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Philosophin Judith Butler über Israel und Hamas: „Die Gräueltaten waren entsetzlich“

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Philosophin Judith Butler spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über moralische Argumente in Bezug auf den Nahost-Konflikt und warum die Hamas bestraft und Israels Krieg verurteilt werden muss.

Frankfurt – Judith Butler ist weltweit eine der bekanntesten Persönlichkeiten im Feld der Philosophie. In Deutschland gibt es eine breite Anhängerschaft besonders unter Studierenden, das belegt der Zuspruch bei ihren Auftritten an deutschen Universitäten. Aufgrund ihrer Haltung zu Israel ist Judith Butler aber in den letzten Jahren in die Kritik geraten, besonders in Deutschland. Gestern erklärte sie daher in einigen kurzen Statements für die Wochenzeitung „Die Zeit“, dass sie Angst habe, sich in Deutschland öffentlich zu zeigen, da sie massiv bedroht werde.

Sie ist Mitunterzeichnerin des Briefes „Philosophy for Palestine“, der aufgrund einer mangelnden Inblicknahme des Terroranschlags der Hamas am 7. Oktober kritisiert worden ist. Unter anderem kritisierte die Politologin Sheyla Benhabib den offenen Brief in scharfer Form. Wir hatten die Gelegenheit, Judith Butler einige Fragen zu stellen, um ihre Position, die genau wie die der anderen Interviewpartner:innen nicht die Position der Frankfurter Rundschau wiedergibt, darzustellen, so dass die Leserschaft sich selbst ein Urteil über den komplexen Sachverhalt bilden kann.

Verurteilt die Hamas und übt Kritik an Israels Krieg in Gaza: Philosophin Judith Butler.
Verurteilt die Hamas und übt Kritik an Israels Krieg in Gaza: Philosophin Judith Butler. © Alfredo Matilla/Imago

Philosophin Judith Butler im Interview – „7. Oktober ist nicht der Beginn der Geschichte der Gewalt“

Professor Butler, wie bewerten Sie den Terrorangriff der Hamas auf Israel und die israelische Reaktion im Gazastreifen?

Ein Grund, warum es für mich schwierig ist, der deutschen Presse Interviews zu geben, ist, dass es nicht viele gemeinsame Annahmen zwischen dem deutschen Diskurs und dem Rest der internationalen Gemeinschaft gibt. Viele Deutsche reagieren reflexartig, indem sie Israel bedingungslos unterstützen, aus Angst, dass jede Kritik ein Zeichen von Antisemitismus sein könnte. Weil es wichtig ist, seine Unterstützung für Israel zu signalisieren, stellt man sich die Frage: Wer ist schuld? Und dann muss die Antwort lauten: die eine oder die andere Partei. Wenn man sich für die eine Seite entscheidet, ist man ein Antisemit, wenn man sich für die andere Seite entscheidet, hat man sich erfolgreich gegen den Vorwurf des Antisemitismus gewehrt.

Bei allem Respekt möchte ich also darauf hinweisen, dass wir, wenn wir fragen, wer die Schuld trägt, alle Schäden und alle Akteure benennen müssen, auch wenn die Schäden nicht alle gleich sind, auch wenn nicht alle Akteure die gleiche Macht ausüben.

Das heißt?

Die an der israelischen Zivilbevölkerung begangenen Gräueltaten waren entsetzlich und können weder hingenommen noch rationalisiert werden. Aber wenn wir uns für die Gründe interessieren, warum es zu dieser Gewalt kam, sollten wir in der Lage sein, die Geschichte zu rekonstruieren, um sie besser zu verstehen. Historisch zu verstehen, warum es zu dieser Gewalt kam, ist nicht gleichbedeutend mit der Billigung von Gewalt. Eine Geschichte darzustellen und ein moralisches Urteil zu fällen, ist nicht dasselbe.

Wenn wir aber sagen, dass wir nur ein moralisches Urteil wollen und dass die Geschichte in dieser Angelegenheit nicht wichtig ist, dann haben wir eine Entscheidung getroffen, unsere Welt und ihre Entstehung nicht zu verstehen. Das ist eine gefährliche Entscheidung, wenn Unwissenheit und Slogans an die Stelle von historischen Untersuchungen und klaren moralischen Argumenten treten. So wie Sie diese Frage stellen, beginnt das Ereignis am 7. Oktober. Aber der 7. Oktober ist nicht der Beginn der Geschichte der Gewalt.

Sondern?

Wenn wir nur daran interessiert sind, zu klären, wer für die Anschläge am 7. Oktober verantwortlich ist, dann beginnen wir die Geschichte an diesem Tag. Wenn wir aber verstehen wollen, wie es zu diesen Anschlägen kam, dann müssen wir viel früher mit der historischen Erklärung beginnen. In der Tat müssten wir die letzten 75 Jahre verstehen, die Nakba, den Verrat an den Palästinensern durch das Oslo-Abkommen, die Geschichte der Bombardierungen des Gazastreifens und die Gewalt der Siedler gegen palästinensische Dörfer. Jetzt, wo ich diese Liste anbiete, könnte man sagen: Siehst du, Butler rechtfertigt die Gewalt, aber nein, ich versuche, eine Geschichte zu kontextualisieren, die nicht am 7. Oktober beginnt. Wenn wir wissen wollen, wer für den 7. Oktober verantwortlich ist, dann nennen wir die Hamas.

Wenn wir wissen wollen, was die Gewalt in der Region reproduziert, um der Gewalt endgültig Einhalt zu gebieten, dann müssen wir mit den Historikern zusammenarbeiten, um die selbsternannte Kolonisierung dieser Länder durch die politischen Zionisten, die Bedingungen, unter denen der Staat Israel gegründet wurde, und die Geschichte der Enteignung, Entrechtung, Inhaftierung, Belagerung und Bombardierung zu verstehen. Wenn wir Frieden für die Region und eine Zukunft anstreben, in der alle Bewohner des Landes unter Bedingungen der Gleichheit und Freiheit leben, dann müssen wir gemeinsam neu darüber nachdenken, wie sich Staatsgebilde im Laufe der Zeit verändern können und sollten.

Zur Person

Judith Butler, geboren 1956, ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik, Gender Studies und kritische Theorie an der University of California, Berkeley. 2012 erhielt sie den Adorno- Preis der Stadt Frankfurt. Sie gilt als feministische Philosophin und als eine der einflussreichsten Denkerinnen und Theoretikerinnen der heutigen Zeit.

Der akademische Lebenslauf Butlers begann an der Yale University. Dort studierte sie in der Zeit von 1974 – 1982 Kontinentalphilosophie. Im Jahr 1978/79 schloss sich ein akademisches Jahr an der Universität Heidelberg an. Nach ihrem Studium wurde sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Yale University tätig und promovierte 1984.

Aus ihrer Feder stammen Bücher wie „Das Unbehagen der Geschlechter“, „Körper von Gewicht“ oder „Psyche der Macht“ (alle Suhrkamp).

Philosophin Butler über den Krieg in Israel – „Regierung Biden hat sich extrem feige verhalten“

Wie sollte die internationale Gemeinschaft auf die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten reagieren? Wer kann überhaupt reagieren, die USA?

Die Regierung Biden hat sich extrem feige verhalten und Netanjahus Alibi für seine völkermörderische Politik hingenommen. Sogar seine eigenen Berater haben mit ihm gebrochen. Und dennoch gibt es keinen offensichtlichen Konsens in dieser Frage, denn sowohl Frankreich als auch Irland sprechen sich eindeutig für einen Waffenstillstand aus humanitären Gründen und für die Einleitung eines diplomatischen Prozesses aus, durch den die Geiseln zurückgebracht werden können.

Welche Position lässt sich aus der Philosophie in Bezug auf die Probleme im Nahen Osten ableiten?

Ich glaube nicht, dass es eine einzige Position in der Philosophie gibt, die zu Rate gezogen werden kann. Ich komme immer wieder auf Hannah Arendt zurück, die voraussagte, dass es in Palästina zu jahrzehntelanger Gewalt kommen würde, weil Ben Gurion auf der jüdischen Souveränität beharrte. Ich denke, dass die Philosophie eine zentrale Rolle bei der Aufdeckung der Voraussetzungen politischer und moralischer Argumentationsformen spielt, und dass wir alle die Pflicht haben, Ansichten zu vertreten, die auf nachweisbarem Wissen beruhen, insbesondere wenn wir über den Staat Israel sprechen. Wenn man zum Beispiel sagt: „Israel hat ein Existenzrecht“, dann verteidigt man damit im Allgemeinen das Recht Israels, nicht gewaltsam zerstört zu werden. Das verstehe ich. Aber wenn wir über Staaten sprechen, fragen wir normalerweise nach ihrer Legitimation. Sie üben nicht, wie menschliche Subjekte, ein Existenzrecht aus.

Staaten werden durch Prinzipien gegründet, die dann einer kritischen Reflexion unterzogen werden. Wenn wir die Frage ändern und fragen, in welcher Form ein Staat ein Existenzrecht hat, nähern wir uns der Behauptung, dass Staaten, die Minderheiten aus rassischen oder religiösen Gründen vertreiben und angreifen, sich der Frage nach der Legitimität stellen müssen. Man kann fragen, in welcher Form der Staat Israel (mit diesem oder einem anderen Namen) eine größere Legitimität hätte, und die Antwort darauf würde sicherlich ein Ende der Besatzung und einen gerechten Weg zur Anerkennung des palästinensischen Rechts auf Rückkehr erfordern.

Wir können uns von dieser Geschichte abwenden, den „kolonialen“ Rahmen ablehnen, aber das ist Teil eines Verleugnungsmusters, das allzu oft von denen geteilt wird, die aus ihren eigenen internen Gründen Israel bedingungslos unterstützen müssen, um nicht zur Zielscheibe des antisemitischen Vorwurfs zu werden. Wie wir wissen, ist Antisemitismus eine Form des Rassismus, die ebenso wie alle anderen Formen des Rassismus bekämpft werden muss. Er ist niemals moralisch zuzulassen. Aber den Vorwurf des Antisemitismus zu instrumentalisieren, um eine Zensur oder einen erzwungenen Konsens zu erreichen, während er für die wahren, dauerhaften und abscheulichen Fälle reserviert sein sollte, ist eine Beleidigung und eine Verletzung.

Welche Reaktion erhoffen Sie sich als Unterzeichnerin des offenen Briefes „Philosophie für Palästina“?

Ich hoffe, dass der Völkermord an der Zivilbevölkerung in Gaza ein Ende hat. Es gibt Menschen, die sich von einem Völkermord abwenden, wenn er geschieht, und später bereuen, dass sie sich geweigert haben, das zu benennen, was sie sehen und wissen. Ich schließe mich denen an, die diese bösartige und vorsätzliche Gewalt als „Völkermord“ bezeichnen, denn sie entspricht der Definition der Völkermordkonvention. Dort wird Völkermord definiert als die Begehung bestimmter Handlungen „in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu vernichten“. Die „Gruppe“ muss das Ziel sein, einschließlich der Nationalität oder der ethnischen Zugehörigkeit. Der „Teil“, der vernichtet werden soll, kann eine Untergruppe sein, zum Beispiel in einem bestimmten geografischen Gebiet.

Die in Gaza lebenden Palästinenser können als Teil der palästinensischen Bevölkerung die Zielgruppe im Sinne der Völkermordkonvention darstellen. Massentötungen sind ein Mittel, mit dem ein Völkermord begangen wird. Der polnisch-jüdische Jurist Raphael Lemkin führte aus, dass Völkermord häufig „einen koordinierten Plan umfasst, der auf die Zerstörung der wesentlichen Lebensgrundlagen nationaler Gruppen abzielt, so dass diese Gruppen verdorren und absterben wie Pflanzen, die einen Brandschaden erlitten haben…. Dies kann dadurch erreicht werden, dass jede Grundlage für persönliche Sicherheit, Freiheit, Gesundheit und Würde ausgelöscht wird.“ Dies ist eindeutig der Fall, wenn über 10 000 Menschen getötet werden, darunter auch Kinder und Babys, und wenn die Infrastruktur des Lebens, einschließlich der Fortpflanzung, zerstört wird.

Judith Butler über Krieg in Israel – „‘Nie wieder!‘ gilt nicht nur für das jüdische Volk“

Wie andere haben auch Sie den Brief nur zögernd unterzeichnet. Und warum?

Ich habe den Brief unterschrieben, weil ich gegen den Völkermord Stellung beziehen will, und das ist genau das, was mir als Jude beigebracht wurde: „Nie wieder!“ gilt nicht nur für das jüdische Volk, sondern für alle Menschen. In diesem Sinne bin ich ein Universalist. Aber ich folge auch den jüdischen ethischen Lehren meiner Jugend. Ich bin der Meinung, dass die Hamas benannt und für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Ich verstehe, dass andere der Meinung sind, dass jede derartige Äußerung von der israelischen Gewalt in diesem Jahrzehnt ablenkt, und einige argumentieren, dass der bewaffnete Widerstand der Hamas nicht nur sinnvoll, sondern gerechtfertigt ist.

Wie meine Arbeit deutlich gemacht hat, verteidige ich die Gewaltlosigkeit als Praxis und als Philosophie. Ich würde jedoch gerne von einer durchdachteren Debatte über bewaffneten Widerstand lernen, die sich auf andere antikoloniale Kämpfe und auf die Unterschiede bezieht, die wir etwa zwischen Fanon und Gandhi in Fragen der Gewalt sehen. Aber ich bin mir sicher, dass viele verärgert sein werden, wenn ich den Begriff bewaffneter Widerstand verwende, da „Terrorismus“ der einzige Name für diese Gewalt sein soll, und das ist sicherlich eine diskursive Taktik, um nicht nur alle Fragen wie diese auszublenden, sondern auch um die massive Tötung von Zivilisten zu rechtfertigen. Die moralische Verurteilung der Hamas, die ich nun mehrfach vorgenommen habe, ist von entscheidender Bedeutung, aber die Verurteilung allein begründet noch keine Ethik, keine Politik und keine Vision für die Zukunft.

Wie sollte Ihrer Meinung nach der Nahostkonflikt gelöst werden?

Idealerweise sollten sich alle Bewohner dieses Landes, einschließlich derer, die gegen ihren Willen gezwungen wurden, das Land zu verlassen, für eine politische Form entscheiden, in der sie in Würde, Gleichheit und Freiheit leben können, frei von der Bedrohung durch Gewalt. Das Ende der Besatzung wird sicherlich dazu beitragen, der Gewalt ein Ende zu setzen. Wenn ein internationaler Kongress oder Friedenstruppen in die Region eindringen können, während ein diplomatischer internationaler Kongress zusammentritt, dann kann es Hoffnung für alle Bewohner der Region geben.

Arendt verstand, dass die Menschen gemeinsam handeln müssen, um eine Regierungsform zu schaffen, die ihren Willen widerspiegelt. Sie kann weder von Großmächten aufgezwungen werden, noch kann sie erfolgreich sein, wenn sie auf Diskriminierung und Ausschluss einer Gruppe zugunsten einer anderen beruht. Als jüdische Denkerin verstand Arendt, dass es keinen Sinn macht, wenn eine Gruppe von Flüchtlingen im Gefolge des Nazi-Regimes eine andere Gruppe zu Flüchtlingen macht. Dies hat sich als ein fataler Widerspruch erwiesen, der noch nicht gelöst ist.

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