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Jüdische DPs wollen endlich ankommen. memorial de la shoah paris
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Jüdische DPs wollen endlich ankommen.

Ausstellung

Jüdisches Museum Frankfurt: Nach dem Trauma der Mut

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Das Jüdische Museum Frankfurt dokumentiert das Leben jüdischer Überlebender nach 1945 in der Ausstellung „Unser Mut. Juden in Europa 1945 – 48“.

Der Raum ist dunkel und die große Europakarte noch recht hell. Alles dröhnt, Stimmen sprechen wirr durcheinander. Viele kleine weiße Punkte sind zu sehen, hier und dort erlöschen welche, an anderen Stellen werden in den Jahren ab 1933 neue jüdische Zentren sichtbar, oft vorübergehend. Immer dunkler wird der Kontinent, 1945 leben nur noch 1,3 Millionen Juden in Europa. Die darauffolgende Zeit steht im Schatten „der Geschichtserzählung von einer so genannten Stunde Null“, sagt Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt beim Pressegespräch zur Ausstellung „Unser Mut. Juden in Europa 1945 – 48“.

Der Ausstellung geht ein sechsjähriges Forschungsprojekt voran, denn aus dieser Perspektive sei die Nachkriegszeit kaum erforscht, sagt Wenzel. Lediglich eine Handvoll Publikationen habe es dazu gegeben, wie jüdische Überlebende unmittelbar nach der Shoah lebten und sich organisierten.

Jüdisches Museum Frankfurt - Vor dem kollektives Schweigen gab es eine Debatte

Der Zeitraum, den die Ausstellung behandelt, ist einerseits begrenzt vom Ende des Zweiten Weltkrieges, der Befreiung durch die Alliierten. „Nach 1945 schien vieles möglich“, sagt David Dilmaghani, Büroleiter des Kulturdezernats. „Erst gab es einen Diskurs, das kollektive Schweigen kam erst später“, sagt Erik Riedel, Kurator der Ausstellung. Die andere hier gewählte Begrenzung ist das Jahr 1948.

„1948 markiert einen Wendepunkt für jüdische Menschen in Europa“, sagt Wenzel. Der Staat Israel wird gegründet, die Vereinten Nationen einigen sich bei ihrer Vollversammlung auf die Völkermordkonvention und verkünden die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Dazwischen leben viele Jüdinnen und Juden in Europa in sogenannten Displaced-Persons-Camps, vorübergehende Unterbringungen für heimatlose Überlebende. Die Zeit ist chaotisch. So wird es auch dargestellt im Hauptraum. Sieben krumme, mehreckige Städte-Inseln sehen aus wie ziemlich wackelige Wohnzimmer oder doch recht heimelige Zelte.

Es sind Teppiche ausgelegt, darauf abgebildet historische Stadtpläne: Von Amsterdam, der „Stadt der Konflikte“ oder der „Transit-Stadt“ Bari; vom „Polnischen Jerusalem“ Dzierzoniów, wo 16 000 jüdische Geflüchtete knapp die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. Oder von Frankfurt, in dem das Leben der 3000 DPs im Stadtteil Zeilsheim stark von der US-amerikanischen Besatzung geprägt war. Dort wird der Historiker Percy Hoffmann im Oktober bei einem Stadtrundgang die sichtbaren Spuren der „jüdischen Stadt“ zeigen.

Die Ausstellung erzählt - wie es das gesamte Konzept des umgebauten Jüdischen Museums vorsieht - jüdische Geschichte anhand von Biografien. Auf Schreibtischen stehen große gerahmte Portraits, in den Schubladen liegen persönlichste Gegenstände, so wie das Poesiealbum von Eva Szepesi.

„Ihr Onkel, einer ihrer wenigen verbliebenen Verwandten, hat es ihr mit einer rührenden Widmung darin geschenkt“, sagt Kata Bohus, Kuratorin. Vieles sind Leihgaben von Zeitzeugen oder Nachfahren. Durch eine Kooperation mit dem Schauspiel Frankfurt sind private Notizen eingesprochen worden. An den Wänden hängen historische Bilder, fast wie Familienerinnerungen aus den drei Jahren, die von Traumata und dem Mut zum Neuanfang geprägt waren. Der Ausstellungstitel „Unser Mut“ ist einem jiddischen Partisanenlied entnommen.

Gäste stolpern zwischen den „Stadtinseln“ immer wieder über städteübergreifende Phänomene: Plakate, die zu Literaturwettbewerben aufrufen, Tuschezeichnungen, in denen Kunstschaffende Erlebtes verarbeiteten. „In dieser Zeit ist viel Kunst entstanden“, sagt Riedel. Paul Peter Porges, später Karikaturist für große amerikanische Zeitungen und Magazine, harrt in diesen Jahren noch in Europa aus. Es zieht ihn zu seinem Bruder Kurt, der schon in die USA übergesiedelt ist. Bis dahin träumt er sich in seinen Zeichnungen in die Zukunft jenseits des Atlantiks und malt sich als Neuankömmling auf den New Yorker Times Square.

Jüdisches Museum Frankfurt: Die heimatlose Zeit nach 1945

Auf den Moment, endlich anderswo beginnen zu können, warten auch die Personen, die auf dem Ausstellungs-Flyer abgebildet sind: Auf einem Foto aus dem DP-Lager in Poppendorf versammeln sich 1947 Menschen zu einer Demonstration. Sie kritisieren auf einem Banner, „from lager to lager“ geschickt zu werden und fragen nach dem Ende der heimatlosen Zeit. Die britischen Behörden hatten ihnen zunächst die Einreise nach Palästina verweigert.

Die Ausstellung erzählt von Trauer und der Verarbeitung schlimmster Verluste, von der Freude, verloren geglaubte Familienmitglieder lebend zu wissen, und vom Aufbruch in ein neues Leben – anderswo oder weiterhin „im einst wichtigsten jüdischen Kontinent“, wie der stellvertretender Museumsdirektor Werner Hanak sagt: in Budapest, wo eine Initiative schon kurz nach 1945 Geld sammelt, um die Synagoge wiederaufzubauen; in der Gagernstraße im Frankfurter Ostend, wo 1950 auf einem Foto nichtsahnende Kinder ihren ersten Tag im jüdischen Kindergarten verbringen.

Jüdisches Museum , Frankfurt: bis 18. Januar 2022.

www.juedischesmuseum.de

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