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Jens Balzer: „Ethik der Appropriation“- Gute Aneignung, schlechte Aneignung

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Von: Stefan Michalzik

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Flavor Flav mit seiner vielsagenden Uhr. Foto: Emma McIntyre/Afp
Flavor Flav mit seiner vielsagenden Uhr. Foto: Emma McIntyre/Afp © Getty Images via AFP

Möglichkeitsräume erweitern, nicht verengen: Jens Balzers überzeugender Vorschlag für eine „Ethik der Appropriation“

Cultural Appropriation“ – das ist ein Reizwort in einem Kulturkampf. Eine pauschale Ächtung der Aneignung von Kultur wäre widersinnig. In dem schmalen und kleinformatigen Bändchen „Ethik der Appropriation“, das im Verlag Matthes & Seitz herausgekommen ist, verweist Jens Balzer darauf, dass eine Kultur, die nicht aus der Aneignung und Vermischung vorausgegangener kultureller Formen resultiert, undenkbar ist. Wer Appropriation generell zu einem Vergehen erkläre, raube der Kultur jede Beweglichkeit und jedes Leben.

In den siebziger und achtziger Jahren, daran erinnert der einstige Musikredakteur der „Berliner Zeitung“ und heutige „Zeit“-Autor, war die Appropriation noch nicht so umstritten wie heute. Seinerzeit galt sie als ein unverdächtiges, sogar emanzipatorisches Konzept und als Gegenmodell zur „authentischen“ Geniekunst. Zu zitieren, zu rauben war eine ästhetische Pflicht. In den Werken von Künstlerinnen wie Dara Birnbaum, Cindy Sherman und Sherrie Levine galt das Offenlegen der eigenen „Abkünftigkeit“ als Ausweis einer reflektierten Kunst. Theorietexte der Postmoderne von Gilles Deleuze und Félix Guattari, Judith Butler, Paul Gilroy und Édouard Glissant lieferten das Unterfutter.

Überfällig indes, dass das Thema kulturelle Aneignung auf den Tisch gekommen ist. Von dem postmodernen Verständnis, so Balzer, lasse sich einiges lernen für die Debatten unserer Gegenwart, mit Blick auf ein dialektisches Verständnis der Beziehungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden – und der Machtverhältnisse, die diese Dialektik durchziehen.

Wenn Kultur, folgt man den Thesen von Theoretikern wie Gilroy und Glissant, generell hybrid und rhizomatisch ist und sich somit von niemandem „besitzen“ lässt, habe sich, folgert Balzer, die juristisch formulierte Kritik der „cultural appropriation“ einer Susan Scafidi erledigt. Ohne Eigentum keine Enteignung. Dem stehe freilich die intuitive Erkenntnis entgegen, dass es verletzende Formen der Aneignung gibt. Beispielsweise das „Blackfacing“: Gleich welche Motivation dahinterstehe, rufe es eine die Jahrhunderte überspannende Geschichte der rassistischen Diskriminierung auf. Balzer unterscheidet in gelungene und misslungene Formen der Aneignung. Von einer gelungenen ist ihm zufolge auszugehen, wenn aus unterschiedlichen Einflüssen etwas Neues erwächst und die Elemente darin sichtbar und reflektiert bleiben. Misslungene Formen hingegen seien solche, die eine vorgebliche Authentizität oder gar fremde Traumata zum Gegenstand eines unreflektierten Konsums machen.

Das Buch

Jens Balzer: Ethik der Appropriation. Matthes & Seitz 2022. 87 Seiten, 10 Euro.

Misslungene Formen einer Kritik der Appropriation wiederum seien solche, in denen mit Blick auf eine bestimmte Kultur eine unangreifbare Form der Authentizität beschworen wird, in der Absicht, sie gegen den „Diebstahl“ von anderer Seite zu verteidigen. Gelungene Formen einer Kritik zeichnen sich laut Balzer dadurch aus, dass „nicht im bloßen Modus des Verbots“ operiert, sondern auf eine ausbeuterische Appropriation mit „counter appropriation“ reagiert wird.

Beispielhaft nennt er das Schaffen der afroamerikanischen HipHop-Crew Public Enemy und deren Strategie einer Wiederaneignung der von der weißen Hegemonie okkupierten schwarzen Musiktradition mittels Zitaten. Public-Enemy-Rapper Flavor Flav trägt stets eine Uhr um den Hals, die signalisieren soll, dass es nun darum gehe, die Zeit zurückzudrehen und die von der weißen Macht verfälschte Geschichte neu zu erzählen. Hier werde der Möglichkeitsraum der Kultur nicht verengt, sondern erweitert.

Vielfach stelle sich im Übrigen der Eindruck ein, dass Empörung im Zusammenhang mit Aneignungsprozessen von Rechts funktionalisiert werde, um zu suggerieren, „die Linken“ seien die wahren Gegner der Meinungsfreiheit. Das antiappropriatorische Denken sei ein sehr weißes, schwarze Kultur hingegen feiere das Heterogene, die Vielheit, das Rhizomatische. Bei Jazz und HipHop handelt es sich um genuin hybride Formen. Die Kunst der counter appropriation, So Balzer, zerstöre den ideologischen Schein um vermeintlich authentische, ursprüngliche Formen von Kultur. „In der richtigen Form des Appropriierens steckt immer auch eine Kritik des Begriffs der Authentizität.“

In welcher Weise sich der Anspruch eines „korrekten“ Denkens ohne die Selbstgewissheit einer „richtigen“ Haltung definieren kann, dafür offeriert Jens Balzers Essay gerade auch in seinem nüchtern-sachlichen Ton eine tragfähige Handhabe. Das Wort „Vorschlag“ im Titel wäre indes sicher angebracht gewesen. Mit den Schlussworten plädiert Balzer auf eine „Ethik, die das Fremde im Eigenen freudig umarmt – und der Solidarität im Diversen wichtiger ist als der Kampf aller gegen alle“.

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