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Johann Joachim Winckelmann um 1777 - Porträt von Raphael Mengs.
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Johann Joachim Winckelmann um 1777 - Porträt von Raphael Mengs.

Todesarten 2

Johann Joachim Winckelmann: Meuchelmord in Triest

  • VonUlrich Rüdenauer
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Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden – das ist nicht jedem vergönnt.

Was es mit diesem vornehmen Herrn auf sich haben mag? Aus Wien trifft er mit der Postkutsche in Triest ein. Er will seinen Aufenthalt so kurz als nur möglich gestalten, es drängt ihn zur Weiterreise nach Venedig und von dort in sein geliebtes Rom. Es ist der 1. Juni 1768, noch hat es nicht zu Mittag geschlagen, als er im noblen Hotel Osteria Grande Quartier nimmt. Das Zimmer Nummer 10 bietet ihm Aussicht auf den inneren Hafen, den Mandracchio, und auf die Piazza San Pietro (heute die Piazza dell’Unità d’Italia). Vorgestellt hat der Durchreisende sich bei seiner Ankunft als Signor Giovanni. Sonst weiß man nichts von ihm. Niemand ahnt, dass es sich bei dem Mann um eine angesehene Persönlichkeit handelt – Präsident der Altertümer von Rom und Scrittore Teutonica der vatikanischen Bibliothek. Das allerdings sind lediglich die Ämter, die ihm ein sorgenfreies Leben sichern und im Alter bewahren sollen. Zuallererst ist er ein europäischer Gelehrter von Rang, möglicherweise einer der bekanntesten Intellektuellen der Zeit. Spätestens mit seiner „Geschichte der Kunst des Altertums“, vier Jahre zuvor erschienen, hat er nicht nur seinen internationalen Ruf gefestigt, sondern auch die Klassische Archäologie und moderne Kunstwissenschaft begründet.

Seine Schriften sind in alle möglichen Sprachen übersetzt und in aller Munde. Der Klassizismus ist ohne ihn nicht zu denken. Er wird bewundert und umschwärmt. Wie kein Zweiter vermag er es, antiken Kunstwerken sprachliche Gestalt zu geben. In der Kunst der Alten sieht er die geistig-moralische Schönheit materialisiert. Wer in jenen Jahren mit den Künsten und Wissenschaften befasst ist, kennt seine epochemachenden Zeilen: „Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und stille Größe! So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele.“

Auf dem Höhepunkt des Ruhms

Johann Joachim Winckelmann ist 50 Jahre alt – und auf dem Höhepunkt seines Schaffens und seines Ruhms. Einige Wochen zuvor ist er mit dem Bildhauer Bartolomeo Cavaceppi von Rom aus nach Deutschland aufgebrochen. Freunde sollen besucht werden, und Winckelmann will, wie Cavaceppi in seinem Bericht über diese gemeinsame Fahrt schreibt, „mit mehr Ruhe und Vorteil die Übersetzung eines seiner Werke aus dem Deutschen in die allgemeinere französische Sprache veranstalten“. Allein, die Reise setzt ihm seelisch zu. Schon im Gebirge ist ihm nicht wohl. Bei seinem Begleiter klagt er über die „schrecklichen, schaudervollen Gegenden“, über die „abgeschmackte Bauart“. Alles ruft in ihm Ekel und Abscheu hervor. „Er sagte, er habe keine Ruhe, wenn er die Reise weiter fortsetze, und suchte mich zu bereden, wieder nach Italien zurückzukehren.“

Todesarten

Wir blicken in unserer Serie auf Autorinnen und Autoren, die nicht im Bett starben, meist auch nicht mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, sondern auf kuriose, außergewöhnliche, verstörende Weise. Und wir fragen uns: Sagt uns der Tod etwas über ihr Leben und Werk?

Die Appelle Cavaceppis, doch an die ihn erwartenden Freunde zu denken, verhallen. Zum Besuch in Wien lässt sich Winckelmann noch überreden – Kaiserin Maria Theresia ehrt ihn mit je zwei goldenen und silbernen Gnadenmedaillen, die später noch eine fatale Rolle spielen sollten –, aber die Sehnsucht nach Rom ist zu stark, die „düstern Nebel in seinem Gemüte“ zu undurchdringlich. Sie machen ihn krank. Fieberanfälle zwingen ihn gar zu einem Krankenhausaufenthalt. Am 29. Mai besteigt er in Wien die Postkutsche, und am 1. Juni trifft er also in Triest ein, wo sich einer der vielleicht grausigsten und geheimnisvollste Mordfälle der Geistesgeschichte zutragen wird.

Der Koch, der Dieb und Winckelmann

Im Zimmer Nummer 9 der Osteria Grande wohnt ein gewisser Francesco Arcangeli. Eine dubiose Gestalt, aus Florenz stammend, ein Koch, der wegen Diebstahls vorbestraft ist. Zwei Tage vor Winckelmann war er in Triest eingetroffen. Allem Anschein nach kommt es zu einer Annäherung der beiden ungleichen Hotelgäste. Arcangeli macht sich nützlich, hilft Winckelmann dabei, ein Schiff zur Überfahrt nach Venedig zu finden. Es entsteht ein vertrauensvolles Verhältnis, man sieht die Herren zusammen bei Tisch und durch die Straßen spazieren. Angeblich soll Winckelmann vor dem mittellosen Koch mit den Münzen prahlen, die ihm Kaiserin Maria Theresia überreicht hatte. Schwer vorstellbar, aber wer weiß. Winckelmann war 1717 als Sohn eines einfachen Schuhmachers in Stendal geboren worden, sein Aufstieg scheint geradezu unvorstellbar und atemberaubend. Vielleicht erkennt er etwas in seinem Zimmergenossen, was er lange abgeschüttelt zu haben glaubt.

Die Ereignisse jedenfalls überschlagen sich: Am 8. Juni – die Abfahrt hatte sich ein ums andere Mal verzögert – tritt Arcangeli am Morgen in Winckelmanns Zimmer. Der sitzt arglos am Tisch und schreibt. Mit einem Strick versucht der Koch, den Überraschten zu erdrosseln, der wehrt sich, woraufhin Arcangeli mit einem Messer mehrfach auf sein verzweifeltes Opfer einsticht. Durch den Lärm alarmiert, tritt der Kellner Andrea Harthaber ins Zimmer. Arcangeli flieht, ohne sich der erhofften Wertgegenstände bemächtigen zu können. Blutend irrt Winckelmann, den Strick noch um den Hals, durch das Haus. Einige Zimmermädchen fallen in Ohnmacht, es dauert, bis ihm geholfen, und noch länger, bis ein Wundarzt gerufen wird. Sechs Stunden quält sich der große Winckelmann noch mit seinem Leben. Ärzte bemühen sich, ihm Erleichterung zu verschaffen. Polizisten befragen ihn zur Tat. Priester geben ihm die letzte Ölung. Es bleibt ihm sogar Zeit, sein Testament zu diktieren. Und seinem Mörder zu verzeihen.

Dessen Flucht endet nach nur wenigen Tagen. Er wird nach Triest zurückgebracht, eingesperrt, befragt. Nach anfänglicher Leugnung gesteht er den Mord und führt an, es auf die Münzen abgesehen zu haben. Bei späteren Verhören sagt er aus, in Signor Giovanni einen Juden, Lutheraner oder, schlimmer noch, einen Spion gesehen zu haben. Es hilft alles nichts. Das Urteil des k.k. Zivil- und Kriminal-Stadt- und Landgerichts lautet, „daß Ihr lebendig von oben nach unten und dergestalt gerädert werden sollt, daß die Seele vom Körper scheide und daß Euer Leichnam sodann auf dem Rade ausgesetzt verbleibe“. Am 20. Juli 1768 wird Arcangeli hingerichtet.

Übrigens wissen wir das alles so genau, weil die Gerichtsakten erhalten geblieben sind und der Triestiner Jurist Domenico De‘Rossetti im Jahr 1818 eine penible Recherche unter dem Titel „Johann Winckelmanns letzte Lebenswoche“ veröffentlicht hat – auf die übrigens nicht wenige Literaten von Gerhart Hauptmann bis Hans Joachim Schädlich zurückgegriffen haben, um den Stoff für Erzählungen und Romane zu nutzen.

Literatur zum Thema

  • Hein van Dolen: Mord in Triest. Der Tod von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) aus einer neuen Sicht. Akzidenzen 10. Flugblätter der Winckelmann-Gesellschaft. Stendal 1998.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Winckelmann und sein Jahrhundert. in: Goethes Werke. Band 12. Schriften zur Kunst. Hamburger Ausgabe. C.H. Beck. München 1981.
  • Klaus-Werner Haupt: Johann Winckelmann. Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaften. Weimarer Verlagsgesellschaft. Weimar 2014.
  • Horst Rüdiger: Winckelmanns Tod. Die Originalberichte. Insel-Verlag. Wiesbaden 1959.
  • Hans Joachim Schädlich: Vorbei. Drei Erzählungen. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2007.
  • Wolfgang von Wangenheim: Der verworfene Stein. Verlag Matthes-Seitz Berlin 2005.

De’Rossetti schrieb seinen Bericht auch, weil schon kurz nach dem mysteriösen Fall allerlei Spekulationen blühten. Manche sprachen von einem Auftragsmord. Die katholische Kirche wurde dahinter vermutet, weil Winckelmann mit seiner heidnischen Griechenverehrung zu viel Unruhe gestiftet habe. Andere tippten auf Konkurrenten auf dem umkämpften Feld der Archäologie, denen der Gerühmte zu mächtig geworden war.

Von Casanova In Flagranti erwischt

Auch Winckelmanns Homosexualität kam ins Spiel. Sie war zumindest unter den Eingeweihten kein Geheimnis, und so wurde auch von einem Verhältnis mit Arcangeli gesprochen. Zwar soll der junge Koch, zumindest laut späteren Beschreibungen, nicht unbedingt dem von Winckelmann bevorzugten Schönheitsideal entsprochen haben – als gedrungen und pockennarbig wurde er dargestellt. Ob das aber wirklich stimmt, ist freilich nicht mehr nachprüfbar. Wolfgang von Wangenheim legte 2006 eine biografische Arbeit über Winckelmann vor, in der er herausarbeitet, was Winckelmann persönlich an der Antike interessiert hat – und wie dieses Interesse fruchtbar geworden ist in seinem Werk. Seine sexuelle Veranlagung nämlich sei als Ursache für seine Lebensweise und als Triebkraft seines Arbeitens zu verstehen. Von Wangenheim schildert eine interessante Szene, die Giacomo Casanova kolportierte. 1760 hielt sich dieser in Rom auf, befreundete sich mit Winckelmann. Als er eines Tages ohne anzuklopfen in Winckelmanns Arbeitszimmer im Palazzo Albani trat, habe er ihn in einer anzüglichen Situation ertappt: Winckelmann sei gerade dabei gewesen, sich von einem schönen Jüngling zu lösen, der rasch versuchte, seine Hosen in Ordnung zu bringen. Winckelmann redete sich damit heraus, dass er als Verehrer der Alten auch deren Sitten achten und diese praktisch nachvollziehen wollte; er würde eifrig daran arbeiten, wenn auch mit wenig Erfolg. Acht Jahr später die Mordtat in Triest, an der, so von Wangenheim, ein „untilgbarer Rest von Distraction“ hafte. Sie sei die schauerliche Parodie der geschilderten Szene in Rom. „Wie Giacomo Casanova im Jahr 1760, so erblickte der Kellner Harthaber im Jahr 1768 Winckelmann morgens auf seinem Zimmer in unziemlicher Verstrickung mit einem jüngeren Mann.“ Die Szene endete dann allerdings weniger amüsant.

Ein „Pseudo-Winckelmann“

Hein van Dolen nähert sich dem Fall wie ein Kriminalist. In seinem Büchlein „Mord in Triest“ trägt er zunächst sorgsam all das zusammen, was sich über die verwickelte Angelegenheit sagen lässt – und was darüber in den vergangenen Jahrhunderten gesagt wurde. Um dann zu dem Schluss zu kommen, dass die Ungereimtheiten einfach zu groß seien und Arcangeli letztlich kein Motiv gehabt habe, Winckelmann zu töten, selbst wenn er es wirklich auf die Reisekasse und Medaillen abgesehen gehabt hätte. Van Dolens Vermutung, mit der er die etlichen Widersprüche des Verbrechens, der Aussagen und des Testaments lösen will: Nicht Winckelmann sei von Wien nach Triest gereist, sondern ein Betrüger, der sich des Gepäcks Winckelmanns bemächtigt habe. Deshalb auch die enge Vertrautheit des „Pseudo-Winckelmann“ mit Arcangeli. Die beiden kannten sich bereits. Der echte Winckelmann sei schon in Wien im Krankenhaus gestorben, und ein anderer Patient habe seine Identität angenommen. In Triest seien die beiden Ganoven dann im Streit aneinandergeraten, eine spontane Tat also. Der falsche Winckelmann habe seine Rolle bis zum bitteren Ende weitergespielt. Es ist eine wilde Spekulation, die van Dolen da anbietet, aber eine reizvolle, die jedem Kriminalroman gut zu Plot stünde.

Ein ewig Tüchtiger und Kräftiger

Des Rätsels Lösung – war es ein Meuchelmord, ein Auftragsmord, ein Mord aus Liebe oder gar eine Doppelgänger-Geschichte? – wird sich nicht mehr entdecken lassen. Man muss sich an die zeitgenössischen Gerichtsberichte halten, und die lassen viele Deutungen zu. So oder so: Winckelmanns trauriges Ende in Triest (oder im Allgemeinen Krankenhaus von Wien) ermordet von einem florentinischen Koch (oder dahingerafft von einer Krankheit und seiner Identität beraubt), passt so gar nicht zum Erhabenen, mit dem der Kunsthistoriker sich beschäftigte. Schäbig und gemein ist dieser Sturz in die Abgründe eines Gewaltverbrechens, und der Kontrast zum hehren Denken des Mannes umso größer.

Was bleibt, ist das Vermächtnis Winckelmanns. Seine Zeitgenossen jedenfalls trauerten um den Verlust eines Genies. Lessing schrieb an Nicolai: „Das ist seit kurzem der zweite Schriftsteller [nach dem Engländer Laurence Sterne], dem ich mit Vergnügen ein paar Jahre von meinem Leben geschenkt hätte.“ Herder widmete ihm einen Lobgesang. Und Goethe gleich eine ganze Schrift: „Winckelmann und sein Jahrhundert“. Darin heißt es: „Nun genießt er im Andenken der Nachwelt den Vorteil, als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu erscheinen: denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill als ewig strebender Jüngling gegenwärtig. Daß Winckelmann früh hinwegschied, kommt auch uns zugute. Von seinem Grabe her stärkt uns der Anhauch seiner Kraft und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das, was er begonnen, mit Eifer und Liebe fort- und immer fortzusetzen.“ (Ulrich Rüdenauer)

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