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Über Rastalocken und Blue Note: Ohne kulturelle Aneignung keine Kunst

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Von: Harry Nutt

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Billie Holiday 1946 in New York. Copyright: William Gottlieb
Billie Holiday 1946 in New York. Copyright: William Gottlieb © Imago

Wenn Rastalocken zum Konzert-Abbruch führen, ist das kein Akt der Sensibilisierung. Vielleicht hilft die Geschichte der Blue Note Records.

Wenn man die Diskussion über das umstrittene Thema der kulturellen Aneignung in der populären Musik nicht einfach als jüngste Erregung einer aus dem Ruder laufenden Cancel Culture abtun, sondern verstehen will, ist die Geschichte des amerikanischen Jazz-Labels Blue Note Records aufschlussreich. Gegründet wurde es 1939 von den deutsch-jüdischen Emigranten Alfred Lion und Francis Wolff in New York. Die beiden waren dem Jazz schwarzer Musiker bereits in den 20er-Jahren in Berlin begegnet, bei Lion hatte die Band des Jazz-Pianisten Sam Wooding einen bleibenden Eindruck hinterlassen und ihn zum glühenden Verehrer der in Deutschland bald verbotenen Musik gemacht. Die Wiederbegegnung von Lion und Wolff in New York kann vor dem Hintergrund des Elends von Millionen Flüchtlingen, die sich vor dem NS-Regime in Sicherheit zu bringen versuchten, als glückliche Emigrationsgeschichte beschrieben werden. Für ihr Label produzierten sie Platten so herausragender Musiker wie Billie Holiday, John Coltrane, Herbie Hancock, Theolonious Monk, Quincy Jones und vielen mehr.

Bemerkenswert ist dieses Kapitel der Musikgeschichte nicht zuletzt im Zusammenhang mit einer kürzlich angesichts des Tragens sogenannter Dreadlocks einmal mehr entbrannten Debatte über kulturelle Aneignung. Was anderes sollte es gewesen sein, das den deutschen Juden in New York die Gelegenheit bot, mit der Kunst schwarzer Musikerinnen und Musiker ein florierendes Geschäftsmodell zu entwickeln?

Wer es so betrachtet, verkennt die oft mitreißenden Verzweigungen einer vielschichtigen Kulturgeschichte. Zum Erfolg der Blue Note Records gehört der von Anfang an faire und freundschaftliche Umgang Lions und Wolffs mit den Jazzern. Bei angemessener Bezahlung pflegten sie eine kooperative Produktionsweise, die von leidenschaftlicher Begeisterung für den Jazz und seine Arten, ihn zu spielen, geprägt war. Lion und Wolff hatten ihn als verfemte Musik in Deutschland zu einer Zeit kennengelernt, als sie selbst wegen ihrer religiösen Herkunft zunächst ausgegrenzt und später verfolgt wurden.

Nach ihrer Ankunft in New York war ihnen der alltägliche Rassismus gegen die amerikanischen Minderheiten nicht verborgen geblieben. Musiker wie Herbie Hancock und John Coltrane begriffen jedoch sehr genau, wie sehr die Empathie und der Gestaltungswille ihrer Labelchefs mit deren eigenen Ausgrenzungserfahrungen verknüpft war. Sie verstanden es intuitiv als Statement, das tief davon durchdrungen war, die jeweiligen Fremdheitserfahrungen im Zauber der künstlerischen Kreativität aufgehen zu lassen. Die Formen der Diskriminierung, die sie als Juden in Deutschland durchlitten hatten, waren gewiss anders als die, die Schwarze in den USA erfuhren. Blue Note Records aber war eine Antwort auf beide.

Wenn dieser Tage immer mal wieder über Konzerte berichtet wird, die abgebrochen wurden oder nicht zustande kamen, weil jemand das Motiv einer kulturellen Aneignung aufgespürt und skandalisiert hat, ist das zuallererst das Problem einer verunsicherten Umgebung, die eine Störung nicht als Störung betrachtet, sondern sie als berechtigtes Anliegen adelt. In der medialen Öffentlichkeit überragt leider die Lust an der Empörung, hinter der die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Darbietung bis zu deren Unkenntlichkeit verschwindet. Längst ist die sogenannte Cancel Culture nicht nur ein Phänomen derer, die auf gesellschaftliche Diversität pochen und dabei übersehen, wie sehr ihre Beharrlichkeit selbst rassistische Züge anzunehmen droht. Die Hoffnung auf eine Art diskursive Gelassenheit mag naiv sein, kann vorübergehend aber dazu beitragen, die Nerven zu schonen.

Wenn abwechselnd die Heroen einer überwiegend weißen Kunst- und Kulturgeschichte von Kant bis Elvis Presley verdächtigt werden, rassistische Haltungen gehegt oder geäußert zu haben, dann ist das kein Grund, gereizt die aufklärerischen Instrumente aus dem Fenster zu werfen. Kunst und Philosophie beziehen ihre Lebendigkeit aus Kontextualisierung, Neubewertung und Wiederaneignung. Das Motiv, das hinter dem inzwischen inflationär zirkulierenden Vorwurf der kulturellen Aneignung steckt, ist nicht verwerflich. Es geht um die Sensibilisierung für das weite Feld menschlicher Begegnungen und den wechselseitigen Respekt, den das erfordert. Die Geschichten, die daraus hervorgehen können, sind nicht zuletzt Quellen für Kunst und Kreativität. Die Geschichte von Blue Note Records ist das industrielle Produkt einer kulturellen Aneignung und viel mehr als das handelt sie von der Kraft sozialer Empathie.

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