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Jean-Pierre Wils sieht gespaltene Gesellschaft: „Das Unbehagen wächst täglich“

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Von: Bascha Mika

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Der Philosoph Jean-Pierre Wils spricht im FR-Interview über den Zustand der Gesellschaft und warum sie so tief gespalten ist.

Herr Wils, welche Begriffe fallen Ihnen ein, wenn Sie an den Zustand unserer Gesellschaft denken?

Verstörung, Angst, Nostalgie, Sehnsucht nach Normalität. Es dominiert eine retrospektive Haltung, also der Versuch, sich den gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen nicht wirklich zu stellen. Eine Art Leugnung und Verdrängung zeigt sich allerorts. Ein fast kindliches Beharren darauf, sich jetzt erst recht an alles Bekannte klammern zu dürfen. Allerdings sind die Risse – der Einbruch zutiefst irritierender Realitäten – nicht länger zu übersehen.

Jean-Pierre Wils. Foto: Ted van Aanholt
Jean-Pierre Wils. Foto: Ted van Aanholt © TedVA Photography

Woher rührt die Verstörung?

Sie hängt damit zusammen, dass wir eine vergleichsweise lange Zeit hinter uns haben, die von positiven Erwartungen geprägt war: auf permanentes Wachstum und ökonomischen Wohlstand, auf privates Wohlbefinden. Da gab es zwar signifikante Unterbrechungen, wie zum Beispiel die deutsche Wiedervereinigung. Doch auch die wurde mit der Vorstellung angegangen, dass die potenziellen Verwerfungen mit dem notwendigen kapitalistischen Schwung aufgefangen werden könnten. „Blühende Landschaften“ statt schwierige Integrationsprozesse.

Aber die Klimakatastrophe war und ist doch nie mit positiven Erwartungen verknüpft gewesen.

Natürlich nicht, denn eine Bedrohung wird nicht begrüßt. Als aus ökologischen Gründen der Wachstumsmotor zunächst noch leise zu stottern begann, hegte man aber immer noch die Zuversicht, dass die Probleme mit enormen technologischen Investitionen zu bewältigen wären. Und zwar so, dass man keinerlei Abstriche am Gewohntem machen müsse. Doch dann stapelten sich die Krisen: die Finanzkrise 2008, die sogenannte Flüchtlingskrise 2015, die Corona-Pandemie 2020, die Überschwemmungskatastrophen und Hitzewellen der beiden letzten Jahre und jetzt der Ukraine-Krieg. Diese Erfahrungen können nicht mehr ummantelt werden.

Weil sich jetzt kaum noch jemand vorstellen kann, dass alles bleibt wie es war?

Wie gesagt, viele Menschen leben in einer Nostalgieblase. Man schottet sich ab. Nüchtern betrachtet wissen wir natürlich, dass der Zug auf dem gleichen Gleis nicht mehr weiterfahren wird. Das Unbehagen wächst täglich. Wir ahnen, dass wir viel verletzlicher sind, als wir glaubten. Das blinde Vertrauen, dass nach jeder Krise der nächste Aufschwung wartet, ist uns abhandengekommen.

Zur Person

Jean-Pierre Wils, geboren 1957, ist Professor für „Kulturtheorie der Moral, im besonderen Hinblick auf die Religion“ an der Fakultät für Religionswissenschaft der Radboud Universität Nijmegen (NL). Seine Forschungsschwerpunkte sind Anthropologie und Ethik, Religionstheorie und Kulturphilosophie.

Das Buch: „Der Große Riss. Wie die Gesellschaft auseinanderdriftet und was wir dagegen tun müssen. Ein Essay“. Verlag S. Hirzel, Stuttgart 2022. 272 S., 24 Euro.

Interview mit Jean-Pierre Wils: Philosoph erklärt, welche Krisen die Gesellschaft am härtesten treffen

Gab es einen Kippmoment, der die uns bekannte Welt grundlegend verändert hat?

So ein Kippmoment wurde immer wieder beschworen, wenn auch lange nur von einer sensibilisierten Minderheit. Eine kleine ökologische Avantgarde war sich bewusst, dass das Stottern des Motors keinen Hinweis auf eine kleine Reparaturbedürftigkeit darstellte, sondern auf einen irreversiblen Überalterungsprozess hinwies, auf ein Auslaufmodell. Was fehlte war eine Unterbrechung, die allen signalisierte, dass etwas Außergewöhnliches passiert sei und es keine Rückkehr mehr gäbe in die altbekannte Reparaturwerkstatt. Die großen Lockdowns 2020 waren solche Unterbrechungen und damit signifikant verstörende Erfahrungen. Das Hochwasser und andere Klimaextreme ebenso. Was aber noch längst nicht heißt, dass sie sofort als solche verstanden wurden.

Aber alle waren doch tagtäglich mit Corona und seinen Folgen beschäftigt. Und der drohende Klima-GAU hat die Grünen in die Regierung befördert ...

Leben in einer Übergangszeit: In ganz Europa wie hier in London gehen junge Menschen wegen der Klimapolitik auf die Straße.
Leben in einer Übergangszeit: In ganz Europa wie hier in London gehen junge Menschen wegen der Klimapolitik auf die Straße. © afp

... doch als ich vor wenigen Wochen einen Vortrag zu dem Thema hielt, hörte ich kurz davor zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Meldungen im Radio. Die eine: Erneut Waldbrände in der Nähe von Bordeaux bei einer Durchschnittstemperatur von 39,5 Grad – und zwar Mitte September. Die andere, einige Sekunden später: Noch nie sind vom Flughafen Dortmund so viele Menschen in sonnige Regionen geflogen wie in diesem Sommer. Das ist doch der Irrsinn! Diese Entschiedenheit, zu ignorieren, was geschieht.

Welche Art von Krisen beuteln uns am meisten?

Das hängt davon ab, wie nah sie uns kommen. Im Moment treffen uns am meisten die Inflation und die Energiepreise, denn diese merken Menschen sofort im Alltag. Da gibt es auch ein ad-hoc-Krisenbewusstsein, das verständlicherweise Angst und Panikattacken auslösen kann. Aber diese Krise ist ja nur die Signatur von viel größeren Verwerfungen. Wir merken plötzlich, wie fragil die Netzwerke sind, in denen wir uns befinden. Es braucht nur das sprichwörtliche Schiff, das schräg im Suezkanal steckt, um globale Lieferketten zu torpedieren. Oder es gibt einen Krieg im Osten, der in Teilen der Welt zu akutem Nahrungsmangel führt.

Interview mit Jean-Pierre Wils: Warum die Gesellschaft tief gespalten ist

In Ihrem Buch „Der große Riss“ diagnostizieren Sie eine tiefe Spaltung in der Gesellschaft, die durch die Krisen verstärkt wird. Das klingt ganz schön dramatisch.

Ich weiß, aber ich halte diesen Begriff dennoch für angemessen. Den Riss kann man sicher nicht mit dem Lineal von Punkt A zu Punkt B ziehen. Aber es zeigt sich immer mehr, dass uns in Wahrheit eine Kluft von der Normalität der Vergangenheit trennt, die wir nicht mehr überbrücken können. Die Wahrnehmung dieses Risses auf der einen Seite korrespondiert mit dessen Leugnung auf der anderen Seite. Es gibt also einen Riss in der Wahrnehmung, eine Kluft zwischen den Realisten und den Euphemisten, den Schönfärbern. Ich gehöre zu den Realisten. Ich glaube, dass wir in einer Schwellenzeit leben, und halte das für realitätstüchtiger.

Wo diagnostizieren Sie weitere Risse?

Es gibt in unserer Gesellschaft vielerlei Schmerzen und Leiden, die höchst unterschiedlich dosiert sind. Viele Menschen leiden still und verschämt vor sich hin. Und die Corona-Krise hat mit einer Wucht gezeigt, wie unterschiedlich die soziale, ökonomische und ökologische Last auf den Schultern verteilt ist. Man kann sich die Überschwemmungsgebiete und die Hitzeregionen aus dem Urlaubsflieger anschauen und die dort unten Verbliebenen scheinheilig bemitleiden. Zudem zerbrachen in dieser Krise viele Beziehungen, weil Menschen sich in Verschwörungsfantasien verschanzten und sich bei den Schuldzuweisungen vergaloppierten. Vernunftgründe standen unter Druck, Hasstiraden brachen sich Bahn.

Sie behaupten in Ihrem Buch, dass unsere Gesellschaft von ständiger Nervosität befallen ist bei gleichzeitig brodelndem Stillstand. Das müssen Sie erklären.

Wir sind nach wie vor hyperaktiv – was sich in nervösen Netzwerken und kurzatmigen Medien zeigt. Menschen haben permanent das Gefühl, Bestmögliches leisten und sich ständig optimieren zu müssen, um irgendwelchen Höchststandards zu entsprechen. Doch während wir mit einer Veränderungsdynamik unterwegs sind, wie es sie nie zuvor gab, wissen wir nicht, wohin uns diese irrwitzige Mobilisierung führt. Wir treten auf der Stelle und haben keine Ahnung, weshalb, wozu und wohin wir unterwegs sind. Was ist das Ziel? Inmitten dieser Beschleunigung stehen wir still. Das erzeugt Missmut, Erschöpfung und Müdigkeit. Diese Erfahrungen erzeugen kaum eine Resonanz im System, es sind die Einzelnen, die mit ihnen klarkommen sollten. Derartige Risse zeigen sich nicht überall in einem grellen Licht, nichtsdestoweniger sind sie da.

Wir tun gerne so, als seien die Krisen vom Himmel gefallen. Corona zum Beispiel. Lügen wir uns da in die Tasche?

Natürlich. Es ist eine Entlastungshypothese, dass diese Ereignisse über uns kämen wie Naturkatastrophen. Aber sogar diese sind häufig menschengemacht. Wir tun so, als hätten wir das Unglück nicht kommen sehen und hätten auch nichts mit den Ursachen zu tun...

... wir leugnen die Zusammenhänge?

Genau. Wir wollen sie nicht erkennen. Die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 zum Beispiel war ja keineswegs ein eruptives Ereignis, sondern ein Geschehen mit Ankündigung. Aber wir sprachen dann doch lieber von einer Schwemme oder einer Flut, also von einem Naturschock. Bei Corona sind die menschengemachten Zusammenhänge vielleicht etwas komplizierter, aber auch hier sind sie unabweisbar. Die pandemische Krise hat uns auch deshalb kalt erwischt, weil wir von einem unsichtbaren Kleinstwesen in die Bredouille gebracht worden sind. Da lässt sich leicht sagen, dass dieses Virus eine ungehörige Naturinstanz ist.

Interview mit Jean-Pierre Wils: So kann man gut mit Krisen umgehen kann

Und was hilft, damit wir nicht bei jeder Krise erneut wie vom Donner gerührt dastehen?

Ich plädiere für die Kunst der ständigen Improvisation. Das ist eine schwierige Aufgabe, weil wir seit der Neuzeit davon ausgehen, dass Gewissheiten herstellbar sind. Dass das Leben steuerbar ist und wir die Zufälle aussortieren können. Es hat sich eine träge Zuversicht ausgebreitet. Wir sind so arrogant zu glauben, dass die westliche Moderne leistungsfähig genug ist, um immer eine schlaue Alternative zu finden, damit wir uns aus den Krisen herauswinden können. Von diesem Bild müssen wir uns dringend verabschieden. Wir werden gehörig improvisieren müssen in der Zukunft...

„Die Kunst des Überlebens ist eine Kunst ständiger Improvisation“, schreiben Sie...

... weil wir auf die absehbaren und auf die unabsehbaren Folgen unseres Lebensstils das Augenmerk richten müssen. Wir dürfen nicht wie bisher mit dem bestmöglichen Szenario rechnen, weil dieses uns im Grunde Sand in die Augen streut. Das Zeitalter der Gutnachtgeschichten ist vorbei. Damit meine ich nicht, dass wir in ständige Depression verfallen sollten, aber dass wir uns neu positionieren müssen – selbstkritischer, bescheidener, rücksichtsvoller. Die Krisen werden weder geringer noch kleiner, wir müssen einen permanenten Krisenzustand gegenwärtigen.

Was heißt das im Blick auf die Spaltung der Gesellschaft?

Erstmal heißt improvisieren, realitätstüchtiger zu werden und keinen trüben Hoffnungen nachzuhängen. Entscheidend sind die Kontexte, die Nahhorizonte. Zum Beispiel werden wir wohl aus einer Reihe von radikal globalisierten Zusammenhängen aussteigen und uns deglobalisieren müssen. Ich plädiere dafür, dass wir uns auf die Autarkiefähigkeit von Regionen besinnen. Das heißt nicht, dass wir alle aufs Dorf müssen. Aber wir müssen so weit improvisieren, dass wir die öffentlichen Güter – Wasser, Nahrung, Elektrizität, Gesundheit, basale Infrastrukturen – redemokratisieren, und diese im Rahmen übersichtlicher Nahhorizonten mitgestalten. Das wird uns gehörig herausfordern, wir werden viel ausprobieren müssen.

Aber sehen Sie denn die Bereitschaft zur Improvisation?

Die ist eher gering. Nehmen wir als einfaches Beispiel die Diskussion um ein Tempolimit auf Autobahnen. Es ist beschämend, dass das nicht umgesetzt wurde. Wir hätten sagen sollen: Jetzt improvisieren wir und machen drei Monate den Versuch, mit gedrosselter Geschwindigkeit voranzukommen. Wir probieren aus, wie das ist. Das wäre eine ungeheuer wichtige Erfahrung gewesen. Wir hätten jeden Tag einüben können, uns von althergebrachten Vorstellungen zu verabschieden. Und ich bin mir sicher, dass wir beim Tempolimit geblieben wären. Diese Chance haben wir leider verpasst. (Interview: Bascha Mika)

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