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)Diffizile Arbeit mit Stoff vor den Augen: Eine Afghanin webt einen Teppich. A. MAJEED / AFP

Frauenrechte

Joni Seager „Frauenatlas“: Nachrichten aus dem Krieg der Geschlechter

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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In vielen Gesellschaften dürfen Frauen nicht über ihr Geld verfügen und werden einem Vormund unterstellt

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood schrieb: „Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen könnten. Frauen haben Angst, dass Männer sie töten könnten“. Das Zitat steht in Joni Seagers „Frauenatlas“, der am Montag auf Deutsch erscheint. Das Buch bietet einen Überblick über die Lage der Frauen weltweit. Heute. Eine Übersetzung aus dem Englischen. Wer also Informationen über Deutschland sucht, sucht vergebens. Die Karte „Häusliche Gewalt nach Regionen“ zeigt z. B., dass in Zentralafrika 66 Prozent der Frauen zwischen 18 und 69 Jahren von ihrem Partner Gewalt erfahren haben. In Westeuropa sind es 19 Prozent und in Nordamerika 21 Prozent. Blättert man eine Seite weiter, stößt man auf eine Grafik, die einen darüber aufklärt, dass 51 Prozent der indigenen US-Bürgerinnen Opfer häuslicher Gewalt sind. Bei den Asiatinnen sind es nur 15 Prozent.

Spätestens an dieser Stelle erwacht das Interesse an den Methoden, mit denen die Daten erhoben wurden. Darüber aber klärt die in Boston lehrende Geographie-Professorin Joni Seager Leserinnen und Leser nicht auf. Das wäre allerdings auch angesichts der Fülle der aus unterschiedlichsten Quellen zusammengetragenen Daten in einem Buch nicht möglich. Je mehr man erfährt, so ist es nun mal, desto ungenauer wird das Wissen.

Wer sich auf der Webseite des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend nach „Häuslicher Gewalt“ umsieht, der stößt hierauf: Nach Angaben des Bundeskriminalamtes wurden 2018 in der Bundesrepublik insgesamt 140 755 Menschen Opfer von Partnerschaftsgewalt. 114 393 davon waren Frauen.

Bei Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen in Partnerschaften sind die Opfer zu 98,4 Prozent weiblich, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es fast 88,5 Prozent. Bei vorsätzlicher, einfacher Körperverletzung sowie bei Mord und Totschlag in Paarbeziehungen sind 77 Prozent der Opfer Frauen. Das sind alles der Polizei bekannt gewordene Fälle. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) erklärte im November 2019: „Mehr als einmal pro Stunde wurde 2018 eine Frau in der Partnerschaft gefährlich körperverletzt.“ Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten. Man wird davon ausgehen müssen, dass ein Vielfaches davon nicht zur Anzeige kommt.

1966 hatten die Richter – ausschließlich Männer – des 4. Zivilsenats am Bundesgerichtshof ihre Erwartungen an Frauen in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der BRD so formuliert. „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.“ Als Vergewaltiger bestraft wurde in der Bundesrepublik nur, wer sein Opfer mit Gewalt, so hatte der Gesetzgeber es formuliert, zum „außerehelichen Beischlaf“ zwang. Ein Trauschein wirkte wie ein Freibrief. Das Gesetz, das Vergewaltigungen in der Ehe zur Straftat machte, trat erst am 1. Juli 1997 in Kraft. Die Volksrepublik China folgte 2016.

Häusliche Gewalt ist nur ein Mittel „wie Frauen in ihre Schranken gewiesen werden“. Es gibt sehr viele andere. Saudi-Arabien zum Beispiel ist, so schreibt Joni Seager, das „Königreich der Mündel“. Jede saudische Frau braucht einen Vormund. Das können der Vater, der Gatte oder der Sohn sein oder ein Nicht-Verwandter, der eingesetzt wird.

Mein Nachname verdankt sich einer ganz ähnlichen Institution. Ein Widmann war ein Mann, der zum Vormund einer Witwe gemacht wurde. Eine Institution, die in vielen Regionen des deutschen Südens in stark voneinander variierenden Zuschnitten bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts existierte. Daher findet man den Namen vor allem dort. Vergessen wir nicht: In der Bundesrepublik verwaltete bis 1958 der Ehemann auch das von seiner Frau in die Ehe eingebrachte Vermögen, die daraus erwachsenden Zinsen und das Gehalt, das seine Frau verdiente. Erst ab 1958 waren Frauen berechtigt, ein eigenes Konto zu eröffnen und damit über ihr eigenes Geld zu verfügen.

Im Grundgesetz hatte auch damals schon gestanden: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ (Artikel 3,2). In der Verfassung der DDR vom Oktober 1949 hieß es im Artikel 7 deutlich freiheitlicher: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.“ Ende der 80er Jahre lag die Erwerbsquote der Frauen bei 91,2 Prozent. Weltweit einzigartig. In all den Fällen, in denen Männer sich nur wenig an der Hausarbeit beteiligten, bedeutete das für die Frauen allerdings eine „zweite Schicht“. Aber sie hatten ihr eigenes Geld und auch das Recht, darüber zu verfügen.

2014 ergab eine Untersuchung zur Lage in 116 Entwicklungsländern: In sechs Prozent der Länder hatten Frauen nicht das Recht, Land zu besitzen. In 17 Prozent hatten sie nicht nur das Recht dazu, sondern erwarben es auch ebenso frei wie die Männer. In 77 Prozent der Länder aber gab es zwar ein Gesetz, „doch vorherrschende Gewohnheitsrechte und traditionelle Praktiken“ hebeln es aus.

Joni Seager zeigt auch eine interessante Statistik über die Geschlechtertrennung bei der Computernutzung. In den USA nutzen 89 Prozent der männlichen und 86 Prozent der weiblichen Bevölkerung den Computer. In Italien sind es 66 und 57. In Deutschland 91 und 88. In Bahrein 98 und 99. Soweit ich sehe, nutzen nur in Bahrein mehr Frauen den Computer als Männer. In Großbritannien sind beide Geschlechter mit 95 Prozent dabei.

Eine Grafik zeigt, wie viel Jahre in verschiedenen Ländern vergingen zwischen der Einführung des sogenannten allgemeinen Wahlrechts und dem Termin, zu dem dann endlich auch Frauen wählen und gewählt werden durften. In Japan gab seit 1925 ein Wahlrecht für Männer, für Frauen erst 1945. In Italien wählten Männer seit 1919, Frauen erst seit 1945. In den USA dürfen Frauen erst seit 1920 wählen. Wie es mit den freien Wahlen dort aussieht, darüber belehren uns die Nachrichten, die uns täglich zeigen, wie die Trump-Regierung versucht, zum Beispiel afroamerikanischen Wählern – Männern wie Frauen – die Wahrnehmung des Wahlrechts zu erschweren. Die Schweizer Männer wählen seit 1848 ihre Vertreter in den National- und Ständerat; die Frauen erst seit 1971.

Joni Seager kommt zu dem Schluss: „Beim derzeitigen Tempo der Fortschritte wird der Gender-Gap 217 Jahre bestehen bleiben. 50 Länder reglementieren, wie Frauen sich aus religiösen Gründen kleiden sollten. In über 35 Ländern der Welt haben Frauen nicht dieselben Erbrechte wie Männer.“

Die 217 Jahre sind natürlich sehr optimistisch gerechnet. Den Fortschritten pflegen ja immer wieder Rückschritte zu folgen. 1991, vor also fast 30 Jahren veröffentlichte Susan Faludi ihren Weltbestseller „Backlash“, in dem sie beschrieb, wie Errungenschaften der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre in den 80ern systematisch zurückgefahren wurden. Angela Merkel besprach 1993 begeistert die deutsche Ausgabe des Buches in „Emma“: „Für mich eröffnet Susan Faludis Buch eine völlig neue Sichtweise auf die Entwicklung der letzten zehn bis 15 Jahre in Amerika. Es zeigt aber vor allem uns in Deutschland, die wir zur Zeit in einem Prozess der Annäherung von sehr verschiedenen Biographien in Ost und West sind, auf welche Gefahren Frauen stoßen werden.“

Die Vorstellung man könne Trends hochrechnen, ist völlig falsch. Es geht um Kampf. Meine kurz vor 1900 geborene Großmutter hatte, groß geworden in der Weimarer Republik, eine viel freiere Vorstellung von dem, wie eine Frau leben konnte, als meine Mutter, die im großen Backlash des Nationalsozialismus aufgewachsen war. Wer Privilegien verliert, wird sich damit nicht abfinden. Er wird nach Gelegenheiten suchen, sie zurückzugewinnen.

Das gilt nicht nur für materielle Vorteile. Das gilt zum Beispiel auch für das Recht, auf Frauen herabblicken zu können. Je mehr man einer Bevölkerungsgruppe wegnimmt, desto wichtiger ist, dass man ihr jemanden hinstellt, den sie mit Worten und Taten herabwürdigen kann. Diese zentrale Regel der Macht und ihrer Durchsetzung hat Donald Trump verstanden. Auf der einen Seite sorgt er mit seinen Steuergesetzen dafür, dass es seinen Milliardärskollegen gut geht, auf der anderen Seite erklärt er: „Ich kann die Frauen küssen und überall anfassen. Ich frage sie vorher nicht.“ Der Nachsatz ist wichtig. So signalisiert er, dass allein sein Wille zählt. Der der Frauen spielt keine Rolle. Das ist der Knochen, den er seinen von ihm enteigneten Geschlechtsgenossen hinwirft. Das sollen sie großartig finden. Ein richtiger Kerl. Er wird den Weg in die Katastrophe mit Sicherheit nicht verfehlen.

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