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„Klimahysterie“ wurde zum „Unwort des Jahres“ gekürt.

Sprachkritik

„Klimahysterie“: Die Wahl stärkt Greta Thunberg und Fridays for Future

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Das Unwort des Jahres diffamiert Millionen Menschen, die sich für den Erhalt unseres Planeten engagieren. Begriffe wie dieser vergiften das Klima gesellschaftlicher Debatten.

  • Das Wort „Klimahysterie“ ist das „Unwort des Jahres“
  • Es wurde im vergangenen Jahr von zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens öffentlich verwendet
  • Auf Platz zwei landete der Begriff „Umvolkung“, auch das Wort „Ethikmauer“ wird von der Jury gerügt

Diesmal ging es ziemlich schnell. Schneller als manchmal sonst im Januar, wenn eine Sprachwissenschaftlerin, drei ihrer männlichen Kollegen sowie ein Journalist und ein Ehrengast zusammensitzen, um das „Unwort des Jahres“ zu küren. Das Ergebnis: „Klimahysterie“. Vielleicht „erwartbar“, wie es in der Jury-Diskussion hier und da hieß. Aber den massiven Aufschwung zu ignorieren, den das Thema durch Greta Thunberg und Fridays for Future erfahren hat, das wäre unglaubwürdig gewesen.

„Klimahysterie“ ist „Unwort des Jahres“

Die Kriterien, die wir uns in der unabhängigen Aktion „Unwort des Jahres“ auferlegt haben, sind nach Ansicht der Jury zweifellos erfüllt. Schließlich, so steht es in unseren Grundsätzen, lenken wir den Blick auf Wörter und Formulierungen, „die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“. Zum Beispiel, indem sie „einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren“. Oder weil sie „verschleiernd oder gar irreführend sind“.

Warum erfüllt das Wort „Klimahysterie“ diese Kriterien? Weil damit der Bewegung um Greta Thunberg ein irrationaler, ja womöglich krankhafter Umgang mit dem Thema unterstellt wird. Als medizinische Bezeichnung für eine Erkrankung ist „Hysterie“ in der Wissenschaft zwar überholt. Heute wird das Wort, so der Duden, im Sinne einer „nervösen Aufgeregtheit, Erregtheit, Erregung, Überspanntheit“ verwendet wird. „Gebrauch: abwertend“ fügt der Duden hinzu. „Klimahysterie“, das bedeutet also kurz zusammengefasst: Die Klimaschützerinnen und –schützer handeln nicht aufgrund von Argumenten, sondern „überspannt“, irgendwie irrational. Wer nimmt so jemanden schon ernst?

„Unwort des Jahres“: „Klimahysterie“ versus „Klimaleugner“

Zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens haben das Wort im vergangenen Jahr öffentlich verwendet – und zwar nicht nur „Klimaleugner“ aus der ganz rechten Ecke, sondern zum Beispiel auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und der Chef des Chemiekonzerns Evonik, Christian Kullmann. Dass sie zum Thema Klima eine andere Meinung haben als Fridays for Future, macht aus ihren Äußerungen noch kein „Unwort“. Die Form, in der sie mit Andersdenkenden und deren Auffassung sprachlich umgehen, allerdings sehr wohl.

So weit, so gut. Aber was bringt es, zum 29. Mal seit 1991 ein „Unwort des Jahres“ zu küren? Die Initiative verfügt ja über keine anderen Mittel der Einflussnahme als den Versuch, öffentliche Aufmerksamkeit auf den Missbrauch von Sprache zu lenken. Hinter ihr steht keine Organisation, auch nicht (wie oft fälschlich angenommen) die Gesellschaft für deutsche Sprache. Sie kann und will niemandem vorschreiben, was gesagt werden „darf“ und was nicht. Aber genau das macht sie aus: Sie lebt allein von der Bereitschaft der Öffentlichkeit, auf kritische Hinweise zu hören.

„Unwort des Jahres“ zeigt Missbrauch der Sprache auf

Platz 2: „Umvolkung“. In den vergangenen fünf Jahren sind mehr als 19.000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken.

Daran ändern auch Versuche nichts, der Unwort-Initiative etwas anderes zu unterstellen. Von „Sprachpolizei“ schrieb einmal der ehemalige FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg, der sich publizistisch inzwischen hart an der rechten Kante des bürgerlich-konservativen Lagers bewegt. Müller-Vogg wird wissen, dass „Sprachpolizei“ selbst das Zeug zum Unwort hätte. Aber er dürfte auch wissen, warum er die Aktion zu diffamieren versucht: Tatsächlich stammten die Unwörter der vergangenen Jahre meistens aus dem Sprachgebrauch des rechten bis ganz rechten Lagers.

Aus Sicht der Jury hat das einen relativ einfachen Grund: Dass der Versuch, die berühmten „Grenzen des Sagbaren“ zu verschieben, auf der rechten Seite des politischen Spektrums stattfindet, würde wahrscheinlich nicht einmal Alexander Gauland bestreiten. Hier spielt sich die Debatte darüber ab, ob die Gesellschaft sich noch auf bestimmte Regeln – und damit auch Grenzen – für das öffentliche Sprechen verständigen kann oder nicht. Nicht auf „Verbote“, wie dann immer gern unterstellt wird. Sondern auf den gemeinsamen Vorsatz, genau das zu unterlassen, was sich als Unwort-Kriterien definieren lässt: Diskriminierung, Verschleierung, Demokratie-Verachtung, Infragestellen der Menschenwürde für bestimmte Gruppen. In diesem Sinne stellt die Initiative „Unwort des Jahres“ heute nichts anderes dar als einen Appell, zu einer Verständigung über gemeinsame Regeln des öffentlichen Sprechens zurückzukehren und diese dann auch einzuhalten.„Unwort des Jahres“ wird seit bal 30 Jahren verliehen

Unwort des Jahres 2020: Die „Grenzen des Sagbaren“ lösen sich auf

Genau diese Regeln sind derzeit so umstritten wie kaum je in den fast 30 Jahren, seit der Frankfurter Germanist Horst Dieter Schlosser das Unwort des Jahres ins Leben rief. Die berühmten „Grenzen des Sagbaren“ lösen sich auf, und leicht wird als links-grün versiffter „Gutmensch“ (Unwort des Jahres 2015) verunglimpft, wer sie verteidigt. Da verwundert es nicht, dass die Initiative von denjenigen als feindliche Partei im Meinungskampf angesehen wird, die den Konsens, auf den das Unwort sich ja beruft, gerne aufgehoben sehen möchten.

Das führt – auch in der Unwort Jury – zu der Frage, ob es richtig sei, „über die Stöckchen zu springen“, die die AfD und andere uns mit ihren Unwörtern immer wieder hingehalten haben. Verstärkt es nicht noch ihre Wirkung, wenn wir die Entgleisungen aufgreifen und zitieren? Das führt zu einer weiteren Frage: Ist es überhaupt noch sinnvoll, sich auf einen Konsens zu berufen, der keiner mehr ist? Interessiert die Berufung auf den sprachlichen Anstand nicht nur noch diejenigen, die ohnehin schon überzeugt sind?

„Umvolkung“ stand auch auf der Liste zum „Unwort des Jahres“

Platz 3: Wer keine Diskussion über Grenzen der Forschung will, kontert mit der „Ethikmauer“.

Es kann hier nicht im Detail aus den Debatten der Unwort-Jury berichtet werden, die übrigens auch bei Kontroversen in angenehme Atmosphäre stattfinden – das soll ja nicht bei allen Jurys so sein. Aber so viel ist dann doch zu sagen: Einfach aufzugeben und der Enttabuisierung des Unsagbaren n zuzuschauen – diesen Weg wird niemand gehen, dem an demokratischen Umgangsformen gelegen ist. Es gilt mehr denn je, sich der sprachlichen Verwilderung, die ja Ausdruck einer politischen ist, entgegenzustellen. Schon deshalb, weil es ohne einen achtungsvollen demokratischen Diskurs auf Dauer keine Demokratie geben kann.

Dass die Jury in diesem Jahr auch das Wort „Umvolkung“ auf die Unwort-Liste gesetzt hat, darf in diesem Sinne durchaus als Signal verstanden werden. Dass damit (wenn auch diesmal „nur“ auf Platz zwei) die Serie „rechter Unwörter“ ihre Fortsetzung findet, ist nicht in den Vorlieben und Abneigungen selbsternannter „Sprachpolizisten“ begründet. Es zeigt nur, auf welchem Feld der Kampf um eine zivilisierte öffentliche Sprache – und damit um den demokratischen Diskurs überhaupt – vor allem geführt werden muss. Nicht, weil es über irgendwelche Stöckchen zu springen gilt. Sondern weil die Sprache der Unwörter zu gefährlich ist, um sie in der Blase ihrer Propheten gedeihen und immer einflussreicher werden zu lassen.

„Unwort des Jahres“ 2019

„Klimahysterie“ ist das Unwort des Jahres 2019. Das gab die Sprecherin der Jury, die Linguistik-Professorin Nina Janich, am Dienstag in Darmstadt bekannt. Mit dem Begriff würden „ Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert“. Durch die Verwendung des Wortes „Hysterie“ werde das Engagement für den Klimaschutz „als eine Art kollektiver Psychose“ dargestellt.

Die Jury, der neben vier Sprachwissenschaftlern und dem FR-Autor Stephan Hebel diesmal der Kabarettist Urban Priol als Gast angehörte, rügte außerdem die Begriffe „Umvolkung“ und „Ethikmauer“. Bei „Umvolkung“ handele es sich um „einen Schlüsselbegriff einer rechtsextremen Verschwörungstheorie“, erläutert die Jury. „Diese behauptet, dass es einen geheimen Plan (der sog. Eliten) gebe, die weiße Mehrheitsbevölkerung in Europa, Australien/Neuseeland und den USA durch (vornehmlich muslimische) Flüchtlinge und andere nicht-weiße Einwanderer auszutauschen.“ Der neue AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla hatte im vergangenen Jahr dennoch behauptet, er halte das Wort Umvolkung „nicht für rechtsextrem“.

Der in einem Text der Tageszeitung „Die Welt“ verwendete Begriff „Ethikmauer“ steht laut Jury ähnlich wie „Moralkeule“ „exemplarisch für Ausdrücke, die jede moralisch-ethische Argumentation als ein Zeichen naiver Fortschrittsverweigerung diskreditieren“. In dem Text ging es um die Züchtung menschlicher Organe in den Körpern von Tieren. Wörtlich hieß es dort: „Bei dieser Forschung zum Wohl des Menschen kann man sich nicht hinter einer Ethikmauer verstecken." Damit werde die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen „als Fortschrittsverweigerung diskreditiert“, erläutert die Jury.

Die unabhängige Aktion „Unwort des Jahres“ existiert seit 1991. Sie wählt die jeweiligen Unwörter aus Einsendungen aus der Bevölkerung aus. fr

FR-Autor Stephan Hebel ist Mitglied der Jury für das Unwort des Jahres.

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