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2010 in Lüchow-Dannenberg: Großkundgebung gegen Castor-Transporte.
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2010 in Lüchow-Dannenberg: Großkundgebung gegen Castor-Transporte.

Klimakonferenz COP26

Klimakatastrophe: Der lange Weg zur Hölle

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die Beteiligten der Weltklimakonferenz in Glasgow versagen bereits bei ihren guten Vorsätzen.

Die Weltklimakonferenz in Glasgow ist eine Katastrophe. Die Beschlüsse werden definitiv nicht dazu führen, den weltweiten CO2-Ausstoß so weit zu senken, dass er Ende des Jahrzehnts nur noch 1,5 Prozent über dem Stand vor der Industrialisierung betragen wird. Die Beschlüsse laufen wohl, so die Umweltorganisation Climate Action Tracker, eher hinaus auf eine Temperatur von plus 2,1 bis 2,4 Grad Celsius im Jahr 2100. Plus 1,5 Grad 2030 aber wäre die Grenze gewesen, sagen die meisten sich mit der Problematik beschäftigenden Forschenden, innerhalb derer die Bedrohungen der Klimakrise – möglicherweise – noch hätten bewältigt werden können. Die Menschheit versagt schon bei den guten Vorsätzen. Nach allen bisherigen Erfahrungen wird man davon ausgehen müssen, dass ihre Taten noch weiter dahinter zurückbleiben werden. Das ist die eine sofort in die Augen fallende Katastrophe von Glasgow.

Die mindestens ebenso große ist der Erfolg der Senkung des CO2-Ausstoßes. Wodurch wird er erreicht werden? Durch den Ausbau der Kernenergie. Es werden Hunderte neue Atomkraftwerke entstehen. Überall auf der Welt. Die Menschheit wird den Teufel CO2 mit dem Beelzebub Atomenergie vertreiben. Sie wirft sich fest entschlossen einen tödlichen Rettungsring an den Kopf. Wie man mit atomarem Abfall umgehen wird, weiß niemand. Die Hoffnung ist, dass man, bis der in größeren Mengen anfällt, das nötige Know-how zu seiner Unschädlichmachung entwickelt hat. Wie energieaufwendig das dann womöglich sein wird, weiß heute niemand. Aber schon der normale Betrieb eines Kernkraftwerkes – siehe zum Beispiel: Three Mile Island bei Harrisburg (1979), Tschernobyl (1986), Fukushima (2011) – birgt Risiken, die nicht wirklich zu bewältigen sind.

Das wahre Prinzip Hoffnung ist wieder einmal nicht die alle Fragen lösende Revolution, sondern die lange Bank. Ich bin 75 Jahre alt. Ich kenne sie gut. Als es 1950 zum Koreakrieg kam, kauften meine Eltern – sie fürchteten einen Weltkrieg – meiner Mutter einen Pelzmantel, einen Persianer. Hunger sei im Krieg kein Problem gewesen, die Kälte dagegen sehr, so erzählte sie es mir Jahre später. Es kam nicht zum Krieg. Auch als am 27. Oktober 1961 in Berlin am Checkpoint Charlie sowjetische und amerikanische Panzer ihre Rohre aufeinander richteten, wurde nicht geschossen. Als 1972 – nächstes Jahr wird es ein halbes Jahrhundert her sein – der Club of Rome in „Die Grenzen des Wachstums“ auf die Notwendigkeit einer radikalen Veränderung unserer Gesellschaft hinwies, folgte dem eine Wachstumsexplosion.

Das deutsche „Waldsterben“ der 80er Jahre haben die Wälder und auch wir überlebt. Die lange Bank und das Aussitzen haben eine große Tradition, und die Erfahrung der Bundesrepublik war ohne Zweifel: Et hätt noch immer jot jejange. Auch die Untergangsvisionen, die sich mit der Stationierung von Atomwaffen in BRD und DDR verbanden, bewahrheiteten sich nicht. Als am 11. September 2001 gekaperte Flugzeuge die Zentren der Macht der USA attackierten, schrieb ich, dieses Beispiel werde Schule machen. Heute weiß ich: Ich lag völlig daneben. Mitte der 60er Jahre begann ich zu begreifen, dass der Weltkrieg schon zwanzig Jahre zurücklag. Zehn Jahre später hatten wir einen dreißigjährigen Frieden. Etwas, das Europa in den vergangenen Jahrhunderten selten erlebt hatte. Die lange Bank hielt.

Aber sie wurde morsch. An sehr unterschiedlichen Stellen. Wir begannen, uns Gedanken zu machen über die Grenzen unseres Planeten. Zunächst begriffen wir, dass wir ihn, ohne unseren Untergang zu riskieren, nicht weiter ausplündern konnten, wie wir wollten. Dann wurde uns die Fragilität des Gleichgewichts bewusst, innerhalb dessen unsere Spezies sich bewegen kann.

Ende des 20. Jahrhunderts brach in Jugoslawien der Krieg wieder nach Europa ein. 2008 sah es für ein paar Augenblicke so aus, als breche der Kapitalismus doch noch einmal so zusammen, wie die Klassiker des Marxismus es sich vorgestellt hatten. Auch dieser Untergang wurde auf die lange Bank geschoben. Aber das Kölner „Et hätt noch immer jot jejange“ ist, das wissen wir auch, nicht wahr. „Viele Hunde sind des Hasen Tod“, sagt eine Erfahrung. Eine Welt, die zu einem tödlichen Gift greift, um sich zu retten, wie wir es angesichts der Klimakrise tun, gibt sich auf.

Als der Club of Rome 1972 seinen ersten Bericht vorlegte, hatte er nur fünf Parameter berücksichtigt: Industrieproduktion, Nahrungsmittel, Weltbevölkerung, natürliche Ressourcen und Umweltverschmutzung. Unsere analytischen Fähigkeiten und die Kapazitäten unserer Computer sind inzwischen zu deutlich mehr fähig. Das Ergebnis ist desaströs. Wir wissen heute, dass – auch ganz abgesehen von der Klimakrise –, „der menschliche Ressourcenverbrauch ungefähr zwanzig Prozent über der ökologischen Tragfähigkeit der Erde liegt“. So schrieben 2004 Dennis L. Meadows und Jorgen Randers, zwei Mitarbeiter schon des ersten Berichts des Club of Rome. Es geht schon lange nicht mehr – wie noch vor fünfzig Jahren – darum, einen weiteren Anstieg der Expropriation des Planeten zu verhindern. Wir müssen, so erklären sie uns, die Entwicklung zurückdrehen.

Nichts ist unwahrscheinlicher, als dass das geschieht. Also werden wir zurückgedreht werden.

So oder so. Durch einen großen Knall oder durch eine Folge von Fehlzündungen, durch eine „Resurrektion der Natur“ in Form einer Serie von Tornados, von Viren oder durchgeknallten atomar bewaffneten Diktatoren. Es gibt viele Möglichkeiten, und wir schaffen uns täglich, auch auf großen Konferenzen, neue.

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