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Kolonialismus und die Documenta: Besser schweigen lernen

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Von: Harry Nutt

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Außenministerin Annalena Baerbock re. unterzeichnet am 01. Juli zusammen mit ihren nigerianischen Amtskollegen Kulturminister Lai Mohammed li. eine Absichtserklaerung.
Außenministerin Annalena Baerbock re. unterzeichnet am 01. Juli zusammen mit ihren nigerianischen Amtskollegen Kulturminister Lai Mohammed li. eine Absichtserklaerung. © IMAGO/epd

Das Scheitern der Documenta in Kassel berührt auch die Diskussion über die Rückgabe von Kunst aus kolonialen Kontexten. Aber was folgt daraus?

Als vor einigen Wochen Nigeria und Deutschland eine „Gemeinsame Erklärung“ über die Rückgabe der sogenannten Benin-Bronzen verabschiedeten und so einen diplomatischen Rahmen schufen, wie die Eigentumsrechte an mehr als tausend in deutschen Museen befindlichen Artefakten aus dem einstigen Königreich Benin an Nigeria übertragen werden können, war Außenministerin Annalena Baerbock um einfache Wortwahl bemüht. „Die Benin-Bronzen kehren heim“ sagte sie, und fügte hinzu: „Wir dürfen nicht vergessen, dass dies auch ein Teil deutscher Geschichte ist. Es war falsch, die Bronzen wegzunehmen, es war falsch, sie 120 Jahre zu behalten.“ Gleichzeitig verwies sie auf mögliche Kooperationen für Ausstellungen. „Die Bronzen können künftig Urlaub machen in deutschen Museen.“

Ganz so fröhlich-ausgelassen sieht das der senegalesische Sozialwissenschaftler Felwine Sarr nicht. Zusammen mit der Historikerin Bénédicte Savoy hat er 2018 im Auftrag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron einen Bericht zur Restitution afrikanischer Kulturgüter erarbeitet, der längst einen Paradigmenwechsel im Umgang von Artefakten aus kolonialen Kontexten in europäischen Museen markiert.

Eine narzisstische Geste

Skeptisch gibt sich Felwine Sarr angesichts der deutschen Pläne, Nigeria beim Bau eines Museums finanziell zu unterstützen. Das wäre, so sagte er unlängst im Interview mit der FAZ, eine allzu narzisstische Geste. „Die nigerianischen Architekten müssen selbst entscheiden, wie und in welcher Umgebung sie die Objekte präsentieren wollen.“ Auf keinen Fall dürften die Strukturen eines deutschen Museums wiederholt werden. „Das wäre eine neue Form von Kolonialismus.“

Geradezu allergisch reagierte Sarr auf den Begriff Hilfe. „Die Europäer sollen eben gerade nicht helfen.“ Europa müsse erst einmal anerkennen, dass wir in einer pluralistischen Welt leben, es dürfe nicht weiter versuchen, den Globus zu okzidentalisieren und diplomatische Machtspiele zu spielen. Kurz darauf wurde Sarr noch etwas drastischer. Afrika müsse den Europäern seine Freiheiten mit Gewalt entreißen. „Jede dominante Position, jede Empfehlung ist eine zu viel. Europa muss erst mal seine Machtgesten über Bord werfen. Aber es fürchtet, seinen Einfluss zu verlieren, und hält krampfhaft daran fest. Europa muss herunter von seinem Sockel und verstehen, dass wir in einer Welt leben. Europa muss lernen zu schweigen.“

Wie schnell die Versuche, das Schweigen zu erlernen, in lärmender Kakophonie münden, hat auf traurige Weise die Diskussion über die documenta fifteen gezeigt, die sich anfangs in seliger Erwartung als Ort empfahl, an dem die Stimmen des globalen Südens zu vernehmen seien. Nach der Entdeckung antisemitischer Motive in einem Kunstwerk der indonesischen Gruppe Taring Padi wurde daraus jedoch ein lärmendes Rededuell über postkoloniale Theorie, Universalismus und Partikularismus, insbesondere am Beispiel der vermeintlichen Kolonialmacht Israel. Wo eben noch der Startschuss für ein kontemplatives Kunsterlebnis im Namen des Prinzips Nonkrong – ein gemeinschaftliches Abhängen – abgegeben worden war, hatten die Sprecher, Zuhörer und Zuhörerinnen sich plötzlich zu entscheiden, auf wessen Seite sie stehen wollen.

Ganz abgesehen von der obsessiven Einschätzung der Rolle Israels blieb oft unklar, wer gerade spricht und schreibt. So sind die Verfasser eines wortreichen Dokumentes, das nach der Absage der vor der Documenta geplanten Gesprächsreihe unter dem Titel „We Need To Talk“ veröffentlicht worden war, im Verborgenen geblieben. Die Diktion des als selbstbewusste Rechtfertigung angelegten Textes lässt jedoch die Vermutung zu, dass die Akteure des Kollektivs Ruangrupa allenfalls bedingt an der Wortfindung beteiligt waren. Wäre es jetzt nicht hilfreich zu erfahren, wer sich hinter „Ruangrupa, das künstlerische Team der Documenta fifteen und einige der Kurator*innen des gescheiterten Forums“ verbirgt?

Der durchaus bedenkenswerte Ratschlag, dass Europa sich Lektionen des Schweigens zumuten möge, erzeugt Reibung nicht nur bezüglich des diskursiven Desasters in und über Kassel. Zumindest möchte man von Felwine Sarr gern wissen, wie er sich das Überbordwerfen von Machtgesten in Bezug auf China und Russland vorstellt, die sich zahlreichen afrikanischen Staaten als Partner andienen, im Grunde aber ganz ungeniert ihren imperialen Einfluss ausweiten. Es gibt viele Formen des Neokolonialismus, die von den Kritikern postkolonialer Verhältnisse nur schwach oder gar nicht erfasst werden.

Im Kontext der Überlegungen zu einem zukünftigen Verhältnis von europäischen und außereuropäischen Kulturen ist der Verweis auf Russland und China natürlich vergiftet. In neudeutschen Diskursgewittern nennt man die rhetorische Figur Whataboutism. Sorry dafür. In diesem Fall schlage ich aber vor, sie als Hinweis auf die besondere Schwierigkeit von kulturpolitischer Neuorientierung im Spannungsfeld geostrategischer Verschiebungen zu verstehen.

Vielen Akteuren der „postcolonial studies“ gilt die Ethnologie als verdächtige Wissenschaft, gleichgültig welche Wandlungen diese auch durchgemacht haben mag, seit sie Völkerkunde genannt wurde.

Deplatzierte Objekte

Der 2006 gestorbene Ethnologe Clifford Geertz stand übrigens bereits in den 1970er Jahren im Zentrum einer Debatte über universalistische Positionen, in denen er sich den Vorwurf einhandelte, kulturrelativistisch zu argumentieren. Erkennen Sie die Melodie? Dabei hatte sich in den Kulturwissenschaften längst der Grundsatz herumgesprochen, dass ethnographische Artefakte deplatzierte Objekte sind. Ganz gleich, ob sie geraubt oder rechtmäßig erworben wurden, nehmen sie in europäischen Sammlungen einen Platz ein, an den sie nicht gehören. Über Kunstwerke und die Orte, an denen sie aufbewahrt und gezeigt werden, muss also immer wieder gesprochen und nachgedacht werden.

Die nun erfolgenden Restitutionen von Objekten in die Herkunftskulturen sind unbedingt wünschenswert. Zumindest eine kleine Zahl Sachkundiger und Neugieriger wird gespannt verfolgen, wie sie in der neuen alten Umgebung präsentiert und aufgenommen werden. Das entbindet die europäischen Sammlungen jedoch keineswegs der Aufgabe, sich darüber hinaus ihrer eigenen Sammlungsgeschichte und -geschichten zu vergewissern. Ganz in diesem Sinne hatte der Ethnologe Karl-Heinz Kohl bereits 2009, als noch heftig über eine zukünftige Ausstattung des Humboldt-Forums gestritten wurde, seine Überlegungen in der Zeitschrift „Merkur“ präsentiert. „Meine eigene Vorstellung des Museums außereuropäischer Kulturen“, schreibt Kohl, „wäre die eines Ortes, in dem alle älteren Visionen aufbewahrt und zugleich aufgehoben werden. Man könnte sich die Haupthalle als einen weißen Kubus vorstellen, in dem die Meisterwerke indigener Kunst kontextfrei und ohne weitschweifige didaktische Erläuterungen ausgestellt sind. Von der Haupthalle aus sollten die Besucher in die verschiedenen Abteilungen geführt werden, von denen jede für eine frühere Epoche der Geschichte der Beschäftigung mit außereuropäischen Kulturen steht.“

Was Kohl vorschlug, war die Historisierung einer Sammlungsgeschichte, die gerade auch die Fehlentwicklungen einer Wissenschaft sichtbar macht, die immer schon Teil einer Herrschaftsgeschichte ist. So sehr Kohl davon überzeugt war, dass der Respekt vor den Hervorbringungen fremder Kulturen durch Museumsausstellungen gefördert werden kann, war er sich doch bewusst, dass sie wohl kaum in der Lage seien, den Eurozentrismus als solchen zu überwinden. Was ihm vorschwebte, war vielmehr dessen reflektierte Relativierung, nicht zuletzt in der Hoffnung, dass die Kenntnisnahme eines Wandels der eigenen Sichtweisen zur Erkenntnis selbst beitragen. Es wäre eine taktvoll-beredte Form, das Schweigen zu lernen. Gerade jetzt. Nach Kassel.

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