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Karl Schlögel: „Entscheidung in Kiew“ – Die Chronik eines angekündigten Todes

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Von: Arno Widmann

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Für Putin dann doch ohne böse Folgen: Die russische Fahne über dem Parlament in Simferopol, Krim, 2014.
Für Putin dann doch ohne böse Folgen: Die russische Fahne über dem Parlament in Simferopol, Krim, 2014. © AFP

Ein 2015 herausgekommener Titel von Karl Schlögel ist nun das Buch der Stunde. Leider.

Karl Schlögels „Entscheidung in Kiew“ ist das Buch der Stunde. Der erste Satz lautet: „Wir wissen nicht, wie der Kampf in der Ukraine ausgehen wird; ob sie sich gegen die russische Aggression behaupten oder ob sie in die Knie gehen wird; ob die Europäer, der Westen, sie verteidigen oder sie preisgeben wird, ob die Europäische Union zusammenhalten oder auseinanderfallen wird.“ Das ist leider wahr. Schrecklich aber ist: das Buch ist fast sieben Jahre alt.

„Entscheidung in Kiew“ macht deutlich, wie recht Außenministerin Annalena Baerbock hatte, als sie am Tag des Einmarsches der russischen Truppen in die Ukraine erklärte: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“ Noch richtiger allerdings wäre es gewesen, sie hätte gesagt: „Heute sind wir aufgewacht.“ Wir hatten geschlafen. Wir sahen zu, wie sich Putin Stück für Stück mehr Sowjetunion zurückholte.

Putin tat das nicht heimlich. Er erklärte immer wieder, dass er genau das vorhabe. Da der Westen sich nicht rührte, blieb es nicht bei den Worten. Als der Kiewer Maidan im Februar 2014 die Absetzung des putinfreundlichen Wiktor Janukowytsch, des damaligen Machthabers der Ukraine, durchsetzte, antwortete Putin noch im selben Jahr mit der Annexion der Krim.

Schlögel schreibt die Chronik eines angekündigten Todes. In jedem seiner Sätze spürt man die Erschütterung über die Taten Putins. Aber zur Verzweiflung treibt ihn die Tatenlosigkeit des Westens. Der nämlich will sich auf keinen Fall aus seinen Träumen reißen lassen. Er will nicht akzeptieren, dass die Ukraine sich entschieden hat, „ihren eigenen Weg zu gehen, und die Lebensform, für die sie sich entschieden hat, zu verteidigen, der russischen Aggression Widerstand zu leisten.“ So schrieb das Schlögel 2015. Das hätte geheißen, sich gegen Russland zu stellen. Es hätte bedeutet, sich von der Illusion zu verabschieden, nur von Freunden umgeben zu sein, und zu begreifen, dass man sich nicht in die Abhängigkeit von russischem Öl und Gas begeben darf. Wir hätten aufhören müssen, an der Idee festzuhalten, alle Konflikte ließen sich in einen Dialog verwandeln.

Es wäre zu verstehen, wenn Karl Schlögel verzweifelte an der Politik und an uns. Die Politik machte nach der Annexion der Krim, nach eine Reihe von Morden an russischen Oppositionellen auf europäischem Boden, einfach weiter. Sie nahm kaum Anstoß an all den Erklärungen, mit denen Putin Europa attackierte.

Seine Verachtung gegenüber dem Westen wuchs. Seine Vorstellung, er könne sich ungestraft im wörtlichsten Sinne „herausnehmen“, was er wolle, wurde vom Westen ständig genährt. Putin ist ein russisches Gewächs. Großgezogen haben wir ihn.

Soweit die Verzweiflung.

Ebenso großartig ist der zweite Teil von Schlögels Buch. Es ist eine Analyse unseres „Russland-Komplexes“, ein Begriff, den Schlögel sich von Gerd Koenen ausleiht. Schlögel schreibt: „Die Deutschen wissen viel über die Verbrechen der Deutschen in der Sowjetunion, aber Schuld empfinden sie nur gegenüber ‚Russen‘ – so als gäbe es nicht Millionen von ukrainischen Rotarmisten, Millionen ukrainischer Ostarbeiter, ganz zu schweigen von der Shoah auf ukrainischem Territorium.“ Wir haben auch ukrainische Juden umgebracht. Darunter Vorfahren von Wolodymyr Selenskyj, des heutigen Präsidenten der Ukraine.

Unser Russland-Komplex trägt sehr zur Vereinfachung der Welt bei. Es gelingt uns so, in der Ukraine nichts zu sehen als eine Pufferzone, ein Zwischenwesen, das keinen eigenen Willen, also keine eigene Existenz hat. Wir machen uns damit Putins Weltsicht zu eigen, wir setzen seine Brille auf. Er hat sie extra für uns anfertigen lassen. Jahrelang waren wir ihm auch noch dankbar dafür.

„Entscheidung in Kiew“ hätte uns 2015 lehren können, unsere eigenen Augen zu gebrauchen. Wir hätten uns und vor allem anderen viel erspart. Es gibt für mich keinen Zweifel daran, dass es zu Putins Einmarsch am 24. Februar 2022 nicht gekommen wäre, wäre man ihm bei der Krim-Okkupation schon in die Quere gekommen. Als die Aktion noch verdeckt lief, hätten womöglich ein paar vor der Krim auftauchende türkische Kanonenboote – es ist ein Krieg im Stile des 19. Jahrhunderts, daran will ich mit dieser Wortwahl erinnern – die Annexion verhindert.

Konflikte in der Hoffnung, es werde sich alles schon wieder einrenken, auszusitzen, das ist ein in der Politik beliebtes Verfahren. Aber keiner Sache ist damit geholfen. Mit der Zeit wächst der Konflikt. Aus einem Regenschirmmord wird eine Situation am Rande eines Atomkrieges.

Karl Schlögel wusste das schon 2015. Hätten wir ihn nur damals gelesen, hätten wir aufgehört zu träumen, hätten wir seinen Weckruf gehört, wir befänden uns in einer ganz anderen Situation. Wir, die Ukraine, Belarus und Russland. Aber auch Europa. Es hätte womöglich so etwas wie Selbstbewusstsein. Europa aber und wir brauchen offenbar den Einmarsch. Das ist verhängnisvoll. Der Täter riskiert alles, denn auf diese Tat darf in seinen Augen nur der Sieg folgen. Also wird er womöglich auch alles einsetzen. Damit droht Putin heute.

Putin spricht von der Demütigung, die ihm der Westen angetan habe. Ihm und dem russischen Volk. Die Wahrheit ist, man hat ihn hofiert. Ein ehemaliger Kanzler hat ihn als „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet, hat seinen Amtseid gebrochen und mit Nordstream 2 nicht das Wohl des deutschen Volkes, sondern das Putins gemehrt. Es gab kein Verbrechen, das der Westen Putin nicht hat durchgehen lassen. Das russische Volk hat nicht der Westen gedemütigt. Putin hat das getan.

Abgeschlossen wird das Buch mit Städtebeschreibungen. Die ältesten stammen schon aus den 80er Jahren. Es sind Reisen zu Kriegsschauplätzen: Kiew, Odessa, Jalta, Charkiw, Dnipropetrowsk, Donezk. „Und so geht das nun schon seit über einem Jahr, in dem das, was wir als natürlich, normal, als gegeben angesehen haben, sich möglicherweise herausstellt als Ausnahmesituation, derer wir glücklicherweise und ohne eigenes Verdienst teilhaftig wurden: eines 70-jährigen Friedens im Nachkriegseuropa. Nun bekommen wir es mit einem Ernstfall zu tun, für den wir, was die dafür notwendigen Denkmittel und Verhaltensformen angeht, denkbar schlecht gerüstet sind, um von den praktischen Formen der Friedenssicherung, die auch militärische Wehrhaftigkeit einschließt, gar nicht zu reden.“ Und ganz zuletzt: „Der Schock. Den Ernstfall denken“. 2015.

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