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Krieg gegen die Ukraine: Putin und die abgebrochene Globalisierung

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Von: Harry Nutt

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„In der Stimmung für Prada“, so steht es noch im Schaufenster der geschlossenen Moskauer Boutique. Etliche Luxusketten haben ihre russischen Filialen zugemacht.
„In der Stimmung für Prada“, so steht es noch im Schaufenster der geschlossenen Moskauer Boutique. Etliche Luxusketten haben ihre russischen Filialen zugemacht. © AFP

War es naiv, vom weltweiten Handel eine befriedende Wirkung zu erhoffen? Russland hat das Fest des Konsums jedenfalls abrupt beendet.

Zu Beginn der 2000er wurde auch die mittlere Generation vom Easyjet-Gefühl erfasst. Waren Krakau, Riga und Tallinn zuvor von den Twentysomethings als leicht zu erreichende Reise- und Partyziele entdeckt worden, zogen nun Eltern und Anverwandte in Form von Bildungsreisen nach. Statt nach Mallorca zu fahren, macht man Ferien auf der Kurischen Nehrung. Oder war es ganz anders? Waren es nicht vielmehr die Überlebenden der Kriegsgeneration und die Nachgeborenen, die nun die Sehnsuchtsorte einer verlorenen Heimat aufsuchten?

Die Ausstellung der Berliner Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung bietet sich für derartige Erkundungen als multimediale Reiseführerin an. Erzählt wird von den Orten einer langen Siedlungsgeschichte, aber auch von Vertreibungen und Grenzverschiebungen, die nun auf dramatische Weise durch den Krieg gegen die Ukraine ins Bewusstsein gerückt worden sind. Galizien und die Bukowina sind nicht länger nur Geschichtsorte einer untergegangenen multiethnischen habsburgischen Welt, sondern nunmehr Angstzonen eines imperialistischen Krieges, dessen Feldherr sich auf demagogisch-geschichtsklitternde Begründungen stützt.

Aber vielleicht stellen bereits die Bemühungen um ein Verständnis geschichtlicher Konstellationen eine bedeutungslose Enklave des Bedürfnisses nach Aufklärung dar. Geht es über Putins Mythenbildung hinaus nicht vielmehr um das Ende der Erzählung einer gelingenden Globalisierung, derzufolge es die miteinander Handel treibenden Menschen besser haben als jene in den von Kriegen zerfurchten Jahrhunderten zuvor?

Zieht man das Bild ein wenig größer auf, wobei sich sofort die Assoziation zweier sich über dem Display eines Smartphone spreizender Finger einstellt, dann erweisen sich gerade auch Donald Trump, Nigel Farage und Boris Johnson als Agenten einer demonstrativen Re-Nationalisierung, die das Primat des offenen Warenverkehrs mutwillig in die Schranken gewiesen haben. In Trumps protofaschistischer Devise „America first“ und in dem Treiben der Zauberlehrlinge des Brexit hat sich bereits angebahnt, was nun durch wirtschaftliche Sanktionen gegen die Kriegspartei Russland in ungeahntem Ausmaß vollzogen wird: das Ende der neoliberalen Geld- und Warenzirkulation.

Es ist angesichts der Brutalität des Krieges gerade sehr einfach, den Handel mit Russland, insbesondere den Bezug preiswerter fossiler Brennstoffe als geschichtsvergessenen Opportunismus der Nachkriegsjahrzehnte zu brandmarken. Weil also wir naiven Deutschen die Kriegsverbrechen gegen das russische Volk via Rohstoffhandel meinten wieder gutmachen zu können, haben wir die Verbrechen gegen die Ukraine ein weiteres Mal unterschlagen. Ein Schuldkomplex mythischen Ausmaßes, ein Verblendungszusammenhang, aus dem derzeit kein Weg herauszuführen scheint. , Angesichts einer deutschen Schuld, die der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht müde wird zu benennen, erscheinen die Lektionen geschichtspolitischer Aufarbeitung plötzlich als unzureichende Beschwichtigungsversuche. Aus dieser Perspektive können die Stelen des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas plötzlich wie ein starres Monument ritualisierter Selbstgerechtigkeit wirken.

Aber fällt der Blick auf die nun wie Schuppen von den Augen sich ablösenden, lange für sicher gehaltenen Gewissheiten so schlicht aus? Basierte der Modernisierungsstolz der späten Bundesrepublik auf mutwillig falschem Bewusstsein?

Die Hoffnung auf eine befriedende Wirkung des Welthandels mag heute naiv erscheinen, aus dem Mund eines gewieften Philosophen wie Norbert Bolz klang sie im Jahre 2002 noch wie ein postideologisches Versprechen, das er in seinem Buch „Das konsumistische Manifest“ folgendermaßen ausformulierte: „Die Friedlichkeit der Existenz, die vom Markt ausgeht, setzt universale Geldwirtschaft voraus. Unter diesen Bedingungen ist aber nur ein einziger Lebensstil massendemokratisch möglich, nämlich der Konsumismus. Der Konsumismus ist das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen.“ Dieser, so Bolz, ,verspreche weder das Ziel noch das Ende der Geschichte, sondern nur das immer wieder Neue.

Die Zeilen waren geschrieben unter dem Eindruck des Islamismus nach dem 11. September 2001, dem Norbert Bolz mit einiger Hybris glaubte, die Schwäche für Konsum als demokratische Stärke entgegenhalten zu können. Die europäischen Werte von damals hörten auf die Namen Prada und Gucci – oder in der etwas gediegeneren Variante Bogner.

Die von Bolz elegant vorgetragene Kapitalismusgläubigkeit war zweifellos als Provokation gegen linke Lordsiegelbewahrer gedacht, tatsächlich aber hatte der Philosoph für den Moment jene soziale Gewissheit auf seiner Seite, dass die Globalisierung die Lebensverhältnisse in vielen Regionen der Welt in erheblichem Maße verbessert hat.

Die fatale Pointe besteht seit einigen Jahren aber wohl eher darin, dass es keineswegs gut begründete kapitalismuskritische Interventionen gegen zu kurz greifende Apologien der Globalisierung sind, die zum vernichtenden Schlag gegen den Welthandel – in wessen Namen auch immer – ausgeholt haben. Vielmehr sind Unterströmungen entstanden, deren Beweger es selbstherrlich-dezisionistisch verstanden haben, ein allgemeines gesellschaftliches Unbehagen zur Durchsetzung ihrer jeweiligen Machtfantasien in Stellung zu bringen.

Im Fall von Wladimir Putin war es die Beförderung eines klandestinen Oligarchenwesens, im Falle Trumps eine in die Weiten der amerikanischen Landschaft sich ergießende Männerfantasie weißer Überlegenheit und im Falle Johnsons eine aus dem britischen Debattierklub hervorgehende Obsession, dass mit geschickter Rhetorik letztlich alles zu erreichen sei, wie schlecht auch immer die Frisur gerade sitzen möge. Diese drei, zu denen man außerdem noch unbedingt den Regionaldespoten Recep Tayyip Erdogan zählen muss, haben ein bemerkenswertes Gespür dafür entwickelt, dass die Zeit reif war für einen anachronistischen Nationalismus, in dem sich wieder mit Landnahmen und Grenzverschiebungen kokettieren lässt. Die Epoche der asymmetrischen Kriege, die der Politologe Herfried Münkler beschrieben hat, war lediglich die Blaupause für einen Großangriff Putins auf erhoffte historische Geltung.

Die These ist, dass Russland, weit davon entfernt, ein kommunistisches Manifest im Angebot zu haben oder daran anknüpfen zu können, das Fest des Konsums abrupt abgebrochen hat. Dabei haben sich die landläufigen Vorstellungen eines exzessiven Hedonismus zuletzt doch hartnäckig am bis zur Karikatur verfremdeten Typus reicher Russen und Russinnen gebildet.

In der Welt nach Putin dürfte es schwerfallen, die bekannten Speditions- und Logistiksysteme wieder in Umlauf zu bringen. Dagegen spricht bereits die tigerhaft lauernde Haltung Chinas in der Stunde militärischer Gewaltanwendung. Was das häufig als indifferent und willensschwach dargestellte Europa dagegen aufzubieten vermag, müsste aus einer intelligenten Verschmelzung von Ökonomie und Ökologie hervorgehen, eine notwendige Grundierung der Zeitenwende mit besonderem Gespür für die Bedeutung und Selbsterhaltungsressourcen der Regionen.

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