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KZ-Häftlinge: Das grüne und das schwarze Stoffdreieck

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Von: Frank Nonnenmacher

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Mit Dreiecken gekennzeichnete Zwangsarbeiter 1942 im Steinbruch des Konzentrationslagers Flossenbürg.
Mit Dreiecken gekennzeichnete Zwangsarbeiter 1942 im Steinbruch des Konzentrationslagers Flossenbürg. © dpa

Die Anerkennung aller Opfer der nationalsozialistischen Willkür ist in Deutschland inzwischen selbstverständlich. Oder doch nicht ganz?

Die Menschen, die von den Nazis aus antisemitischen, religiösen und politischen Gründen verfolgt, gequält und ermordet wurden, werden seit Jahrzehnten nicht nur als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt, sondern regelmäßig wird ihrer auf nationaler und lokaler Ebene ehrend gedacht. Dies gehört zu unserer Erinnerungskultur – und das ist auch gut so.

Einige Opfergruppen erfuhren jedoch keine Achtung, sondern anhaltende Verfolgung: die Homosexuellen, die in den KZ mit einem rosa Stoffwinkel an der linken Brustseite der Häftlingskleidung markiert wurden. Sie und ihre Verbände mussten lange kämpfen, bis der Bundestag sich 2002 bei ihnen entschuldigte und alle Urteile nach Paragraf 175 aufhob. Erst 2008 wurde das Denkmal am Tiergarten in Berlin eingeweiht.

Auch die vom SS-Staat verfolgten Sinti und Roma wurden erst 1982 durch Bundeskanzler Helmut Schmidt als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Ein Mahnmal zu ihrem Schicksal wurde 1992 beschlossen und schließlich 2012 gegenüber dem Reichstagsgebäude errichtet. Weitere späte Aufarbeitungsschritte bestanden in der Rehabilitierung der Kriegsdienstverweigerer, der von den Nazis „Wehrkraftzersetzer“ und „Kriegsverräter“ genannten Menschen.

Das große Beschweigen Mein Onkel Ernst war auch ein von den Nazis Verfolgter. Er war bis zur Befreiung im April 1945 vier Jahre lang im KZ, erst in Flossenbürg, dann in Sachsenhausen. Ihm wurde aber die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus durch die Behörden der Bundesrepublik Deutschland strikt verweigert. Es gab keinen Verband oder eine Organisation, die sich für ihn und seinesgleichen einsetzte, kein Mahnmal oder Erinnerungsort, in den Gedenkstätten kam diese Gruppe von Nazi-Opfern nicht vor. Über ihn und seine Leidensgenossen wurde geschwiegen – selbst in den Familien. Die Rede ist von jenen KZ-Häftlingen, die die Nazis mit einem grünen bzw. einem schwarzen Stoffdreieck auf der linken Brustseite der Häftlingskleidung markierten.

Die Nazis nannten sie „Berufsverbrecher“ ... Hinter diesem Begriff steckt die absurde Logik, dass Menschen, die bestimmte negative Verhaltensmerkmale zeigten, einen „genetischen Defekt“ hätten. Wer mehrfach z. B. wegen Diebstahls, Einbruchs, (damals strafbarer) Bettelei oder ähnlicher Delikte verurteilt worden war, hatte damit bewiesen, dass er ein „kriminelles Gen“ in sich trüge. Ein „Gewohnheitsverbrechergesetz“ schuf den pseudolegalen Rahmen. (Vgl.: Dagmar Lieske: „Unbequeme Opfer? ,Berufsverbrecher‘ als Häftlinge im KZ Sachsenhausen“, Metropol Verlag) Durch zeitlich unbegrenztes Wegsperren und harte Zwangsarbeit im KZ werde eine „Gesellschaft ohne Kriminalität“ entstehen, so propagierten es willige Juristen wie Robert Heindl. Auch Frauen bekamen den grünen Winkel, z. B. nach Denunziation wegen vermuteter oder tatsächlicher Prostitution oder wegen des „Verbrechens der Abtreibung“. Sie kamen meist ins KZ Ravensbrück. (Vgl. Sylvia Köchl: „Das Bedürfnis nach gerechter Sühne“, Mandelbaum Verlag.)

In den Verdacht, ein „Berufsverbrecher“ („BVer“) zu sein, geriet auch mein Onkel Ernst. Nach schwieriger, durch extreme soziale Not gekennzeichneter Jugend, in der „Klauen“ zum Überleben gehörte, wurde er mehrmals u.a. wegen Diebstahls, Bettelei und Hehlerei zu kürzeren Haftstrafen verurteilt (Frank Nonnenmacher: „Du hattest es besser als ich“. Westarp Science Verlag). Nach vollständiger Verbüßung der letzten Haftstrafe wurde er von der Kripo unmittelbar festgesetzt und in das KZ Flossenbürg verbracht – ohne anwaltlichen Beistand, ohne richterliche Anordnung; ohne den Vorwurf einer konkreten Straftat und ohne Möglichkeit der Anfechtung, somit gegen jedes rechtsstaatliche Prinzip. Das war typisch nationalsozialistisches Unrecht. Die Nachkriegsjustiz sah dies über 70 Jahre lang anders.

Wie die „BVer“ mussten auch die „Sicherungsverwahrten“ („SVer“) in den KZ einen grünen Winkel tragen. Nach einem Abkommen zwischen Himmler und Justizminister Thierack am 18. September 1942 wurde entschieden, Langstrafler „bei nicht genügenden Justizurteilen“ aus den Gefängnissen zu holen und zur „Vernichtung durch Arbeit“ in die KZ zu sperren. Besonders hart traf dies Menschen, die im polnischen Besatzungsgebiet nach dem „Polenstrafrecht“ vom 4. Dezember 1941 wegen leichter, zum Teil lächerlicher Vergehen zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt waren, dann dort herausgeholt und in die KZ gebracht wurden. Ein Beispiel: Der Pole Emil M. war im Oktober 1940 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er ein historisches Bajonett nicht „als Waffe“ angegeben, sondern versteckt hatte. Im Dezember 1942 wurde er ins KZ Mauthausen gebracht und war nach vier Wochen tot. Allein im KZ Mauthausen verstarben 6710 „SVer“. Sie weisen mit etwa 60 Prozent die höchste Mortalitätsrate auf. (Vgl. Andreas Kranebitter: „Zahlen als Zeugen“, new academic press).

… und „Asoziale“ Eine andere jahrzehntelang nicht als Opfer des NS anerkannte Häftlingsgruppe waren Menschen, die von den Nazis als „Asoziale“ bezeichnet wurden. Ohne diesen Begriff klar zu definieren, benutzten die Nazis Adjektive, die nicht selten auch heute noch gängig sind, um unangepasste Lebensweisen von Frauen und Männern zu diskriminieren: arbeitsscheu, minderwertig, liederlich, faul, verwahrlost ... Nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurden diese Menschen als „nutzlos“ und als „Ballastexistenzen“ bezeichnet. Sie wurden mit denunzierender Hilfe der Fürsorgeämter und Wohlfahrtsverbände bei Polizei-Razzien zum Beispiel in Obdachlosenheimen und Parks aufgegriffen und verschleppt (Vgl.: Julia Hörath; „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938). Im KZ erhielten sie als Markierung einen schwarzen Winkel.

Die Initiative und der Bundestagsbeschluss vom 20. Februar 2020 Die hier zitierten Autorinnen und Autoren, die sich alle zwischen 2014 und 2016 am Thema der ignorierten NS-Opfer in unterschiedlicher Perspektive gearbeitet haben, taten sich zusammen und formulierten einen Appell an den Deutschen Bundestag. Im April 2018 übergab ich den Appell mit der Liste der 125 namhaften Erstunterzeichnenden (siehe: change.org/ vergessene-opfer) dem Bundestagspräsidenten. In den Jahren 2018 und 2019 fanden mehrere Expertenanhörungen im kulturpolitischen Ausschuss des Bundestages statt, zu welchen Dagmar Lieske, Julia Hörath und ich eingeladen waren. Am 13. Februar 2020 gab es eine Bundestagssitzung, in der ein Antrag der großen Koalition (CDU/CSU und SPD) auch mit den Stimmen von B90/Grüne, FDP und Linke angenommen wurde.

Der Kernsatz des Beschlusses lautet: „Der Bundestag fordert die Bundesregierung auf ... die von den Nationalsozialisten als ‚Asoziale‘ und ‚Berufsverbrecher‘ Verfolgten anzuerkennen“. Zudem – so der Beschluss – soll die Bundesregierung unter anderem eine modulare Wanderausstellung, die „historische Information und gedenkendes Erinnern zum Schicksal der als ‚Asoziale‘ und ‚Berufsverbrecher‘ Verfolgten verbindet“, in Auftrag geben. Ferner soll die Bundesregierung „Forschungsarbeiten zum Schicksal dieser Verfolgten finanzieren“ und nicht zuletzt Forschungsarbeiten zu „der noch wenig erforschten Rolle der beteiligten Verfolgungsinstanzen finanziell fördern“. Schließlich soll die Möglichkeit eröffnet werden, dass diese Menschen Entschädigungsleistungen erhalten können.

Die Kritik an der Umsetzung dieses Beschlusses Es ist gut, dass es diesen Beschluss gibt. Menschen, die aus sozialrassistischen Gründen als „Asoziale“ verfolgt und ermordet wurden, sind Opfer des Nationalsozialismus. Menschen, die auf Grund der irren Vorstellung, man könne das Volk der Deutschen durch Vernichtung der „Gewohnheitsverbrecher“ kriminalitätsfrei machen, verfolgt und ermordet wurden, sind Opfer des Nationalsozialismus. Niemand saß zu Recht im KZ, auch die Menschen mit dem grünen und schwarzen Winkel nicht – das ist jetzt festgestellt. Und dass der Beschluss einstimmig gefasst wurde, ist gut für die Erinnerungskultur – bis heute gibt es keine öffentliche Rhetorik dagegen. Nachteilig ist allenfalls: Wegen der Abwesenheit parlamentarischer Kontroversen und Konflikte war und ist, wie mir Journalisten erklärten, das Medieninteresse nicht besonders groß.

Schlecht ist, dass der Beschluss mehr als 70 Jahre zu spät kommt. Das hat zur Folge, dass die inzwischen beschlossene Aufnahme dieser Opfergruppe in die Liste der Entschädigungsberechtigten völlig folgenlos geblieben ist. Kein Antrag wurde seitdem gestellt. Zynisch gesprochen: Diese Gelder hat sich der deutsche Staat durch langes Zuwarten gespart.

Gut ist, dass die ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters schon im April 2020 1,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat für die vom Bundestag geforderte Erstellung einer Wanderausstellung. Die renommierte „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ist in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte damit beauftragt. Die Arbeiten daran sind im Gange, und wir sind gespannt auf das Ergebnis.

Besonders schlecht ist, dass die nach dem sogenannten „Polenstrafrecht“ ins KZ Verschleppten und in hoher Zahl Ermordeten nicht eigens erwähnt worden sind. Im Antrag, den die Fraktion der Linken vorgelegt hatte, waren diese eigens benannt; die anderen Parteien haben diesen Aspekt ohne jede Begründung unterschlagen. Polnische Reaktionen auf diese Nicht-Erwähnung sind bislang ausgeblieben.

Schlecht ist schließlich, dass bis heute kein Cent an Forschungsgeldern zur Verfügung gestellt wurde. Es geht um die im Beschluss ebenfalls geforderten und jahrzehntelang ausgebliebenen Forschungen zu den Verfolgungsschicksalen der Grün- und Schwarzgewinkelten einerseits und die völlig vernachlässigten Forschungen zu den Verfolgungsinstanzen andererseits.

Claudia Roth ist neue Kulturstaatsministerin. Sie ist Erstunterzeichnende des Appells an den Bundestag vom April 2018. Dafür war und bin ich ihr sehr dankbar. Ich erwarte von ihr und der neuen Koalition, dass sie die Finanzierung der noch ausstehenden Maßnahmen zügig sicherstellt. Es sind jetzt schon wieder zwei Jahre vergangen. Als Nachfahre eines von den Nazis als „Berufsverbrecher“ ins KZ Verschleppten sage ich: Bitte keine Verzögerungen mehr. Es hat lange genug gedauert.

Frank Nonnenmacher, Jahrgang 1944, ist emeritierter Professor für Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt

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