 1879 auszubrechen versucht.

Luise Büchner war „Pragmatikerin“. Sie trat ein für Dinge, die sich sofort realisieren ließen. Die Frauen des Mittelstandes waren auf Erwerbsarbeit angewiesen. Es kam darauf an, ihnen für sie geeignete Berufsmöglichkeiten zu schaffen. Dienstmädchen, Putzfrauen, Arbeiterinnen hatten Jobs. Sie spielten bei Luise Büchner zunächst keine Rolle. Erstere schafften es dann in spätere Auflagen ihrer Schrift.

Luise Büchner war nicht nur Pragmatikerin. Sie war Praktikerin. In Prinzessin Alice von Großbritannien und Irland (1843–1878), einer Tochter der britischen Königin Victoria und ihres Gemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, fand Luise Büchner eine beharrliche Unterstützerin ihrer Pläne. Alice war durch ihre Heirat mit Ludwig IV. Großherzogin von Hessen und bei Rhein geworden. Die beiden Frauen gründeten 1867 einen Kranken- und Armenpflegeverein, den Alice-Frauenverein und den Alice-Verein für Krankenpflege, der Frauen – unabhängig von ihrer Konfession – zu Pflegerinnen ausbildete. Die Kriege von 1866 und 1870/71 bewiesen die Nützlichkeit dieser Reform, und es kam zur Gründung des Alice-Hospitals in Darmstadt. 1872, weiß Wikipedia, fand auf Alices Einladung in Darmstadt die erste „Generalversammlung deutscher Frauen- und Erwerbsvereine“ statt. Es ging u. a. um Frauenerwerbsarbeit bei der Post, der Eisenbahn und dem Telegraphendienst.

Luise Büchner war meilenweit entfernt vom „Hessischen Landboten“ ihres geliebten Bruders Georg: Es gibt von ihr keinen Revolutionsaufruf, und nichts lag ihr ferner als die Parole „Krieg den Palästen“. Sie hatte das Scheitern der 48er-Revolution erlebt. Sie war misstrauisch gegenüber martialischen Erklärungen und radikalen „Lösungen“. Wir sollten nicht lernen von dem, was sie schrieb, sondern versuchen, ihr es nachzutun. Denn sie suchte nach dem Machbaren und das machte sie dann auch.

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