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Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts. 

Klaus-Dieter Lehmann

Klaus-Dieter Lehmann: Klare Prinzipien taktvoll vertreten

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Klaus-Dieter Lehmann, der scheidende Präsident des Goethe-Instituts, wird achtzig.

Es ist von geradezu statuarischer Eleganz, wenn Klaus-Dieter Lehmann regelmäßig im Juni auf der kleinen Freitreppe des Museums Hamburger Bahnhof in Berlin steht, um die weit über 1000 Gäste zum Sommerfest des Goethe-Instituts zu begrüßen. Die meisten kennt er persönlich, und nicht wenige sind nach kurzen Entree-Gesprächen verblüfft, wie genau er sich an Namen und Begebenheiten zu erinnern vermag.

Ein gutes Gedächtnis ist eine Basisqualifikation für ein Amt, das Klaus-Dieter Lehmann gewissermaßen erst als Pensionär angetreten hat. Lehmann war 68 Jahre alt, als er 2008 Präsident des Goethe-Instituts wurde. Wenn er zum Ende des Jahres an die Ethnologin Carola Lentz übergibt, geht eine Goethe-Ära zu Ende, der Lehmann allein schon durch seine souverän-umsichtige Art Format verliehen hat.

Dabei war es keinesfalls eine leichte Übernahme. Das Goethe-Institut sah sich zu Beginn des Jahrtausends einem strapaziösen Spar- und Restrukturierungsprozess ausgesetzt, in dem sich Lehmanns Vorgängerin Jutta Limbach harter Vorgaben von politischer Seite zu erwehren hatte. In die Budgetierungsfragen hatten sich zudem Vorwürfe über eine allzu beliebige Programmarbeit gemischt, sodass Lehmann und seine Generalsekretäre Hans-Georg Knopp und später Johannes Ebert auch eine inhaltliche Konsolidierung der Goethe-Aktivitäten zu ihrer Aufgabe machten.

Das erforderte nicht nur diplomatisches Fingerspitzengefühl, sondern auch politischen Weitblick, denn angesichts eruptiv ausbrechender sozialer und politischer Krisen in Ländern, in denen Goethe vertreten war, wurde deutlich, dass man sich nicht länger auf bloße Kulturvermittlung zurückziehen konnte, sondern in den Konfliktregionen immer häufiger auch als politischer Akteur gefragt war.

Für Klaus-Dieter Lehmann wurde manch feierlicher Empfang zum schwierigen Balance-Akt, etwa zur Eröffnung einer von Goethe und verschiedenen staatlichen Museen getragenen Ausstellung über die Kunst der Aufklärung im Chinesischen Nationalmuseum in Peking, zu der zeitgleich der Künstler Ai Weiwei verhaftet worden war und sein Verbleib anschließend über Monate ungewiss blieb.

Klaus-Dieter Lehmann fand in solchen Situationen klare Worte des politischen Unverständnisses, ohne die chinesischen Gastgeber und Partner zu düpieren. Die vielleicht wichtigste Hinterlassenschaft, die Lehmann im November am seine Nachfolgerin Carola Lentz weitergeben kann, ist der Nachweis dessen, dass es möglich ist, klare Prinzipien im Kontext kultureller Zusammenarbeit zu behaupten, ohne sie als symbolische Trophäe vor sich her zu tragen.

Die Weltläufigkeit, die Klaus-Dieter Lehmann bereits während seiner Amtszeit als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) auszeichnete, hat er sich hart erarbeiten müssen. Seine Karriere, die ihn durch diverse deutsche Kulturverwaltungen führte, begann erstaunlich spät. Lehmann, der zunächst Mathematik und Physik studierte, war bereits 30, als er als Landeshochschulbibliothekar in Darmstadt begann. Es schien eine Karriere im Innendienst zu bleiben, denn das Bibliothekswesen, in dem er bis an die Spitze der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main gelangte, war bis dahin nicht als Sprungbrett für kulturpolitische Schlüsselstellen bekannt. Spätestens mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Nationalbibliotheken aber hatte Lehmann Macherqualitäten bewiesen.

Der Kulturtanker Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu dessen Präsident Lehmann 1998 berufen wurde, bedurfte zugleich sensible und robuste Steuerungsqualitäten, die Klaus-Dieter Lehmann oft lautlos und unprätentiös bewies. Aber als er ging, holte er doch zu einem lange nachhallenden Paukenschlag aus. Schließlich war Lehmann derjenige, der der Stiftung weit über seine Amtszeit hinaus eine Bestimmung gab. Ihm nämlich wird die Idee zugeschrieben, das wiedererrichtete Hohenzollernschloss den Sammlungen der außereuropäischen Kulturen zu widmen. Was nun unter dem Namen Humboldt-Forum entsteht, ist nicht nur ein Museumsprojekt, sondern eine gesellschaftspolitische Herausforderung.

Der taktvolle Herr Lehmann beherrscht auch das große Kaliber. Am Samstag wird er achtzig Jahre alt.

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