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Mirjam Wenzel, Leiterin des Jüdischen Museums in Frankfurt.
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Mirjam Wenzel, Leiterin des Jüdischen Museums in Frankfurt.

Antisemitismus

Jüdisches Museum Frankfurt: Hass und die Gegenstrategien

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Mit Mirjam Wenzel in der Dauerausstellung des wieder offenen Jüdischen Museums Frankfurt.

Was wird man nicht mehr vergessen? Zum Beispiel den Moses des Malers Moritz Daniel Oppenheimer (1800-1882), der keine Hörner hat, wie es ein Übersetzungsfehler in der christlichen Ikonografie mit sich brachte, sondern zwei Leuchtstrahlen. Oppenheimer konnte Hebräisch.

Zum Beispiel die Liste mit den lange vor 1933 „judenfreien“ deutschen Urlaubsorten, und die geschätzte Nordseeinsel ist dabei. Dazu das Hotel Kölner Hof nahe des Frankfurter Hauptbahnhofs, dessen skandalös antisemitische Parolen – ins Restaurant gehängt, auf Briefe gepappt –, auch die Gerichte beschäftigten und teils verboten wurden. Dieses zähe Ringen im Rechtsstaat, wie bekannt einem das vorkommt.

Zum Beispiel die Broschüre „Anti-Anti“, mit der 1932 Argumente gegen den Antisemitismus zusammengetragen wurden. Herausnehmbare Blättchen konnte man seinem antisemitischen Gegenüber an die Hand geben, damit es vielleicht nachdenklich wurde. Eine herzzerreißende Hoffnung auf die Aufklärbarkeit des Menschen ist damit verbunden, ausgerechnet schräg gegenüber einer Wand, an der deutsche, europäische Aufklärer mit ihrem derbsten Judenhass zitiert werden.

Zum Beispiel den Fall des Frauenarztes Herbert Lewin (1899-1982), dessen Berufung zum Direktor der Frauenklinik in Offenbach 1949 der Bürgermeister der Stadt zunächst mit solchen Wendungen widersprach: Man könne Frauen nicht einem „jüdischen Arzt ausliefern“, da „mit Ressentiments gegen nichtjüdische Frauen“ und dem „Rachegefühl eines KZlers“ zu rechnen sei (ein Artikel in der FR sorgte dann für ausreichend überregionales Aufsehen, um das wiederum zu revidieren).

Zum Beispiel das Foto, das Mitglieder der Jüdischen Gruppe Frankfurt Anfang der 80er Jahre bei einer Protestkundgebung gegen den Libanon-Krieg zeigt – linke jüdische Intellektuelle, die die israelische Regierungspolitik kritisieren und für die Rechte der Palästinenser einstehen. Und versuchen, selbst eine Position zwischen den Fronten zu finden, als Gruppe, als Individuen.

Ohnehin nicht vergessen haben wird man den Protest der Jüdischen Gemeinde gegen das Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ 1985, auch er findet im Jüdischen Museum in Frankfurt seinen besonderen Platz: als erstmaliges Heraustreten, eine veritable Offensive, aus Empörung, Verzweiflung und dem Gefühl geboren, auf sich gestellt zu sein.

Zur Sache

Das Jüdische Museum Frankfurt ist seit dem 27. Mai wieder offen. Mit einem Zeitfensterticket ist der Besuch möglich, ein Negativtest ist derzeit nicht erforderlich.

„Gegen den Judenhass“ heißt eine Online-Führung, die Direktorin Mirjam Wenzel am heutigen Mittwoch um 18 Uhr anbietet – trotz der Wiederöffnung sind Führungen vor Ort noch nicht möglich. Eine Anmeldung braucht es nicht, allerdings einen Internet-Anschluss. Die Daten für den Zugang via Zoom finden sich auf www.juedischesmuseum.de

Antisemitismus und die – in der Tat schon immer praktisch ausschließlich von Juden initiierten – Gegenstrategien. Das ist eine zähe Angelegenheit, wie sich hier eindringlich zeigt: diese verbreitete Grundannahme, das Thema Antisemitismus gehe nichtjüdische Deutsche nichts weiter an. Und das ist ein roter Faden, der (eigentlich unsichtbar) durch die Dauerausstellung im Frankfurter Jüdischen Museum – natürlich hier – läuft. Wer Gelegenheit hat, mit der Direktorin Mirjam Wenzel durch die Säle zu gehen (heute Abend jeder und jede: siehe Infokasten), begegnet ihnen auf Schritt und Tritt.

Am Explizitesten geschieht das in dem Saal, in dem die Aufklärer ihren Hass von den Wänden rufen (schnauzen, quatschen). Aber Judenhass und Aufklärung, wie ist das nur möglich? Wenzel hält es mit der israelischen Forscherin Shulamit Volkov: Antisemitismus als Code der westlichen Kultur. Außen an den Wänden also der Hass (hier können Sie auch nach dem Ort schauen, an dem Sie selbst Urlaub machen), in der Mitte des Raums die Gegenwehr.

Buchstäblich durch die Gründung von jüdischen schlagenden Verbindungen, die Makkabi-Sportvereine und die „Muskeljuden“, die sich auf den Freiheitskämpfer Judas Makkabäus berufen konnten. Pragmatisch durch Selbstorganisation von der Loge bis zum Central-Verein. Intellektuell durch Information, ein aussichtsloses Unterfangen, und Analyse, denn auch der Beginn der Antisemitismusforschung war jüdischen Autoren überlassen. Und Humor. Man kann sich Friedrich Hollaenders Couplet „An allem sind die Juden schuld“ anhören, das 1931 für alle Antisemiten den schönsten und größten und lustigsten Spiegel bereithielt.

Wenzel kann aber in fast jedem Raum des Museums weitere Beispiele zeigen. Selbst die Ratsche, mit der am Purimsfest die Nennung des schurkischen Judenfeindes Haman im Buch Esther übertönt wird, ist eine (zivile, symbolische) Gegenwehr: Sein Name soll nicht genannt, wenigstens nicht gehört werden.

Das jüdische Leben, wie es sich im Frankfurt vor 1933 und nun im Museum zeigt, ist zugleich – keine Überraschung, aber immer wieder eine Erschütterung – ein vertrautes bürgerliches. Auch die Vorfahren der Franks sorgen über Generationen dafür, dass die Kinder gut ausgebildet werden, musisch, sprachlich, in jeder Hinsicht. Wenzel weist auf das Hochzeitsgeschirr von Betty Kahn hin, der Ururgroßmutter von Anne Frank, mit der man schon zurück in der Goethezeit ist. Gepflegt das Porzellan, lang der Frankfurter Stammbaum der Familie.

Zu sehen ist, an einer Stelle, an der jeder ihn in Ruhe lesen kann, ein Brief von Otto Frank, der zu diesem Zeitpunkt, kurz nach dem Krieg, noch hofft, dass seine Töchter Margot und Anne überlebt haben, irgendwo wieder auftauchen könnten. Erneut Versuche einer Gegenstrategie: aufklären, erzählen (Anne Frank erzählen lassen), an die Öffentlichkeit gehen. Zu sehen ist die Schreibmaschine, mit der Otto Frank die Briefe beantwortete, die ihn waschkörbeweise erreichten, als Buch, Theaterstück, erste Verfilmung zu Erfolgen wurden.

Das eine sind die großen Linien, das andere sind die Geschichten vieler einzelner. Es gibt einen ganzen Raum, in dem schändliche und schikanöse Gerichtsurteile und Verordnungen nach 1933 von Menschen aus geschildert sind, gegen die sie sich richteten. Dass das Jüdische Museum seiner neuen Dauerausstellung aber vor allem von heute aus zurückschaut, kann man sich von Mirjam Wenzel ebenfalls schön zeigen lassen. Oder es selbst merken. Abgesehen von der allgemeinen Euphorie, die einen beim ersten Betreten eines Museum nach sieben Monaten überkommt, so beeindruckt etwa die Technik, mit der man sich Texte auf eine kleine Karte ziehen und zu Hause auf dem Computer in Ruhe anschauen kann. Ein Stück Museum zum Mitnehmen. Man darf es nur nicht unterwegs vergessen.

Ein starker Mann, Moritz Daniel Oppenheimers Moses, ein echter Anführer, betont Wenzel. Oppenheimer malte auch die Kopie einer Raffael-Madonna, aber bei ihm hat sie keinen Heiligenschein und hinter ihrem Söhnchen ist kein Kreuz zu sehen. Denn es ist eine jüdische Mutter, die ihr Kind auf dem Arm hält. Eine Beobachtung, die zu Recht Oppenheimers Selbstbewusstsein als Jude zugeschrieben wird, aber es ist auch eine Beobachtung, die von Vernunft und historischem Bewusstsein zeugt.

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