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Knut Cordsen: „Der heutige Aktivismus hat ein weibliches Gesicht“

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Von: Bascha Mika

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„Heute eine Hauptfigur“: Klimaaktivistin Luisa Neubauer von der Fridays-for-Future-Bewegung im ägyptischen Scharm El-Scheich.
„Heute eine Hauptfigur“: Klimaaktivistin Luisa Neubauer von der Fridays-for-Future-Bewegung im ägyptischen Scharm El-Scheich. © dpa

Knut Cordsen über das Jahrhundertphänomen Aktivismus, seinen Nutzen und seine Nachteile in der Klimadebatte und den Ruf nach einem starken Staat.

Herr Cordsen, wann waren Sie das letzte Mal so empört, dass Sie zum Aktivisten wurden?

Das war wohl 2016. Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise gab es in München regelmäßige Demonstrationen gegen Ausländerhetze. Daran habe ich einige Male teilgenommen.

Und aufgrund dieser Erfahrungen wollten Sie ein Buch zum Thema schreiben?

Überhaupt nicht. Der entscheidende Anstoß kam im vergangenen Jahr aus den USA. Dort war eine TV-Show geplant, in der Aktivisten und Aktivistinnen aus unterschiedlichen Bereichen gegeneinander antreten sollten. Das Fernsehpublikum sollte dann entscheiden, wer sich am besten präsentiert. Als Gewinn war ein Besuch beim G20-Gipfel in Rom im Oktober ausgelobt.

War irgendjemand aus der Szene so dumm, dabei mitzumachen?

So weit kam es gar nicht. Kaum war diese Reality-Show angekündigt, gab es einen riesigen Twitter-Sturm – unter anderen von berühmten Aktivistinnen wie Naomi Klein. Die haben dafür gesorgt, dass der große Sender CBS das Projekt in Windeseile begraben hat. Das zeigt die heutige Wirkmacht von Aktivismus …

… und doch auch seine gesellschaftliche Bedeutung, wenn CBS dem Thema eine eigene Show widmen wollte …

Richtig! Daran sieht man aber auch, wie sehr der Aktivismus bereits vom Kapitalismus und dem Entertainment vereinnahmt ist. Früher war er eine gesellschaftliche Randfigur, heute ist er eine so zentrale Figur, dass er die Hauptrolle in einer Unterhaltungssendung spielen und zum Amüsement des Publikums zeigen soll, was er draufhat.

Bei uns ist Aktivismus derzeit wegen der „Letzten Generation“ in den Schlagzeilen. Durch ihre Autobahnblockade sollen die Klimaaktivist:innen kürzlich einen überlebensnotwendigen Rettungseinsatz verzögert haben. Politik und Medien schäumten, selbst der Kanzler schaltete sich ein. Hier entlädt sich offenbar eine lange aufgestaute Wut.

Der Fall ist ja noch nicht endgültig geklärt. Doch man sieht daran, dass der Aktivist zwar Zentralfigur ist – aber auch Hassobjekt. Und dass sich die Politik in Gestalt von Olaf Scholz und Robert Habeck jetzt so eilfertig gegen die Aktivisten stellt, finde ich grenzwertig. Da hat die „Bild“-Zeitung mit ihrer Hetzjagd auf die Klima-Kleber offenbar Erfolg gehabt. Auch in den meisten anderen Medien wurde der Gruppe sofort die Schuld gegeben, ohne dass vorher die Fakten geprüft wurden.

Sieht sich die „Letzte Generation“ also zu Recht als Opfer des „Mediensystems“, wie sie in einer Pressemitteilung schreibt?

Auch das ist grenzwertig. Es ist ein Problem des Aktivismus, dass er sich sehr schnell in die Opferrolle begibt. Sobald er kritisiert wird, ist er Opfer, und als Opfer steht er dann wieder gut da. Doch Kritik ist legitim, und der Aktivismus muss lernen, damit umzugehen und sich dazu zu verhalten.

Offenbar hatte die Gruppe nicht mit so viel öffentlichem Druck gerechnet.

Dabei müsste sie wissen, dass ihre Aktionsformen die Suche nach Verbündeten problematisch machen. Vielen Leuten leuchtet nicht ein, warum berühmte Gemälde mit Suppe oder Kartoffelbrei beworfen werden, um vom Klimakollaps zu überzeugen. Zumal es in der Kampagne, mit der die „Letzte Generation“ angetreten ist, heißt: „Essen retten, Leben retten!“ Und dann wirft man Lebensmittel auf Bilder? Das hat etwas Suppenkasperhaftes und auch etwas Dadaistisches. Lustig ist, dass gerade die Dadaisten in den 1910er Jahren die größten Gegner des Aktivismus waren und von „Moralidiotie“ sprachen.

Moralisieren spielt beim Aktivismus aber doch immer eine Rolle.

Klar, aber ich bezweifele stark, dass die Gemälde-Aktionen funktionieren. Die meisten Menschen müssen doch gar nicht mehr überzeugt werden, dass der Kampf gegen die Klimakatastrophe moralisch richtig ist. Doch die Aktivisten tun immer noch so, als wären sie Outcasts, die gegen eine überwältigende Mehrheit von Verleugnern anrennen müssten. Joseph Beuys, einer der großen künstlerischen Aktivisten der alten Bundesrepublik, lehnte so einen „äußerlichen Aktivismus“, der viel Rabatz macht und etwas zerstört, grundsätzlich ab. Beuys glaubte nicht, dass der etwas in Gang bringen könne. Die Museumsaktionen der „Letzten Generation“ sind ja auch eher ein Happening. Doch wie bereits die Happenings der 1960er Jahre verschrecken sie die Mehrheitsgesellschaft, statt sie mitzunehmen.

Seit wann lassen sich grundlegende Veränderungen im Konsens erreichen? Mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ erzeugt man ja noch nicht einmal Aufmerksamkeit.

Stimmt. Und die Aktivisten der „Letzten Generation“ sind Genies der Aufmerksamkeitsökonomie. Das Video des Tomatensuppenwurfs auf den Van Gogh in London ist weit über 50 Millionen Mal geklickt worden. Was für eine Leistung! Aber dieser Auftritt wird eben als spektakuläre Aktion gefeiert, das Nachdenken über das Klima bleibt dabei aus. Da kommt doch keiner „ins Handeln“, wie die Grünen so schön phrasenhaft sagen.

Dabei trägt die „Letzte Generation“ die Dringlichkeit des Handelns bereits im Namen …

Ja, sie wollen den Notstand ausrufen. Das ist wirklich ein kleiner Treppenwitz der Geschichte. Die 68er-Aktivisten haben gegen die damals geplanten Notstandsgesetze gekämpft. Sie hatten Angst, dass der Staat viel zu viel in den Griff nimmt, und wehrten sich dagegen. Heute passiert das komplette Gegenteil. Originalzitat der „Letzten Generation“: „Wir haben Angst, dass der Staat das nicht im Griff hat.“ Der Staat soll radikal eingreifen, auch gegen die Mehrheit der Bevölkerung. Dieses Denken zeigt sich in der Geschichte des Aktivismus immer wieder: Man selber glaubt sich auf dem richtigen Weg, und die anderen sind einfach zu blöd, das zu kapieren. Deshalb sollen demokratische Verfahren ausgehebelt werden.

Aber wie soll Klimapolitik denn funktionieren, wenn der Staat sich einen schlanken Fuß macht?

Das ist ein Knackpunkt des derzeitigen Aktivismus. Nach der Bundestagswahl ist ein ganzer Schwung junger Aktivistinnen und Aktivisten in den Bundestag eingezogen. Und dann behauptet die Grüne Kathrin Henneberger, sie sei Aktivistin, obwohl sie gleichzeitig Parlamentarierin einer Regierungspartei ist. Das geht nicht! Diese zwei Körper des Königs gibt es nicht, man muss sich entscheiden. Am Wochenende gegen das Verschwinden von Lützerath zu protestieren, obwohl die eigene Fraktion dies gerade beschlossen hat, ist doch völlig absurd. Dann dient Aktivismus nur der eigenen Gewissensberuhigung.

Das passt zu Ihrem Befund, dass wir es heute mit einer Inflation an Aktivismus zu tun haben. Ist das eigentlich gut oder schlecht?

Ich finde es deswegen problematisch, weil sich heute fast jeder als Aktivist bezeichnet. Der Bauer wird dann zum Agraraktivisten und die Handwerkerin zur Möbelaktivistin. Für viele ist es einfach schick, sich so darzustellen, obwohl sie nur Scheinaktivisten sind – wie manche Schauspieler, die sich damit als Marke aufwerten wollen. Und wenn ein Vertreter der „Scientists for Future“ sagt, dass wir jetzt alle Aktivisten sind, egal ob wir uns gegen etwas stellen oder für etwas kämpfen, sind wir an einem Punkt angekommen, der gesellschaftlich nicht mehr begrüßenswert ist.

Zur Person

Knut Cordsen , 1972 geboren in Kiel, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München, arbeitet seit 1997 für die Kulturredaktion des BR und andere ARD-Anstalten. Sein Buch „Die Weltverbesserer. Wie viel Aktivismus verträgt unsere Gesellschaft?“ ist bei Aufbau erschienen für 20 Euro.

Warum nicht?

Aktivismus bedeutet nun mal viel Geschrei, viel Skandalisierung, viel Empörungslust und einen großen Drang nach Aufmerksamkeit. Wenn wir alle so agieren, bringt das die Gesellschaft wohl kaum voran. Und wenn dann der Klimaaktivismus dazu übergeht, nicht nur seine eigenen Ziele zu formulieren, sondern sich auch noch um queere oder um identitätspolitische Anliegen zu kümmern, landen wir sehr schnell bei aktivistischen Flügelkämpfen und Frontlinien. Leider zeichnet den Aktivismus von Anbeginn aus, dass er sich sehr gerne sehr gründlich selbst zerfleischt.

Weil der Kampf für spezifische Anliegen umkippt in Cancel Culture?

Ich bin kein Freund dieses Begriffs. Doch problematisch wird es, wenn eine aktivistische Bewegung nicht mehr in der Lage ist, mit einer gewissen Distanz auf sich selbst zu schauen – wozu auch immer Humor gehört. Wo nur das Verbissene gepflegt wird, ist Monty Pythons „Volksfront von Judäa“ gegen die „Judäische Volksfront“ nicht weit. Leider hat der Aktivismus den Humor nicht gepachtet, das zieht sich durch seine gesamte Geschichte.

Wann hat der moderne Aktivismus begonnen und warum?

Er ist aus einer Katastrophenerfahrung heraus entstanden. Was heute der Klima-GAU ist, war damals die Erfahrung des Ersten Weltkriegs. Dieser fürchterliche Krieg hat dem Pazifismus in den frühen 1920er Jahren enormen Auftrieb gegeben. Der spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky war überzeugter Pazifist, ebenso Heinrich Mann und Ernst Bloch …

Stammt auch der Begriff aus dieser Zeit?

Ungefähr. Meine frühesten Funde sind vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Rudolf Eucken, der inzwischen völlig vergessene Literaturnobelpreisträger von 1908, sprach vom „aufrüttelnden Aktivismus“. Er suchte einen Begriff für den „Idealismus der Tat“. Der Idealismus hat ja in Deutschland eine lange Tradition, aber Eucken wollte eine Bezeichnung für den Moment finden, in dem der idealistische Gedanke in die Realität umgesetzt wird. Dafür prägte er den Ausdruck „Aktivismus“.

„Idealismus der Tat“ – das klingt sehr nach Mission.

Absolut! Der Aktivismus war von Beginn an eine extrem religiöse Bewegung. Nicht umsonst spricht Kurt Hiller, Aktivist der ersten Schwulenbewegung, von Jesus als dem „großen Aktiven von Nazareth“. Das Christentum war immer ein Vorbild. Bevor der Begriff Aktivismus in die Welt kam, gab es die Weltverbesserung als urchristliches Motiv. Bekehrungswut zeichnet den Aktivismus von Anfang an aus.

Wer ist denn Ihr Lieblingsaktivist?

Sicher Carl von Ossietzky. Der schreibt schon 1918 einen Essay, in dem es heißt: „Ein Schlagwort durchzuckt die deutsche Öffentlichkeit: Aktivismus.“ Er ist bis heute eine vorbildliche Figur für viele Menschen.

Gibt es so etwas wie ein Regelwerk des Aktivismus?

Vor drei Jahren gab es mal den Versuch, das Kommunistische Manifest umzuschreiben. Auf Deutsch ist es als „Das Aktivisten-Manifest“ mit einem Vorwort von Robert Habeck erschienen. Ironischerweise wurde das Buch von zwei Finanzexperten verfasst, die an der Börse als Aktienaktivisten unterwegs sind und die Idee vertreten, dass man nicht gegen das Kapital arbeiten sollte, sondern mit ihm. Zum Beispiel mit Hilfe von Investitionen Einfluss auf Energieriesen nehmen und so die ökologische Transformation vorantreiben.

Ist Aktivismus eigentlich männlich oder weiblich?

Der Aktivismus der Frühzeit war rein männlich dominiert, heute ist er das genaue Gegenteil. Denken wir nur an Greta Thunberg, Carla Reemtsma oder Luisa Neubauer. Frauen verkörpern den Aktivismus unserer Tage, er hat ein weibliches Gesicht – nicht nur bei Klimafragen. Auch daran sieht man, dass der Feminismus der erfolgreichste Aktivismus des 20. Jahrhunderts ist. Das zeigt, wie notwendig er ist – aber auch, wie lange es braucht, seine Anliegen durchzusetzen.

Sie haben Ihrem Buch den Titel „Die Weltverbesserer“ gegeben. Nun kämpfen Aktivistinnen und Aktivisten aber keineswegs immer für die gute Sache. Oft auch nicht für die Welt, sondern nur für sich.

Wohl wahr. Leider gehört es auch zur Geschichte des Aktivismus, dass er von links wie rechts besetzt werden kann. Selbst die frühen Faschisten nannten sich Aktivisten. Nicht ohne Grund hat Josef Goebbels 1933 die „Zentralstelle für geistigen Aktivismus“ im Propagandaministerium geschaffen. Die Gefahr, die vom Aktivismus ausgehen kann, hat der Philosoph Georg Lukács bereits 1934 thematisiert. Der Aktivismus sei politisch janusköpfig, schrieb Lucács, er winke sozialistischen Geistern genauso verführerisch wie faschistischen; deshalb sei der Aktivismus an sich nichts Gutes. Heute bezeichnen sich ja auch identitäre Neonazis als Aktivisten.

Welchen Aktivismus braucht denn die Welt, damit sie besser wird?

Ich glaube, den liberalen Aktivismus. Einen, der kritikfähig ist, der seine Ziele nicht doktrinär verfolgt und Andersdenkende nicht ausgrenzt. Er muss offen bleiben und darf nicht „grimmig“ werden, wie Karl Raimund Popper es mal genannt hat.

Interview: Bascha Mika

Knut Cordsen. Foto: Weidenbach
Knut Cordsen. Foto: Weidenbach © Weidenbach

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