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Kulturaustausch und Diversität: Wir brauchen das gesamte Wissen der Erde

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Von: Claus Leggewie

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Soft Power, die von Sandsäcken geschützt werden muss – in diesem Fall vor russischen Angriffen in Kiew in der Ukraine.
Soft Power, die von Sandsäcken geschützt werden muss – in diesem Fall vor russischen Angriffen in Kiew in der Ukraine. © afp

Von der Bedeutung deutscher Soft Power in der Zeitenwende.

Mit Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Humboldt bringt die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik zwei Schwergewichte in die globale Arena ein, und die nach ihnen benannten Institutionen plus der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) begründen die Soft Power unserer auswärtigen Politik. Immer wieder von Mittelkürzungen bedroht und von der politischen Aufsicht kritisch beäugt müssen sie sich nun der „Zeitenwende“ stellen und damit Ansprüchen, die nicht immer leicht zu erfüllen sind. Unsere Außenpolitik, sagt der Koalitionsvertrag, soll „wertebasiert“, „feministisch“, „nachhaltig“ und „divers“ sein; sie möge das deutsche Profil stärken, europäischer werden und zugleich universal ausgerichtet bleiben.

Vor diesem Hintergrund muss sie sich nun auf eine radikale Veränderung der geopolitischen Rahmenbedingungen einrichten, die mit globalen Phänomen wie dem Klimawandel und dem Artensterben einhergehen und die der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verschärft hat. Die geoökonomische Ratio nicht nur unserer internationalen Beziehungen beruhte auf der Annahme, dass wirtschaftlicher Austausch den Frieden sichern wird; doch der daraus erwachsene, durch die Übernahme von Verantwortung gegenüber (Sowjet-)Russland verstärkte strukturelle Pazifismus ist radikal widerlegt. Von Geoökonomie muss Deutschland schleunigst auf Geostrategie umstellen, worauf kaum jemand vorbereitet war und eingestellt ist. Ein großer Teil der ukrainischen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen liegt buchstäblich in Scherben.

Da Wladimir Putin einen regelrechten Kulturkrieg gegen den „kollektiven Westen“ und das in seinen Augen satanische „Gayropa“ angezettelt hat, muss eine wertebasierte Außenpolitik sich der Werte vergewissern, auf die sie gründen soll – und diese können bei aller Öffnung wohl nur prononciert „westliche“ Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sein. Deren Universalitätsanspruch ist seit der Dekolonisation und im postkolonialen Diskurs zu Recht kritisch befragt worden, das neue Mantra wurde die Pflege „kultureller Diversität“.

Doch steht diese konzeptionell nicht im Widerspruch zu universalen Werten, die per se keine subalterne Herabstufung, namentlich von Frauen, zulassen und jede Diskriminierung ethnischer Minderheiten, religiöser Bekenntnisse und sexueller Orientierungen verbieten.

Postkolonial muss die Praxis des Kulturaustauschs sein; an der Strahlkraft der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 ändert das nichts, und partikulare Korrekturen, die aus China oder der arabisch-islamischen Welt unter Bezug auf deren Kultur bisweilen ultimativ verlangt werden, können nicht um des lieben Diskursfriedens willen akzeptiert werden. Der Arabische Frühling war ebenso von universalistischen Motiven bewegt wie die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens und in Hongkong, genau wie zuvor die Demokratiebewegungen im sowjetisch besetzten Ostmitteleuropa. Eine auf kulturelle Diversität pochende und diese stützende auswärtige Kultur- und Bildungspolitik sollte zur Selbstreflexion des „kollektiven Westens“ und Motivation im Kampf der Demokratie gegen die Autokratie beitragen, nicht zu seiner Selbstschwächung und Kapitulation.

Den Blick aufs Artensterben

Ein Weiteres: In der aktuellen Betonung kultureller Diversität droht die Thematik der biologischen Diversität unterzugehen. Auch Artensterben und Klimawandel sind universale, nur in globaler Verantwortung abzumildernde Probleme, zu deren Lösung übrigens das Wissen der lange marginalisierten „indigenen Völker“ erheblich beitragen kann – sogar vor Gericht, wenn etwa ein peruanischer Bauer den großen deutschen Energiekonzern RWE verklagt. Nachhaltigkeit ist nur der technische Aspekt planetaren Denkens, dessen Reichweite über alle kulturellen, religiösen und ethnischen Differenzen hinausragt, aber das gesamte Erdwissen aller Regionen benötigt.

So steht die auswärtige Politik vor der Herausforderung, das von Bundesregierung und EU-Institutionen einmütig bekräftigte Ziel einer Klima-Außenpolitik (oder besser: Weltinnenpolitik) zu unterstützen und das dafür relevante epistemische und künstlerische Potenzial stärker als bisher einzubringen. Die Opposition von Kultur- und Natur(wissenschaften) haben bereits die großen Namensgeber Goethe und von Humboldt in praktisch-experimenteller Arbeit überwunden; im „Kosmos“ hängt alles mit allem zusammen, wofür nach der übermäßigen Spezialisierung des Weltwissens erst wieder ein Bewusstsein geschaffen werden muss.

Dass bei all dem eine feministische Orientierung sehr hilfreich ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen; man betrachte nur den kooperativen Politikstil der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern oder ihrer finnischen Kollegin Sanna Mirella Marin, um zu verstehen, in welche Richtung auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock und die Kulturstaatsministerin Claudia Roth gehen müssten, wenn sie die Soft Power der deutschen Kulturnation stärken wollen. Das verlangt Haltung und Stellungnahme, verträgt derzeit sicher keine finanziellen Kürzungen und muss sich stärker als bisher auf gemeinsame europäische Projekte kaprizieren, am besten mit dem klaren Schwerpunkt Ostmitteleuropa.

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