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Karoline von Günderrode - Holzstich von 1880.
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Karoline von Günderrode - Holzstich von 1880.

Todesarten 5

Karoline von Günderrode: Überall Liebe

  • VonUlrich Rüdenauer
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Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden – das ist nicht jedem vergönnt.

„Niemand hat sich jemals freiwillig das Leben genommen“, schrieb der zu Lebzeiten verkannte und unverlegte italienische Autor Guido Morselli, der 1973 in Varese den Freitod wählte, 1948 in sein Tagebuch. „Der Selbstmord ist ein Todesurteil, mit dessen Vollstreckung der Richter den Verurteilten beauftragt.“

Wer in diesem Prozess der Richter ist, das lässt sich nicht immer ganz genau feststellen. Im Falle der Dichterin Karoline von Günderrode aber liegt der Fall relativ klar: Die Zeitumstände waren nicht ganz unschuldig an ihrem Tod. 26 Jahre war Karoline von Günderrode alt, als sie sich am 26. Juli 1806 in Winkel am Rhein einen Dolch ins Herz stieß. Das Kleid hatte sie über der Brust aufgeschnürt, damit das Messer widerstandslos seinen Weg finden konnte (ein Chirurg hatte ihr einmal erklärt, wo man ansetzen müsse). Zuvor hatte sie sich ein Tuch, beschwert mit drei Steinen, um den Hals gebunden. Wäre der Stich nicht tödlich gewesen, so hätte das Gewicht sie unter Wasser gedrückt und das Werk vollendet. So fand man sie tief in der Nacht, den Oberkörper in den Rhein getaucht, die Beine an Land. „Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen? / Soll muthig ich zum Schattenreiche gehen? / Um andre Freuden andre Götter flehn, / Nach neuen Wonnen bei den Todten fragen?“, schrieb sie nur kurz vor ihrem Tod in dem Sonett „Überall Liebe“.

Über die Serie

Wir blicken in unserer Serie auf Autorinnen und Autoren, die nicht im Bett starben, meist auch nicht mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, sondern auf ungewöhnliche, verstörende Weise. Und wir fragen uns: Sagt uns der Tod etwas über ihr Leben und Werk? Bislang veröffentlicht:

Ödön von Horváth und sein früher Tod in Paris: Dass schon die Bäume exilierte Poeten erschlagen
Johann Joachim Winckelmann: Meuchelmord in Triest
Robert Walsers lautloses Verschwinden: „Eine Schneeflocke flog mir auf den Mund“
Wolfgang Herrndorf: Chronik eines angekündigten Freitodes

Überall Liebe: Das könnte wohl auch über ihrem Leben stehen, und doch war die Liebe nicht genug, oder es war eine verfehlte und mutlose auf Seiten der Männer, die um sie waren und auf gewisse Weise nicht aus den Kleidern ihrer Zeit herauskonnten. Die Günderrode wäre gerne aus ihrem Korsett geschlüpft. An Clemens Brentanos Schwester Gunda schrieb sie im August 1801: „Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Grose, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unselige aber unverbesserliches Misverhältniß in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib, und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir.“ Die Zerrissenheit entstand aus einer Spannung, die nicht aufzulösen war: Ihre ureigensten Bedürfnisse vertrugen sich kaum mit einer Epoche, die noch lange nicht reif war für eine Frau wie sie (es gab noch andere Frauen, die ähnlich umtriebig und empfindsam, aber doch robuster waren gegen die Verhältnisse). Karoline von Günderrode beschäftigte sich mit Dichtung, Geschichte, Naturwissenschaften und Philosophie, las Kant, Schlegel, Fichte, studierte für sich, weil die Universität Frauen verschlossen war. Sie wusste zu beeindrucken, machte aber zugleich Angst. Für die Ehe hielt man sie „nicht geschaffen“. Das Männliche in ihr faszinierte und stieß ab. Das Männliche, damit meinte man das, was man der Frau eher nicht zubilligte, Geistesgegenwart und Wissen, poetisches Gespür und Eigenständigkeit. Die „Dissonanz ihrer Seele“ ist die „Unstimmigkeit der Zeit“, fasste es Christa Wolf zusammen.

Tödlicher Ernst

Ihre faszinierende geistige Unabhängigkeit war ihr freilich nicht am Kinderbett gepredigt worden, sondern sie musste sie sich hart erarbeiten. Aus Erfahrung entwickelt sich Eigensinn. Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode wird am 11. Februar 1780 in Karlsruhe als Tochter des badischen Hof- und Regierungsrats Hector von Günderrode geboren. Er hatte historische Werke veröffentlicht und wird zum anbetungswürdigen Vorbild für seine Tochter – gewiss umso mehr, da er bereits 1786 stirbt. Für Karoline ist er eine reine Sehnsuchtsfigur. Die Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes Hofdame beim Landgrafen Wilhelm von Hessen wird, siedelt mit ihren acht Kindern nach Hanau um. Mit Geld kann sie nicht umgehen, die Sorgen werden von Jahr zu Jahr größer, das Erbe zerrinnt – was zu Streitigkeiten führt, in die sogar Gerichte eingeschaltet werden. Ein Resultat der Finanznöte: Die älteste Tochter Karoline bekommt einen Platz im evangelischen Cronstett-Hynspergischen Damenstift am Frankfurter Roßmarkt zugeteilt, ein Abstellgleis für unverheiratete adlige Frauen – eigentlich ist sie mit 18 zu jung, um aufgenommen zu werden, aber für sie werden die Statuten geändert.

Keins von allen Gütern dieser weiten Erde, / Keines! dem nicht Schmerz und Reue sei Gefährte, / Überall verfolgt die Plagegöttin dich

Karoline von Günderrode

Dort ist sie aufgehoben und versorgt, aber nicht zu Hause. Freiheiten genießt sie gleichwohl. Ihr gesellschaftliches Leben ist rege. Sie verkehrt in den Kreisen der Frühromantiker, hat Anteil am Leben der Brentanos, mit Bettine freundet sie sich an – eine Beziehung, die die Jüngere so prägt, dass sie Jahrzehnte später ihren berühmten literarischen Briefwechsel mit der Vergöttertern veröffentlicht: „Die Günderode“ (nur mit einem „r“). Clemens Brentano schreibt ihr aufreizende Briefe. Sie verliebt sich in den vielversprechenden Juristen Friedrich Carl von Savigny, die erste der verhängnisvollen, letztlich unerwiderten Leidenschaften. Was für den einen ein Spiel ist, ist für die andere tödlicher Ernst. Ausgerechnet Gunda Brentano wird Savigny später heiraten. Karoline duldet auch das, bei der Hochzeit macht sie gute Miene zum bösen Spiel. Der Gefühlsaufruhr, er ist Karoline also vertraut. Auch in anderer Hinsicht. Ihre liebsten Schwestern sterben, sie pflegt sie zu Tode. Mit dem Vater hat das Leid begonnen – der Tod bestimmt seither das Leben der jungen Frau, und zusehends auch ihr Denken.

Äußere und innere Welt

Es gibt das Äußere. Und eine innere Welt. Schwermut herrscht darin, eine unüberwindliche Fixierung auf die Endlichkeit. Das Innenleben ist dennoch so reich, dass es nicht recht zähmbar ist. Karoline dichtet. Die Melancholie, die sie umgibt, findet sich in ihren Texten wieder. „Keins von allen Gütern dieser weiten Erde, / Keines! dem nicht Schmerz und Reue sei Gefährte, / Überall verfolgt die Plagegöttin dich“, schreibt sie nach dem Tod ihrer Schwester Charlotte. Ungefähr zu der Zeit, als diese Zeilen entstehen, kauft sie auf der Frankfurter Ostermesse den Dolch, den sie fortan immer bei sich führen wird und den sie sich am Ende ins Herz stößt. Das Buch „Gedichte und Phantasien“ erscheint 1804 unter dem Pseudonym Tian. Goethe nimmt die Sammlung wahr und nennte die Texte „eine wirklich seltsame Erscheinung“.

Dass sie dichtet, wissen nicht viele. Einer, mit dem sie sich darüber austauscht, der sie auf gewisse Weise führt, und den sie in seiner Arbeit wiederum in neue Richtungen lenkt, ist Friedrich Creuzer. Der klassische Philologe hat eine Professur in Heidelberg inne und ist verheiratet mit der 13 Jahre älteren Witwe des Ökonomen Nathanael Gottfried Leske, einem von Creuzers Lehrern. Diese Ehe ist eindeutig eine vernünftige Einrichtung, auch finanziell gesehen. Aber Creuzer lässt keinen Zweifel daran, dass er Karoline seit der ersten Begegnung in Heidelberg leidenschaftlich begehrt. Umgekehrt ist es nicht anders.

Literaturhinweise

Bettine von Arnim: Die Günderode. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt am Main 2006.

Dagmar von Gersdorff: Das Leben der Karoline von Günderrode. Insel Verlag. Frankfurt am Main und Leipzig 2006.

Karoline von Günderrode: Der Schatten eines Traumes. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Herausgegeben und mit einem Essay von Christa Wolf. Luchterhand Verlag. Darmstadt und Neuwied 1981.

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends. Luchterhand Verlag. Darmstadt 1979.

Die Briefe kaschieren wenig. Es werden Pläne geschmiedet. Sogar eine Beziehung zu dritt steht im Raum – für Creuzer gewiss die vorteilhafteste Lösung. Creuzer setzt sich für Karolines Dichtung ein, verschafft ihr einen Verleger, bereitet ihre zweite Veröffentlichung vor. Und bekommt kalte Füße. Nicht zuletzt, weil er in seine Verhältnisse verstrickt ist, tiefer als Karoline es ahnt. Savigny ist nicht nur sein Freund, er ist zudem sein Gönner. Und er hat Macht über Creuzer: Er wendet sich gegen Scheidungspläne. „Unheimlich leise bereitete der Umschwung sich vor, für die Betroffene selbst fast undurchschaubar. Creuzer saß im Kreis seiner Berater wie eine Spinne im Netz“, schreibt Dagmar von Gersdorff, Karolines Biographin. Creuzer erkrankt schwer, und seine Frau ist zur Stelle, ihn zu pflegen. Die Ehrbarkeit und Vernunft siegt, denn Creuzer ist auch karrierebewusst. Er fasst einen folgenreichen Schluss: Er will sich von Karoline lossagen. Wie sie davon erfährt, ist fast eine Schmierenkomödie oder doch eher eine tragische Verkettung widrigster Umstände – die Nachricht erreicht sie mit aller Brutalität. Im Juli 1806 schrieb sie an ihre Freundin Lisette Nees: „Nach mir fragst Du? Ich bin eigentlich lebensmüde, ich fühle daß meine Zeit aus ist, und daß ich nur fortlebe durch einen Irrthum der Natur; dies Gefühl ist zuweilen lebhafter in mir, zuweilen blässer. Das ist mein Lebenslauf. Adieu Lisette“ Als Creuzers Absage an die gemeinsame Liebe sie erreicht, es ist der 26. Juli, setzt sie diesem Lebenslauf ein Ende.

Absolute Maßstäbe

„Sie will ja vereinen, was unvereinbar ist: von einem Mann geliebt werden und ein Werk hervorbringen, das sich an absoluten Maßstäben orientiert“, schreibt Christa Wolf in ihrem berühmten Aufsatz über die Dichterin. Karoline von Günderrodes Vemächtnis wurde in den 1970er Jahren im Zuge einer Neubetrachtung der Literaturgeschichte aus feministischer Sicht wiederentdeckt – und ihr Leben von vielen als eines gelesen, das im Mühlrad der Zeit zerrieben und in den Schraubstöcken einer patriarchalen Welt zerquetscht wurde. Die Zeitgenossen haben sich Mühe gegeben, die Gedichte und poetischen Fragmente dem Vergessen zu überantworten. Creuzer verhinderte nach Karolines Tod den Druck ihres Bandes „Melete“. Zu viele Anspielungen auf ihre Liebschaft waren darin enthalten gewesen, zu sehr wäre Creuzer so ins Zentrum der Affäre um ihren Selbstmord geraten. Hundert Jahre später wurde ein erhalten gebliebenes Exemplar gefunden und erstmals publiziert. Der Anfang einer Wiedergutmachung.

Karoline von Günderrode war hellsichtig genug gewesen, ihren Handlungsspielraum zu erkennen: „Das Leben ist uns doch aus der Hand genommen; es wird für uns gelebt, ein Teil von uns lebt es stellvertretend für den größeren andern mit, der im Halbschlaf gehalten wird und sich in den kurzen Augenblicken, da er hell wach wird, in Sehnsucht verzehrt.“ Akzeptieren wollte sie den beengenden Spielraum nicht. (Ulrich Rüdenauer)

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