Einnahme Rijekas (Fiumes) durch Gabriele d’Annunzio, eine parteiische Illustration aus dem Band „Storia d’Italia“. 
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Einnahme Rijekas (Fiumes) durch Gabriele d’Annunzio, eine parteiische Illustration aus dem Band „Storia d’Italia“. 

Rijeka

Kulturhauptstadt Rijeka: Die Stadt, die fließt

  • Norbert Mappes-Niediek
    vonNorbert Mappes-Niediek
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Das ehemalige Fiume, heute Rijeka, war attraktiv für politische Abenteurer, 1919 wurde hier der erste faschistische Staat ausgerufen.

Vor dem Rathaus auf dem Korso liegen einzelne rote Rosen, Zeichen gegen häusliche Gewalt, wie auf einem Schild zu lesen steht – ein großes Thema hier. An die Mauer an einer Durchgangsstraße hat jemand gesprüht: „In der Kulturhauptstadt werden Frauen geschlagen“ – was sicher auch für solche Kulturhauptstädte gilt, in denen das niemand an die Wand schreibt. Rijeka heißt zu Deutsch Fluss, ebenso wie Fiume, der italienische Name der Stadt. Auch das vergessene deutsche „Sankt Veit am Flaum“ kommt vom lateinischen „flumen“ und deutet auf die Rjecina, die Fließende, einen ansehnlichen Strom aus dem Gebirge, der die eigentliche Stadt Rijeka von ihrer eingemeindeten Vorstadt Sušak trennt.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Rijeka die Stadt der Frauen. „Sie hatten in Rijeka mehr politische Rechte als in Österreich“, erläutert die Historikerin Tea Perincic, und die Arbeiterinnen in der Zucker-, der Papier- und der Tabakindustrie ernährten oft ihre Familien. Fotos aus den frühen Strandbädern zeigen Trupps selbstbewusst lachender Mädchen. Eng mit den Frauen von Rijeka verbunden ist auch die spektakulärste Etappe der Stadtgeschichte: die „italienische Regentschaft“.

Als Österreich-Ungarn 1918 auseinanderfiel, sprachen die Siegermächte die Stadt dem neuen „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ zu, dem späteren Jugoslawien – zum Ärger Italiens und seines Königs, die Fiume und die ganze östliche Adria für italienisch oder gar für „italianissimo“ hielten. Auf eigene Faust sammelte der Dichter Gabriele D’Annunzio tausend schwärmerische Anhänger um sich und ging „über die Grenzen“, nicht mehr nur im übertragenen, poetischen Sinne, sondern ganz wörtlich. Die „Arditi“, die Verwegenen, nahmen die Stadt im Handstreich und richteten dort ihre „Reggenza italiana“ auf.

So wurde Rijeka der erste faschistische Staat in der Geschichte, einer allerdings, der sich von den späteren stark unterschied. Gemeinsam mit den Parteien von Hitler, Mussolini oder Franco hatte die Herrschaft von Fiume den Kult von Männlichkeit, Wille und Gewalt, die Irrationalität und den Nihilismus – auch den Nationalismus, der sich hier vor allem gegen die Kroaten richtete.

Karneval und Revolte

Aber die frühen Faschisten machten sich die Faszination sozialer Experimente zunutze. Futuristen schrieben für Fiume eine utopische Verfassung, Abenteurer, Anarchisten, Exzentriker, Philosophen und Spinner strömten in die Stadt. Europaweit bekannt wurde Guido Keller, ein offen schwuler Schweizer, der mit einem zahmen Adler auf der Schulter nackt über den Corso promenierte. Vom September 1919 bis zum Dezember 1920 war Rijeka die wildeste Stadt Europas – eine Mischung aus Karneval und 68er Revolte. Gabriele D’Annunzio war damals schon 56 und mit seiner Glatze und seinem kleinen Ziegenbart zwar eine ikonische, aber keine unbedingt attraktive Erscheinung. Trotzdem zog er besonders viele Frauen an. Glückliche Beziehungen duldete sein Narzissmus nicht, wohl aber massenhaft Affären.

Auf der Seite seiner Verehrerinnen, zu denen auch Prominente wie die Schauspielerin Eleonora Duse und die Tänzerin Isadora Duncan gehörten, waren die Gefühle und Interessen ambivalent, wie Perincic analysiert. Einige versprachen sich von D’Annunzios Bewegung Respekt und Gleichberechtigung für Frauen, die ihnen im konservativen Italien verwehrt waren. Andere reizte die Forderung nach Hingabe, die der erste „Duce“ erhob.

Für manche, wie die bekannte Turiner Gräfin Margherita Incisa di Camerana, gilt wohl beides: Die damals Vierzigjährige verkörperte mit ihrer Schwärmerei, ihren Artikeln im Futuristenblatt „Testa di ferro“ (Eisenkopf) und ihrer Kampfuniform die ganze Ambivalenz. Für die männlichen Faschisten spielte die weibliche Seite an Rijeka ebenfalls eine wichtige Rolle: Die Stadt galt ihnen als „unerlöst“, als „irredenta“. D’Annunzio gab den Erlöser. Eine Ausstellung im Küstenlandmuseum lässt die merkwürdige Faszination wieder aufleben.

Nach Gabriele D’Annunzio sind in Italien etliche Straßen benannt, eine „Via Fiume“ gibt es beinahe in jedem Dorf. Der Vittoriale, das faschistische Siegesdenkmal am Gardasee, empfängt pro Jahre mehr als 250 000 Besucher. Das friedliche Rijeka aber konnte die 16 Monate der irren Regentschaft nicht dauerhaft verändern. „Ich liebe die Stadt, die fließt“: Der Slogan in weicher, weiblicher Handschrift prangt als riesiger Aufkleber auf manchen Autos. Die Frauen sind selbstbewusst geblieben. Für einen Wunsch nach Erlösung gibt es keine Anzeichen.

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