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Die Erde war nie für den Menschen gemacht

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Von: Claus Leggewie

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Verbrannter Kaktus.
Ein verbrannter Kaktus. © Westend61/Imago Images

Unbedingt lesenswert: In seinem aktuellen Buch entwirft der indische Historiker Dipesh Chakrabarty ein neues Menschen- und Weltbild.

Frankfurt – Die Sozial- und Kulturwissenschaften werden derzeit beherrscht von Narrativen ethnischer, religiöser und kultureller Differenz, auch sexueller Distinktion. Das sind Ausläufer einer breiten Kritik der Moderne, die Varianten verdrängter und unterdrückter „Subalternität“ ins Licht gesetzt hat – zu Recht.

Zu den Aufklärern des eurozentrischen Blicks gehörte der 1948 in Kolkata geborene Historiker Dipesh Chakrabarty, Professor an der Universität von Chicago (USA) und auf vielen hochkarätigen Schauplätzen des akademischen Diskurses präsent. Begonnen hat er seine Laufbahn mit Studien zur bengalischen Arbeiterbewegung und mit Kapitalismuskritik, es folgten einflussreiche Arbeiten, die aus postkolonialer Sicht „Europa provinzialisieren“, also den Anspruch auf Universalität westlicher Werte und Sichtweisen zurückweisen.

Klimageschichte: Kritik am Dualismus zwischen Kultur und Natur

Seit der Jahrtausendwende hat sich Chakrabarty unter dem Eindruck dringlicher und sichtbarer werdender Phänomene des Klimawandels und geowissenschaftlicher Studien der Klimageschichte zugewandt. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht in der „Subaltern Studies Community“, die ihm vorwarf, mit der Betonung der katastrophalen Folgen des Anthropozäns die Kritik der kapitalistischen Globalisierung zu relativieren und mit der Anrufung von Gattungsproblemen, die alle Menschen gleichermaßen treffen, deren kulturelle Verschiedenheit zu nivellieren.

Das tut Chakrabarty keineswegs, er wahrt lediglich die Proportionen und greift den scharfen Dualismus zwischen Natur und Kultur an, dem auch die linke Kapitalismuskritik und die Geisteswissenschaften im Allgemeinen lange anhingen und überwiegend weiterhin unterliegen.

Klimakrise: Postkolonialer Diskurs „in Bezug auf die Umwelt blind“

Der von Christine Pries elegant ins Deutsche übersetzte Suhrkamp-Band versammelt Zeitschriftenaufsätze von 2009 bis 2019, eingerahmt durch einen persönlich gehaltenen Rückblick auf das Vordringen des „planetarischen“ Ansatzes und ein Gespräch mit dem kongenialen französischen Wissenschaftssoziologen Bruno Latour aus dem Jahr 2020. Redundanzen sind da nicht zu vermeiden, doch sind die Etappen und Windungen von Chakrabartys intellektueller Konversion gut nachvollziehbar. „Es war, als wäre ich als humanistischer, politisch an Rechts-, Gerechtigkeits- und Demokratie-Fragen interessierter Historiker in die ‚Tiefenhistorie‘, in den Abgrund tiefer geologischer Zeitlichkeit gestürzt ... Die eigene Erfahrung hat keinen Zugang zu einer dieser längerfristigen Geschichten, aber man wird sich ihrer plötzlich bewusst.“

Der Planet dezentriert den Menschen.

Dipesh Chakrabarty in: „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“

Mit der Dekonstruktion der für den imperialen Westen grundlegenden Geisteswissenschaften ist es nicht getan, Klimakrise und geologische Handlungsmacht des Menschen sprengen die Grenzen des postkolonialen Diskurses, der „in Bezug auf die Umwelt blind“ war. Das erfordert jenseits der kulturellen Pluralität und Differenz der Menschheit ihre universale Re-Kategorisierung als Spezies oder, mit Marx gesprochen, als „Gattungswesen“. Damit wird, wie Chakrabartys indische Kollegin Gayatri Chakravorty Spivak bereits in den 1990er Jahren konstatiert hat, das Globale (inkl. der kapitalistischen Globalisierung) durch das Planetare „überschrieben“, ohne dabei die sozialen und kulturellen Differenzen zu ignorieren: „Das Globale ist eine humanozentrische Konstruktion; der Planet dezentriert den Menschen.“

„Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“ - Der Elefant im Raum

Diese Dezentrierung hat nicht nur für Chakrabartys Metier, die bis dato explizit anthropozentrische Geschichtswissenschaft, enorme Konsequenzen, insofern die klassische Unterscheidung von Natur- und Menschengeschichte aufweicht und verschwindet. Mit dem Planetaren hat sich ein neuer „Denkstil“ (Ludwik Fleck) mit weitreichenden epistemologischen, ontologischen und ethischen Herausforderungen über den Globus verbreitet; er stellt im herkömmlichen Weltbild verankerte Vorstellungen von Raum und Zeit zur Disposition und erschüttert die im überkommenen Menschenbild hochgehaltenen Hierarchien im Verhältnis zu Tieren und Pflanzen und zur „unbelebten Natur“.

Das Buch:

Dipesh Chakrabarty:Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Suhrkamp, Berlin 2022. 443 S., 32 Euro.

Der Elefant im Raum ist nun die Bestimmung der Handlungs- oder Wirkungsmacht (agency) dieser nicht-menschlichen Entitäten und deren Repräsentation in einem „Parlament der Dinge“ (Latour). Dabei besteht die Gefahr, diese „Wesenheiten“ in den damit befassten Ansätzen, die teils mythopoetisch, teils methodisch strenger argumentieren, nur als Appellationsinstanzen eines unglücklichen, schuldbewussten Umweltbewusstseins wieder zu vermenschlichen.

Nur der Mensch stellt die Frage, was gegen die Klimakrise zu tun ist

„Ich kann nicht sehen, wie das Holobiont, die Gemeinschaften der Lebenden, die wir sind, zu einem politischen Subjekt in menschlichen Kategorien gemacht werden können. Andere lebende Dinge werden auf die Klimakrise reagieren: Bäume, Bienen, Fische werden sich bewegen. Aber nach dem Stand unseres Wissens werden nur Menschen die Frage stellen: Was sollen wir tun?“, äußerte Chakrabarty jüngst in einem Interview für die Zeitschrift „Noema“.

Der Autor „testet“ seine Überlegungen an zahlreichen Positionen der Geisteswissenschaft und hat mit seinen „Vier Thesen“ (2009) eine anhaltende Debatte unter Kollegen und Kolleginnen ausgelöst, deren Kritik er sich in diesem Buch minutiös (und dem weniger eingeweihten Publikum nicht leicht nachvollziehbar) stellt. In diesen Schleifen könnte die fundamentale Provokation untergehen, die der im Gespräch und Vortrag stets freundlich-verbindliche Historiker seinen Zuhörern und Leserinnen bietet: das Scheitern der Kulturwissenschaften, die planetaren Voraussetzungen der menschlichen Existenz und das Heraufziehen des Anthropozän überhaupt zu denken. „Erdentfremdung“ hat Hannah Arendt die Verkennung von Leiblichkeit und die Verleugnung der Erdverbundenheit genannt, die sie eher notdürftig in der Kategorie der Natalität einfangen wollte.

Andere lebende Dinge werden auf die Klimakrise reagieren: Bäume, Bienen, Fische werden sich bewegen. Aber nach dem Stand unseres Wissens werden nur Menschen die Frage stellen: Was sollen wir tun?

Dipesh Chakrabarty in: „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“

Der Homo sapiens und die Klimakrise - selbstverschuldet die Erde unbewohnbar gemacht

Nach der selbstreflexiven Betrachtung seiner „Vier Thesen“ wendet sich Chakrabarty dem „Planet(en) als humanistische Kategorie“ und der „Schwierigkeit, modern zu sein“ zu und peilt eine „anthropologische Lichtung“ an. In diesen jüngeren Beiträgen des Bandes setzt er sich vor allem mit den tiefgreifenden Konsequenzen auseinander, die die planetare Wende für das Verständnis individueller Freiheit hat. Für deren Bewahrung gilt es anzuerkennen, dass ihre Gewinnung und Behauptung auf Voraussetzungen beruhten, die die Freiheit vor allem künftiger Generationen nunmehr beeinträchtigt und zerstört. Das planetare Denken, das den neuzeitlichen Denkhorizont verlässt, muss sich der ungemütlichen Einsicht stellen, dass die Erde nie für den Menschen gemacht war. Der homo sapiens verdankt seinen komfortablen Aufenthalt im Universum höchst zufälligen Konstellationen, mit deren selbstverschuldeter Beendigung die Erde wieder so unbewohnbar würde wie die anderen uns bekannten Planeten. Deren Wechselwirkung ist für „Planetarier“, auch wenn sie keine Anhänger der Raumfahrt sind, von essentieller Bedeutung, denn eine Anthropologie kann heute nur planetarisch sein.

Der Autor

Claus Leggewie ist Ludwig-Börne- Professor an der Universität Gießen und Leiter des dortigen „Panel on Planetary Thinking“ .

Chakrabarty weist in großer Kenntnis aller Vorläufer, darunter auch Martin Heidegger und Carl Schmitt, in diese Richtung, die auf nicht weniger hinausläuft als auf eine Revision aller früheren Historiografie der Weltgeschichte und nicht allein für die Geschichtsschreibung und die Klimaforschung unbedingt lesenswert ist.

Man sollte sein Buch in die Vorbereitungsmappen der Konferenz Stockholm+50 legen, die Anfang Juni von der Vollversammlung der Vereinten Nationen an den immer noch geo- und anthropozentrischen Anlauf zu einer Politik der Nachhaltigkeit vor fünfzig Jahre in Stockholm erinnert. (Claus Leggewie)

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