Kim Kardashian und Kanye West auf der Oscar-Party im vergangenen Februar.
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Kim Kardashian und Kanye West auf der Oscar-Party im vergangenen Februar.

US-Wahlen

Kanye West interessiert sich fürs Amt des US-Präsidenten: Ein weiterer Geisterfahrer

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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Prominenz und Politik: Zur Bewerbung von Kanye West um die US-Präsidentschaft.

  • Kandidatur Kanye West wirft ein neues Licht auf das Verhältnis von Politik und Prominenz in den USA
  • Eine Crash-Kandidatur könnte den Wahlausgang bedeutend beeinflussen
  • Wie Donald Trump bereits bewies können Medienberühmtheit und Medienmanipulation zum Aufstieg in höchste Ämter verhelfen

Kaum zeichnet sich die Chance ab, den gefährlichen Autokraten im Weißen Haus abzuwählen, taucht in Gestalt des Rappers Kanye West ein anderer Showman und politischer Geisterfahrer auf, der diese Chance auch als am Ende aussichtsloser Kandidat für das Rennen um die Präsidentschaft verderben könnte. Zwar heißt es in politischen Kreisen Washingtons, dass der Star weder als Bewerber einer kleinen Partei noch als unabhängiger Kandidat noch die notwendigen Formalitäten schaffen könnte, um sich überhaupt zur Wahl zu stellen. Aber in Washington sagt niemand mehr „niemals“, wie im Frühsommer 2016 noch das fast einhellige Verdikt über den Kandidaten Donald Trump lautete.

Kanye West: Crash-Kandidatur als Präsident könnte den Wahlausgang unberechenbar machen

Auch wenn der Musikunternehmer West (und seine nicht minder berühmte Frau Kim Kardashian) es unmöglich zu Potus und Flotus ins Weiße Haus schaffen, könnte eine Crash-Kandidatur den Wahlausgang unberechenbarer machen. 1996 vereinigte der texanische Unternehmer Ross Perot so viele Stimmen auf sich, dass er dem Amtsinhaber Bill Clinton den Sieg über den republikanischen Bewerber Bob Dole bescherte.

2000 verdarb der grüne Kandidat Ralph Nader mit mageren drei Prozent Al Gore den möglichen Sieg im ultraknappen Rennen gegen George W. Bush. Nach wenig aussagekräftigen Meinungsumfragen vor der Bekanntgabe seiner Kandidatur am 5. Juli, würde West, der sich für 2024 ohnehin schon annonciert hatte, am ehesten Stimmen junger Afro-Amerikaner einheimsen, darunter wohl vor allem von der Minderheit der Schwarzen, die sich wie Kanye West selbst zu Donald Trump bekannt hatten.

Der Fall dieser bizarren Kandidatur wirft ein neues Licht auf das Verhältnis von Politik und Prominenz in den USA und in Mediengesellschaften allgemein. 2016 musste auch der letzte zur Kenntnis nehmen, dass Medienberühmtheit und Medienmanipulation auch zum Aufstieg in höchste Ämter verhelfen. Trump war den Amerikanern aus TV-Auftritten (vor allem als Moderator der Reality-Show „The Apprentice“) bekannt, er wurde durch TV-Sender wie Fox News unterstützt und war in den sozialen Medien dauerpräsent. Diesen Ruhm als celebrity hat der Immobilienspekulant bis heute in einen Nachruhm als Selbst-Darsteller verlängert, der nun, vor dem Anfang des Jahres noch möglichen zweiten Triumph über die politische Vernunft, zu schwinden scheint.

Kanye Wests Kandidatur als Präsident: Reputation wurde in demokratischen Gesellschaften genauso wichtig wie Kompetenz

Dass wir in den Worten des Soziologen Erving Goffman „alle Theater spielen“, galt immer auch im Subsystem Politik; es ist ein Wesenszug des Politischen, dass politisch Handelnde in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten und mit diesem Auftritt Beifall heischen. Reputation wurde in demokratischen Gesellschaften ebenso wichtig wie Kompetenz, und da war es nicht verwunderlich, dass ein ehemaliger B-Schauspieler wie Ronald Reagan die Herzen der Amerikanerinnen und Amerikaner erobern konnte.

Aber immerhin hatte der zwischenzeitlich noch als Gouverneur von Kalifornien amtiert, während nun in allen Teilen der Welt politische Nobodys auftauchen, deren Anspruch und Geltung allein auf der Reputation beruht, weithin „bekannt“ zu sein und damit die Elitekategorie „Prominente“ besetzen, die anfänglich von Schauspielern (wie exemplarisch Gustav Gründgens) ausgefüllt wurde. Mit dem Kapital von Fama (Nachrede) und Image (Bild) bilden sie einen Teil der Oberschicht, die den Feuertest des Mediensystems durchlaufen muss und auf diesem Umweg auch an politisches Kapital gelangen kann: Unterstützernetzwerke und Finanzquellen. Unternehmer wie Elon Musk, der Kanye West spontan unterstützen will, verfügen darüber per se und können, wie nun auch in Europa oft der Fall, Partei- und Staatsapparate kapern.

Kanye West als Präsident: Kodierung der Politik überschneidet sich mit Unterhaltung und Prominenz

Es war Charles Lindbergh, der es als Atlantikflieger und Abenteurer zu paradigmatischer Zelebrität brachte und damit Ende der 1930 Jahre auf Seiten der politischen Rechten als Verfechter des isolationistischen „America first“ reüssierte. Bei ihm war Berühmtheit nicht mehr Folge von Status, Macht und Geldbesitz, sondern dessen Voraussetzung. Ihm folgten viele Angehörige des Showbusiness, des Profisports und „Anchorpersons“ und „Influencer“ aus analogen und digitalen Medien, die Ökonomie der Aufmerksamkeit von Millionen Followern für sich reklamieren können.

Eine Eintagsfliege geblieben ist Jesse „The Body“ Ventura, ein Profiringer und Schauspieler, der sich 1998 zum Gouverneur von Minnesota wählen ließ. Er hatte sich mit dem Slogan „Don’t vote for politics as usual“ gegen die „langweilige“ Berufspolitik durchgesetzt, aber seine Reputation sank schnell – und rascher als die seines kongenialen Nachahmers Donald Trump, zu dem immer noch fast jeder vierte US-Bürger hält. Diese Treue ist die Kehrseite der Politik der Prominenz, und es ist die „Rache der Couch Potatoes“ (Time). Sie schätzten Leute wie Trump als Antipoden der politischen Klasse, deren Wirken – nicht nur in Corona-Zeiten so dringend erforderlich – sie nur noch zynisch und paranoid kommentieren.

Die Kodierungen der Politik (Macht) überschneiden sich mit denen von Unterhaltung (Spannung) und Prominenz (Bekanntheit), und eine rabiate, rachsüchtige und wütende Masse kann jeden Typus von Parvenu ins Amt hieven, an der Macht halten und – fallen lassen. Dazu mussten sie – erstaunlich für eine proklamierte Meritokratie – keine anderen „Leistungen“ erbringen als die, weiterhin von sich reden zu machen. Es ist ein perverser Demokratisierungseffekt, dass buchstäblich jede und jeder prominent werden kann. Bekanntheit und Berühmtsein werden per se zum Verdienst, egal, wo die Prominenz herrührt, die speziell in den sozialen Medien keinerlei kritisches Korrektiv mehr gegen sich hat.

Präsidentschaftskandidatur Kanye West: „Der größte Künstler, den Gott je geschaffen hat, arbeitet nun für ihn!“

Damit zurück zum Bewerber West, Kanye Omari, auch Ye, Sänger, Musikproduzent Modefabrikant und Prominenter aus Chicago, 43 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, geschätztes Vermögen 1,3 Milliarden US-Dollar. Zuletzt ist er nicht nur mit roher sexistischer Sprache, notorischem Ehebruch und dergleichen „Drachenenergie“ aufgefallen, die ihn zu Trump zog. Der Pop-Star hat sich religiös geoutet, tourte mit dem von ihm gegründeten Sunday Service-Gospelchor in Megakirchen und forderte seine Fans zur Umkehr von eben jenem hedonistischen und egomanen Lebensstil auf, den er wie kaum ein Zweiter verkörpert.

Damit kontrastiert ein präpotenter Spruch, den nicht einmal Trump gewagt hat, dessen treueste Anhänger weiße Evangelikale sind: „Der größte Künstler, den Gott je geschaffen hat, arbeitet nun für ihn!“ Vielleicht hat der Herr im Himmel ihn auch nur angewiesen, mit der Kandidatur 2020 das nächste Album zu bewerben.

Der US-Rapper Kanye West will das Amt von US-Präsident Donald Trump übernehmen. Bei seinem ersten Wahlkampfauftritt sorgt er für Irritationen.

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