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Bücher zu lesen, bringt einen normalerweise weiter, und darum sollte es in einem Buchladen an sich auch gehen.
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Bücher zu lesen, bringt einen normalerweise weiter, und darum sollte es in einem Buchladen an sich auch gehen.

Berlin

Gefährlicher Verzicht auf Wissen

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Im Streit über den Berliner Buchladen She said gibt es zahlreiche blinde Flecken. Es wäre ein fataler Fehler, geschichtspolitische Erkenntnisse auszuschlagen.

Zur Zeit der Jahrtausendwende kam es in Frankfurt zu einer ungewöhnlichen, aber nicht unmöglichen Begegnung. Bei dem Abendessen in der mondänen Villa des damaligen Aufbau-Verlegers Bernd F. Lunkewitz trafen Gäste aus der Frankfurter Kultur und Gesellschaft aufeinander, darunter der Architekt Albert Speer und der jüdische Historiker Arno Lustiger, der Bücher über den in der Geschichtswissenschaft weitgehend vernachlässigten jüdischen Widerstand zwischen 1933 und 1945 geschrieben hatte.

Schon nach wenigen Sekunden sah man die beiden Tischnachbarn in ein intensives Gespräch vertieft. Als junger Mann sei er, Arno Lustiger, in einem Lager für Zwangsarbeiter eingepfercht gewesen, das Albert Speer sen., der Vater und Hitlers Baumeister sowie Reichsminister für Kriegswirtschaft, errichtet hatte.

Man spürte augenblicklich die historische Last der Begegnung, aber mehr noch die wechselseitige Offenheit und Neugier, in ein Gespräch einzutreten. Die beiden hörten einander zu in einer Atmosphäre des gegenseitigen Wissenwollens. Von der Speer-Biografie der Gitta Sereny war die Rede. Albert, der Sohn, er hatte sie gelesen. Was denn sonst? Es war für den 1934 geborenen Sohn des Architekten, zu dessen Leben es unauslöschlich gehörte, zum Tee bei Hitler gewesen zu sein, eine Voraussetzung für die Erlangung eines eigenen Lebens. Und nun saß ihm Arno Lustiger gegenüber, der um sein Weiterleben ebenfalls hart hatte ringen müssen, wenn auch auf ganz andere Weise.

Von einer Atmosphäre des Wissenwollens kann in dem Gastbeitrag der Schauspielerin Mateja Meded in der „Berliner Zeitung“ vom 2. März nicht die Rede sein. In kantiger Diktion ist sie bemüht, die erst kürzlich erfolgte Eröffnung eines Berliner Buchladens für ausschließlich queer-feministische Literatur mit Verweis auf die Herkunft der Inhaberin zu delegitimieren. Emilia von Senger, so schreibt Meded, habe ihr feministisch orientiertes Unternehmen mit „Blutgeld“ verwirklicht. Emilia von Senger hatte, nachdem sie zur Auskunft über ihre Familie gedrängt worden war, allerdings berichtet, das Geld für die Verwirklichung ihres Projektes stamme aus dem Erbe ihrer Familie mütterlicherseits.

Emilia von Senger, so Meded in ihrer energischen Intervention, werde durch die Gründung eines Buchladens prinzipiell jene Schuld nicht los, die ihr Urgroßvater väterlicherseits als Wehrmachtsgeneral auf sich geladen habe. Vielmehr zeige von Sengers Fall, wie in Deutschland Hard Power in Soft Power umgewandelt werde, „und wie die Enkel:innen von aktiven Nazis heute in Machtpositionen der Kunst und Kulturwelt sind. Die von Sengers hatten über Generationen Hard Power, diese Macht beruht auf militärischen Ressourcen.“

Aus Mededs Formulierungen spricht ein kerniger Agitprop-Sound, in historischer Hinsicht scheint sich die Autorin für den Unterschied einer Funktion in der Wehrmacht zu einer im NS-Staat wenig zu interessieren. Ein Hauch von Verständnis flackert allenfalls kurz auf, als die Autorin über die Motive von Emilia von Senger spekuliert. „Wenn man gutmütig ist, könnte man meinen, wie mutig Emilia ist, das alles so öffentlich preiszugeben, und wie ehrenwert von ihr, dieses Geld, wo es auch nun herkommen mag, in einen formvollendeten queerfeministischen Buchladen zu stecken.“

Pardon kann dann aber doch nicht gegeben werden. Meded jedenfalls fährt in unerbittlicher Schärfe und theoretischer Überdrehtheit fort: „Wenn man sich aber mit intersektionalem Feminismus, rassistischen Machtstrukturen in der Kunst und Kulturwelt sowie Klassismus beschäftigt, wird man stutzig. Weiße privilegierte Frauen können nur Allianzen sein, wenn sie genau wissen, was für Vor- bzw. Nachteile sie mit der bloßen Geburt geerbt haben.“

Ich mag mir nicht in letzter Konsequenz ausmalen, zu welchen Zwecken Mateja Meded Allianzen schmieden will. Ein gesellschaftliches Klima, das die Anerkennung unterschiedlicher sozialer Lagen, politische Verantwortung sowie ein aufgeklärtes historisches Bewusstsein zur Voraussetzung haben müsste, scheint nicht ihr Ziel zu sein. Allenfalls vermag sie sich vorzustellen, dass Emilia von Senger ihr Erbe hergibt, um es von anderen sozialisieren zu lassen. Reue für die Schuld ihrer Familie scheint sie durchgehen zu lassen, einen selbstbewussten Umgang damit aber nicht.

Ihre Information über die Familiengeschichte hat Mateja Meded, das zumindest legen die kurzen biografischen Hinweise zu Fridolin von Senger und Etterlin nahe, wie die Autorinnen Moshtari Hilal und Sinthujan Vadatharajah, die die Debatte um den Buchladen She said über ihr auf Instagram veröffentlichtes Video überhaupt erst ausgelöst haben, aus Wikipedia bezogen. Eine Auseinandersetzung mit dessen tatsächlicher historischer Rolle scheint Meded nicht weiter zu interessieren. Vielmehr unterstellt sie Emilia von Senger, sich nicht hinreichend mit ihrem familiären Erbe und der damit verbundenen Schuld auseinandergesetzt zu haben.

Mateja Meded mahnt historische Verantwortung an, aber demonstriert maximale Ignoranz. Das Stichwort Wehrmacht reicht aus, allerlei geschichtspolitische Reflexe in den Ring zu werfen. Vermutlich profitiert auch Mateja Meded dabei von einer Vorstellung über die Wehrmacht, die sich seit der sogenannten Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung im Kontext einer langen öffentlichen Debatte in den 90er Jahren überhaupt erst herausgebildet hat. War bis dahin weithin versucht worden, den Ruf der Wehrmacht als ehrenwerter, aber von den Nationalsozialisten missbrauchter Institution zu retten, so sprechen wir heute, angereichert mit viel historischem Wissen, von den Verbrechen der Wehrmacht.

Dass dieses Wissen in dieser Form gehoben und in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden konnte, ist zu nicht geringem Teil das Verdienst des Hamburger Instituts für Sozialforschung, das es der Logik Mateja Mededs zufolge in der Form gar nicht hätte geben dürfen. Als junger Erwachsener hatte Jan Philipp Reemtsma seine ererbten Anteile an der Zigarettenfirma seiner Familie, die maßgeblich von der Kooperation mit den Nationalsozialisten profitiert hat, verkauft und zu großen Teilen in die Gewaltforschung seines Instituts investiert. Reemtsma selbst hat ein herausragendes Standardwerk zum Thema Gewalt geschrieben, wohl nicht zuletzt befeuert durch seine gewaltsame Entführung im Jahre 1996. Auch die war zweifellos eine Folge seines umfangreichen Erbes.

Im ideologischen Tunnel Mateja Mededs dürfte Reemtsmas Wirken der Umwandlung von Hard Power in Soft Power zugerechnet werden. Ein mit radikalem Furor vorgetragener, wie auch immer intendierter emanzipatorischer Ansatz aber, der selbstherrlich bereits genug zu wissen glaubt und auf die Ressourcen anderer leichtfertig meint verzichten zu können, produziert kaum mehr als gegenaufklärerische Affekte.

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