Notre Dame soll werden wie einst.
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Notre Dame soll werden wie einst.

Architektur

Notre-Dame - Absage an die Dekonstruktion

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Frankreichs Modernisierer Macron bringt den Mut auf, Notre-Dame originalgetreu wieder aufbauen zu lassen.

Von Haus aus, nämlich als Neoliberaler, ist Emmanuel Macron immer schon ein äußerst zupackender Mann gewesen. Er ist ein Vertreter der Modernisierung, rücksichtsloser Erneuerungen auch. Jetzt hat er erneut Courage bewiesen – indem er sich ausgerechnet gegen eine weitere Modernisierung ausgesprochen hat, nämlich provozierende Eingriffe in den Baukörper von Notre-Dame.

Dazu habe Macron, so heißt es, dem Votum von Experten „vertraut“, so dass fast fünfzehn Monate nach dem verheerenden Brand in der Pariser Kathedrale eine Wiederherstellung des charakteristischen Vierungsturms in moderner Manier, als Glasturm nämlich, verworfen wurde. Dies wäre allerdings noch eine recht zivile Lösung gewesen – verglichen mit rabiaten und vollkommen enthemmten Vorschlägen von Architekten, die mit der gotischen Kirche nicht nur Lästerliches, sondern mit einem meisterlichen Bauwerk auch Liederliches vorhatten. Um ein sakrales Bauwerk zu verhöhnen? Um ein Architekturmonument zu entstellen? Um ein Weltkulturerbe weiterzuentwickeln, wie es im marketingmäßigen Architektenjargon gerne heißt? Mögen die Verantwortungslosen höhnen: keine Experimente – aus dem Garten auf dem Dach wird nichts, ebenso wenig aus einem Schwimmbad.

Absage an die wilden Jahre

Die Entscheidung von Paris zugunsten von „Authentizität, Harmonie und Kohärenz“ (so die verantwortliche Behörde) ist alles andere als eine Petitesse. Anders als etwa Berlins Gedächtniskirche, einer beeindruckenden Rekonstruktion in der unmittelbaren Nachkriegszeit, handelt es sich bei der beschädigten „Notre-Dame“ nicht um eine ausgebrannte Ruine. Anders als die Berliner Kirche, architektonisch wahrhaftig nicht zu vergleichen mit dem Pariser Weltkulturerbe, gelang dem Architekten Egon Eiermann ein großer Wurf, ein Monument. Dagegen wäre eine „Flamme“ zur Erinnerung an die Katastrophe eine Zumutung gewesen, auf der Pariser Kathedrale der pure Kitsch.

Es wird Stimmen geben, die die Lösung, zu der sich Macron durchgerungen hat (denn das musste er offensichtlich tun), als Konvention und Kompromiss verachten. Tatsächlich hat er ein Zeichen gesetzt, gerade in Paris, einem der Hotspots der Hypermoderne der Architektur, darunter grandiose Leistungen ebenso wie niederschmetternde Verfehlungen. So hat bei der moderaten Behandlung des gotischen Sakralbaus wohl auch der Glaube gefehlt in die Segnungen der Architekturmoden. Mangelnder Mut? Oder Realismus?

Notre-Dame dürfte fortan dastehen wie das Wahrzeichen einer Absage an die wilden Jahre rücksichtsloser Dekonstruktionen.

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