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„Kurfürst mit Weitblick“: Fokussiert auf den Frieden

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Von: Christian Thomas

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August, Kurfürst von Sachsen. Gemälde, nach 1565, von Lucas Cranach d. J.
August, Kurfürst von Sachsen. Gemälde, nach 1565, von Lucas Cranach d. J. © picture alliance / akg-images

„Kurfürst mit Weitblick“ heißt eine Ausstellung auf der Augustusburg, südlich von Chemnitz, die einen umsichtigen Renaissanceherrscher würdigt.

Groß war der Druck, es lag an der Zeit, an den Umständen. Lag an der Politik, der Außenpolitik, angetrieben durch den vermeintlich einzig wahren Glauben. Zudem traten im Innern Eiferer auf, im Hintergrund eine missgünstige Verwandtschaft. August aber widerstand als Protestant. Er tat es mit Gegendruck, unter Berufung auf sein lutherisches Glaubensbekenntnis, was wiederum ihn selbst unter Hochdruck setzte. Näheres dazu in diesen Tagen in einer Ausstellung auf Schloss Augustusburg, auf einem Hügel unter Hügeln hinter Chemnitz, von dort zwanzig Fahrminuten südlich.

Der Ausstellungsparcours zeigt, wie souverän August als Fürst mit all den Herausforderungen umging, lebend von 1526 bis 1586, regierend seit 1553, seinem Land ein außergewöhnlicher Kurfürst. Er war es in drei Jahrzehnten, seitdem der Augsburger Religionsfriede, 1555, den Groll und Hass zwischen Katholiken und Protestanten zu beschwichtigen versuchte, mit leidlichem Erfolg.

In der Ausstellung ist es ein Porträt Maximilians II., des Kaisers und Katholiken, den mit dem Lutheraner August über die politischen Verbindungen hinaus eine erstaunliche Freundschaft verband. Es geschah, so illustriert es ein Kabinett, zu „Ruhm & Ehre“ der Albertiner, die 1547 die Kurwürde übernommen hatten. Es war ein Akt der feindlichen Übernahme, die sich auf einem Schlachtfeld gegen die direkte Verwandtschaft richtete, die Ernestiner. Wenn in der Ausstellung Moritz von Sachsen eine Rolle spielt, so geschieht das deshalb, weil August auf den Schultern eines die Fronten mehrfach wechselnden Politikers stand. Dadurch eigentlich von Anfang an mit einem Bein in irgendeinem Händel.

Umso erstaunlicher, dass August auf eine kompromissfähige Politik setzte zu Beginn der Neuzeit, in den Jahren des Umbruchs auch in Sachsen, wo sich die Renaissance ebenfalls äußert freigiebig zeigte, ohne deswegen eine freundliche Epoche zu sein. Es war August, der sein Herrschaftsgebiet zu kartografieren begann, zu vermessen anfing mit Präzisionsinstrumenten, so zu sehen anhand Christoph Trechslers Wagenwegmesser von 1584, leider ausgestellt nicht im Original, bloß als Abbildung.

Der Ausstellungsparcours durch 13 Themenräume verbindet historische mit sozialpolitischen, kunsthistorische mit religiösen Aspekten, wobei die Augustusburg selbst als wertvollstes Exponat verschiedentlich inszeniert wird. Rund fünfzig Jahre zuvor war die Residenz in Dresden entstanden, fortan politisch und kulturell im Fokus. Aufschauen aber ließ sich vor 450 Jahren schon wegen der Höhenlage zur Augustusburg, wegen der vier Türme als „Krone des Erzgebirges“ tituliert, bauhistorisch als ein früher und besonders konsequenter Vierflügelbau im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation eingeordnet, in seiner herben Art eine singuläre Schöpfung.

Seit 1572/73, fertiggestellt in nur fünf Jahren, steht auf dem rund 500 Meter hohen Schellenberg, an den Ausläufern des Erzgebirges, ein Bauwerk, das versehen wurde mit den Attributen der Renaissance, das Gesamte kantig und wuchtig, doch keine Festung, sondern ein Jagd- und Lustschloss. Illustriert etwa anhand einer Ansicht des berühmten Matthäus Daniel Pöppelmann oder eines schematischen Grundrisses wird die Baugeschichte skizziert. Die auf sage und schreibe 130 Meter Tiefe abgeteufte Wassergewinnung im Brunnenhaus wird ebenso veranschaulicht wie ein Einblick in den Venussaal und den Hasensaal. Hier eine verkehrte Welt, in dem die stets Gejagten an bemalten Wänden das Regiment über ihre Jäger führen. Im Venussaal ein Bilderzyklus über die Etappen des Tannhäuser in die Falle des Eros. Die Hasen harte Kerle, der Eros ein fatales Jagdobjekt.

Auf seinem durchaus durchtrieben gestalteten Schloss legte August den Grundstein auch für die Dresdner Kunstsammlungen, so dass man sich, neben Leihgaben aus Coburg, Berlin oder Wörlitz, auch über einige mehr Objekte aus dem 65 Kilometer entfernten Dresden gefreut hätte. Von hier die beiden Porträts, August und Anna auf ihrem jeweiligen Totenbett.

Insgesamt aber sind die Reproduktionen gegenüber den Preziosen in der Mehrzahl, die Kopien gegenüber Exponaten, bedauerlich. Allerdings sind es Jagdwaffen und Tranchierbesteck, die den ungeheuren Fleischverzehr bei Hofe nachweisen. Um sich das, was eine Auflistung von Rind und Schwein, Hase, Hirsch oder Fisch Punkt für Punkt, aber doch nüchtern belegt, genauer vorzustellen, werden die Ausstellungsgäste in einem Raum in einen von 21 Bildwerfern bespielten Raum versetzt. Hochraffiniert die Projektionen auf den Fußboden, die Wände, in die Kreuzgewölbe, die wahrhaftig keine geraden Flächen abgeben. Dennoch ohne Verzerrungen zieht in 16 Minuten ein Geschehen vorbei, Tafelfreuden, von fetten Synthesizerklängen grundiert. Kerzenflammen lodern, Hühner gackern, Mäuse flitzen. Die Küche: angedeutet als ein Kosmos aus Fleisch und Blut, während im Kellergewölbe der Knochenmann den Lauf der Dinge abwartet. Dazu zählen Gaumenfreuden zu einer Zeit, in der die Tischsitten kultiviert wurden. Ein Umgang fortan mit der Gabel, nun nicht mehr verschrien als Teufelswerk.

Der „Weitblick“ Augusts, von dem die Ausstellung spricht, fokussierte auf sein Reformprogramm, angefangen mit der Verwaltung des Landes. Dass es wirtschaftlich ungewöhnlich gut dastand, gründete im Silberbergbau. Dass Sachsens enorme Steuereinnahmen nicht sinnlos verprasst wurden, beruhte auf nicht selbstverständlichen fiskalischen Finessen wie einer dreifachen Buchführung. Dass das modernisierte Sachsen so etwas wie ein Musterstaat wurde, hängt damit zusammen, dass August sich nicht nur den Leidenschaften eines Renaissancefürsten unterwarf, sondern die Klugheit adelte.

Die Ausstellung zeigt neben ihm, dem Umsichtigen, die Kurfürstin, Anna, als eine außergewöhnlich selbstständige Frau. Viel wurde in der von Patrizia Meyn verantworteten und Claudia Glashauser kuratierten Schau in Belege investiert, die Annas soziales Verantwortungsbewusstsein illustrieren. Eine Kapazität war die Kurfürstin auf dem Gebiet der Medizin und der Heilkunde. Wer mag, kann seine Nase in einen Trichter stecken, um sich von diversen Düften betören zu lassen, Lavendel, römischer Kamille oder Rose.

Mit seiner Fürsorge verfügte das Herrscherpaar, dass ein jedes Untertanenpaar zur Bekräftigung der Eheschließung ein Bäumchen zu pflanzen habe. Ein schöner Brauch, dem der Gedanke an sorgsame Nachhaltigkeit aufgepropft wurde. Dass es bei allem ausgeprägten Friedenswillen doch nicht unter allen Umständen lammfromm zuging, belegt der Furor, mit dem die Lutheraner gegen die innerprotestantische Opposition brutal vorgingen, die sogenannten „Kryptocalvinisten“ – in der Ausstellung ein vernachlässigtes Kapitel.

Umso intensiver präsent das Martyrium des Messias. In der Kapelle der Burg zu sehen ist das von Lucas Cranach d. J. 1571 gemalte Altarbild „Christus am Kreuz mit Kurfürstlicher Familie“. In der Ausstellung verweist eine Reproduktion auf einem Touchscreen, versehen mit hochsensiblen Berührungspunkten, auf 19 Details in einem komplexen Bildwerk aus der Gattung der Dreinagel-Darstellung. Gerahmt von düsteren Wolken der bereits eingetretene Tod des Gekreuzigten, unter dem gemarterten Leib die vielköpfige Herrscherfamilie, die gestorbenen Kinder versehen mit einem Kreuz auf der Brust. Herrscher und Herrscherin mit fromm gefalteten Händen. Im rechten Bildhintergrund die zurückliegende Ölbergszene, zur Linken die Zukunft: die Auferstehung. In die Gleichzeitigkeit von Zeit und Raum eingepasst ganz hinten, zwei Burgen, vermutlich aus der Gegend, sicherlich gotisch.

Es ist ein spirituelles Bild. Dessen noch tiefere Bedeutung in der Propaganda für den Protestantismus lag, wofür die Augustusburg einen reichen Renaissancerahmen abgab. Alles andere als eine monumentale Veste der frühen Neuzeit war das Lustschloss von Anfang an eine feste Burg des Luthertums unter den rücksichtslos umkämpften Umständen einer Übergangszeit. Der Glaube, dem man sich auf der Augustusburg ergab, kam von ganzem Herzen. Der Glaubensstress allerdings auch, denn er war ebenfalls innengleitet.

Schloss Augustusburg bei Chemnitz: bis 8. Januar 2023. Zur Ausstellung ist ein Booklet mit 44 Seiten erschienen.

www.die-sehenswerten-drei.de/schloss-augustusburg

Anna, Kurfürstin von Sachsen, Tochter König Christians III. von Dänemark. Gemälde, nach 1565, von Lucas Cranach d. J.
Anna, Kurfürstin von Sachsen, Tochter König Christians III. von Dänemark. Gemälde, nach 1565, von Lucas Cranach d. J. © picture alliance / akg-images

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